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Die Geschichte hinter der Geschichte

Eine Frau sucht Schlagzeilen: Brytney Cobia und ihre «Impfbettler»

Eine amerikanische Ärztin bekommt viel Platz in den Medien der ganzen Welt. Sie berichtet von jungen Covid-Patienten, die um die Impfung betteln – aber es sei leider zu spät für sie. Die Dame heisst Brytney Cobia. Und sie hat eine Schwäche für dramatische Geschichten. Es ist nicht der erste Fall.

Stefan Millius am 22. Juli 2021

Die Story zergeht förmlich auf der Zunge. Eine Ärztin, die live von der Apokalypse berichtet: Das kann sich keine Zeitung entgehen lassen.

Brytney Cobia, tätig in einem Spital in Birmingham im US-Bundesstaat Alabama, wurde innerhalb weniger Stunden zur Schlagzeile. Sie berichtete aus ihrem Berufsalltag, und das mit dramatischen Schilderungen. Offenbar hat sie es derzeit geballt mit «jungen gesunden Menschen» zu tun, die sich eine Covid-Infektion eingefangen haben und dringend beatmet werden müssen. Doch bevor das geschieht, passiert etwas anderes. Und das muss wörtlich zitiert werden:

«Eines der letzten Dinge, die sie tun, bevor sie intubiert werden, ist, mich um den Impfstoff zu bitten. Ich halte ihre Hand und sage ihnen, dass es mir leid tut – aber es ist zu spät.»

Es klingt wie die Umschlagseite eines Prospekts einer Werbekampagne. Umso mehr, als Frau Cobia nichts mehr tun kann für die Leidenden.

Brytney Cobias verzweifelter Hilfeschrei hat es auch in die Schweiz geschafft, zum Beispiel in den «Blick», der ja ohnehin zu einer Art medialem Impfzentrum des Landes geworden ist. Es gibt kein überzeugenderes Argument für die Impfung als junge, kerngesunde Menschen nahe am Tod – nur weil sie es verpasst haben, sich impfen zu lassen. Wer kann jetzt noch ernsthaft auf den Schuss verzichten?

Es ist eine gute Geschichte. Die andere Frage ist, ob es auch eine wahre Geschichte ist.

Denn es ist nicht das erste Mal, dass es Brytney Cobia an die Öffentlichkeit zieht. Die Frau ist offensichtlich nicht ausgelastet mit ihrem Dasein als Ärztin, sie möchte gerne im Gespräch sein. Sie hat das schon vor einem Jahr getan. Übrigens exakt ein Jahr vor dem neuen Fall. Als hätte die Frau die Uhr gestellt.

Damals ging es nicht um die Impfung. Damals verkaufte uns Cobia stattdessen die Maske. Ebenfalls mit herzzerreissenden Schilderungen von wahren Dramen. Nachzulesen ist das in diesem medizinischen Journal.

Die Ereignisse kurz zusammengefasst: Die Familie Cobia, auch der Ehemann ist Arzt, hat sich früh hervorgetan mit absolut vorbildlichem Coronaverhalten. Einhaltung aller Sicherheitsmassnahmen am Arbeitsplatz, privat nur Kontakt mit dem engsten Umfeld und so weiter. Im Juli 2020 standen Ferien in Florida an, die das Paar aber stornierte, weil es dort einfach zu viele Coronafälle gegeben hatte. Es musste es deshalb ein verlängertes Wochenende in Alabama tun.

Und dort, man fasst es kaum, wurden Brytney und ihr Mann Miles unvorsichtig im Rahmen einer Party, zu der - selbstverständlich – nur die absolut engsten Familienmitglieder eingeladen waren. Alle hielten sich fast die ganze Zeit an der frischen Luft auf, die Distanz wurde wo immer möglich gewahrt.

Aber, und nun setzt der Herzschlag vieler Leser für einen kurzen Moment aus, diese Familie trug keine Masken! Man habe sich in falscher Sicherheit gewiegt, so Brytney Cobia, weil man unter sich und draussen gewesen sei. Und danach brach die Katastrophe aus: Corona! Acht der elf Gäste im Haus am See hatten nach diesem Wochenende das Virus.

Brytney Cobia zeigte als erste Symptome am Montag nach dem Kurzurlaub. Sie musste sogar ins Spital. In welches? Das wollte sie der Zeitung nicht verraten, wieso auch immer. Aus dem Originaltext: «She didn't want to name the hospital».

Dort erklärte sie, sie sei vermutlich «Patient Zero», also der Auslöser des Ganzen, auch wenn sie keine Ahnung hatte, wo sie sich das Virus eingefangen haben könnte. Denn, zur Erinnerung, die Frau war immer übervorsichtig. Sie vermutete, sie könnte sich bei einem Patienten angesteckt haben, der einen falsch-negativen Test hatte. Sogar die zweijährige Tochter des Paars habe sich vermutlich angesteckt, sagte die Ärztin dem Journal, jedenfalls habe es einige Symptome gegeben.

Indem sie der Zeitung das erzählte, wollte sie laut eigenem Bekunden die Menschen aufrütteln, immer und überall eine Maske zu tragen. Auch draussen, auch im Familienkreis.

Der Artikel erschien am 21. Juli 2020. Genau ein Jahr, bevor Brytney Cobia es einmal mehr in die Schlagzeilen schaffte: Dieses Mal mit den um die Impfung bettelnden jungen Covid-Patienten.

Nun kann es natürlich sein, dass all das stimmt, was sie erzählt. Es ist ja auch nicht völlig ausgeschlossen, dass es den Weihnachtsmann gibt. Sehr viel wahrscheinlicher ist diese These: Da leidet eine unbedeutende Ärztin aus der amerikanischen Provinz am Münchhausensyndrom, das sie zwingt, immer wieder mit dramatischen Geschichten aufzufallen. Ein Jahr nach der – von keinem Spital belegten – Gruppeninfektion nach dem Familienurlaub liefert sie nun eine erneute Story, dieses Mal zur Impfung. Vermutlich haben die medialen Entzugserscheinungen einfach exakt nach 365 Tagen eingekickt.

Jeder Journalist, der etwas auf sich hält, müsste eine Behauptung einer bis dato völlig unbekannten Ärztin zuerst auf den Prüfstand stellen, bevor er daraus eine Schlagzeile zimmert. Im Fall von Brytney Cobia reichte es, dass sie auf Facebook verkündete, sie werde am Beatmungsbett um die Impfung angebettelt. Und schon rannten alle und tischten ihren Lesern das Ganze brühwarm auf.

Niemand hat das Ganze überprüft, niemand hat sich die Mühe gegeben, kurz zu checken, wer die Frau ist, die diese Story auftischt. Niemand kam auf die Idee, Google zu konsultieren und damit in Minutenschnelle zu wissen, dass es sich nicht um eine x-beliebige Ärztin handelt, sondern um eine, die ihr Gesicht gerne in der Zeitung sieht.

Aber das wäre hiermit nachgeholt.

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Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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