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Buchtipp

Eine Reise durch die Welt des Adels und seines Weins

Das Buch «Wein, Schlösser, Adel» ist ein herrlich untypisches Schweizer Werk: Prächtig gestaltet, dem Prunk gewidmet, den einstigen Adel im Zentrum. Die Geschichten, denen der Leser begegnet, zeichnen zudem ein wichtiges Stück Schweiz nach.

Stefan Millius am 11. Januar 2022

448 Seiten dick, Hardcover, fast 700 Abbildungen, viele davon grossformatig und alles in allem ein richtig schwerer Wälzer: «Wein, Schlösser, Adel», vor kurzem im «Weber Verlag» erschienen, ist kein diskretes Buch. Es nimmt viel Raum ein, es drängt sich dem Auge auf. Und das ist Absicht. Denn hier werden Geschichten von alten Adelsgeschlechtern erzählt, die einst die aristokratisch geprägte Schweiz beherrschten, dann aber im Zug der Neugestaltung des Landes gegen 1800 nach und nach zerfielen.

Was zunächst klingt wie ein Schulbuch, ist alles andere als das: Es ist ein Genuss für Freunde von dramatischen Storys, für Fans architektonischer Meisterleistungen sowie für Anhänger guten Weins – alles in einem. Ein wahrer Husarenritt, den sich die Autoren Andreas Z’Graggen und Markus Gisler da vorgenommen hatten, aber sie haben die Herausforderung gemeistert. «Wein, Schlösser, Adel» ist ein Buch, an dem man sich nicht sattlesen und sattsehen kann.

Rund 40 Geschichten sind es, die uns hier erzählt werden, aber nicht etwa in Form von Zahlen, Fakten und kolportierten Legenden. Die Basis waren Gespräche, die Z’Graggen und Gisler mit den einstigen Adelsfamilien führten. Nur schon, diese dazu zu bringen, die Tore zu ihren oft prunkvollen Anwesen zu öffnen und einen Blick hinter die Kulissen zu gestatten, dürfte nicht einfach gewesen sein. Das Ergebnis ist eine detailreiche Schilderung der glorreichen Vergangenheit der Schweizer Aristokratie, vor allem aber darauf, wie sich diese mit den neuen Gegebenheiten arrangierte.

Denn viele der Familien, die nach 1798 darunter litten, dass sie ihre einstigen Privilegien verloren, waren zu einer Neuorientierung gezwungen. Dass sie diese in ihren grossen Ländereien suchten, die sie nach wie vor besassen, liegt auf der Hand. Was tut man als Schlossbesitzer mit umfangreichem Grund und Boden? Man setzt auf Wein. Doch mit dieser Absicht waren sie schon vor über 200 Jahren keineswegs allein, es brauchte weit mehr, um erfolgreich zu sein.

Adlige werden zu Produzenten

Herrliche Anwesen, einst adlige Familien und ihr plötzlicher gesellschaftlicher Niedergang und dann auch noch Wein: Das ist ziemlich viel, jedes Thema für sich würde einen eigenen Buchtitel rechtfertigen. Da droht die Gefahr, auszuufern, den Fokus zu verlieren und damit keine Zielgruppe richtig anzusprechen.

Was «Wein, Schlösser, Adel» auszeichnet, ist aber das exakte Gegenteil. Nämlich die Tatsache, wie das alles bei der Lektüre zu einer Symbiose wird. Denn kein Schloss ohne Adel, kein Wein ohne Ländereien. Man erfährt süffig geschrieben und sehr detailreich, wie es den einst klangvollen Geschlechtern nach den gesellschaftlichen Umwälzungen erging, welche wechselvolle Geschichte ihre Anwesen durchliefen und wie aus Adligen Weinproduzenten wurden. Das aber, ohne dass einer dieser Aspekte zu stark oder zu wenig ausgeführt wird. Deshalb bleibt auch niemand enttäuscht zurück, der sich auf diese Schweizer Tour der besonderen Art einlässt.

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Cover Buch Wein

«Wein, Schlösser, Adel» ist auch ein Buch über die Schweizer Wirtschaftsgeschichte lange vor der Industrialisierung. Aber hier stossen wir nicht auf anonyme Schilderungen von Branchen, sondern begegnen den Nachfahren der Leute, denen es gelang, sich unter schwierigen Umständen neu zu positionieren, die auch nach dem Entzug der Privilegien oft wieder anknüpfen konnten an die Zeit, in denen sie – nur dank ihres Geblüts – etwas «Besonderes» waren. Man könnte das Ergebnis schon fast als «Homestorys der besonderen Art» bezeichnen.

Ganz nebenbei räumen die beiden Autoren durch die reichhaltigen Porträts auch mit dem Vorurteil auf, jemand, der allein durch die Gnade der Geburt viele Vorteile genoss, sei nicht imstande, sich selbst zu helfen, wenn das Schicksal zuschlägt. Vielen der vorgestellten Familien ist es gelungen, bis heute bedeutend zu bleiben. Vielleicht ist das Werk damit sogar ein Einblick in die Besonderheit des Schweizer Wesens: Durch Ideenreichtum und Fleiss zu Wohlstand zu kommen – oder ihn zu erhalten.

Die gute Nachricht für alle Leserinnen und Leser, die sich vor allem vom Aspekt «Wein» zum Kauf verführen lassen: Auch wenn «Wein, Schlösser, Adel» eine Reise durch die Vergangenheit ist, kann das Beschriebene heute noch erlebt werden – beziehungsweise genossen. Denn den grössten Teil der aufgeführten Weine gibt es nach wie vor zu kaufen. Und es sind in vielen Fällen herausragende Tropfen.

Mehr zum Buch gibt es hier.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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