Eine Zeitung oder Nachrichtensendung ohne Corona-Virus-Meldungen? Undenkbar. Täglich lesen wir Schlagzeilen, die teilweise verunsichern und Ängste schüren. Wie wirkt sich die Medienarbeit auf die Unternehmungen aus? Im Gespräch mit zwei Ostschweizer Experten für Krisenkommunikation.
Roger Huber und Patrick Senn sind ehemalige Ostschweizer Journalisten, die lange Jahre bei nationalen Medientiteln gearbeitet haben. Heute unterstützen Sie Organisationen und Führungskräfte in der Krisenkommunikation und sind Gründungsmitglieder des Verbandes für Krisenkommunikation vkk.
Roger Huber, Patrick Senn, das Corona-Virus hat die Schweiz fest im Griff. Wie gut funktioniert die Kommunikation seitens des Bundes Ihrer Meinung nach?
Huber: Das BAG ist nach einem Beamtenstart in die Gänge gekommen. Wer die Medienkonferenzen des BAG schaut, ist gut informiert – auch darüber, wer wirklich gefährdet ist und wie man sich verhalten soll. Daniel Koch, ein Mann mit grosser Erfahrung, präsentiert gut. Das Problem dabei sind die Schweizer Medien. Sie geben die Informationen des BAG selektiv weiter. Beispielsweise hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen in der letzten Woche zwar viel über das Corona-Virus berichtet. Die Hauptinformationssendungen Tagesschau und 10vor10 haben aber zu keinem Zeitpunkt ausführlich und explizit über die Schutzmassnahmen, die jeder einzelne treffen kann, informiert, obwohl das BAG an seiner Medienkonferenz vom 27. Februar sehr klar und deutlich darüber informierte. Leider passiert das immer häufiger, dass Medien jede Ausnahmesituation für Klickorgien missbrauchen und die Schlagzeilen überspitzen. Denn Stand Mitte Woche gab es durch Corona in der Schweiz noch keinen Toten. Ende Woche war es ein Todesfall.
Es hiess doch immer, man soll sich vermehrt die Hände waschen?
Senn: Das ist eben nicht gut genug. Erst in der Sendung PULS vom 2. März wurde erstmals demonstriert, wie man Hände richtig wäscht. Die Hauptinformationsgefässe Tagesschau und 10vor10 haben das nie geliefert. Dabei wäre diese Information für die Bevölkerung hierzulande – inklusive der muslimischen Bevölkerung – wohl die wichtigere Information gewesen als dass Saudi-Arabien Reisebeschränkungen zu den Pilgerstätten erlassen hat.
Sind die Massnahmen Ihrer Ansicht nach denn gerechtfertigt?
Huber: Wir sind keine Infektiologen, sondern Experten für Krisenkommunikation Aber wir arbeiten in solchen Krisenstäben mit. Die Infektiologen sind sich allerdings einig, dass die Massnahmen angebracht sind. In Italien wurden gebietsweise noch viel drastischere Massnahmen verhängt – und gleichwohl waren dort innert kurzer Zeit wesentlich mehr Tote und Infizierte zu beobachten.
Die Reaktionen auf die verschiedenen Massnahmen fallen sehr unterschiedlich aus. Während die einen es «hysterisch» nennen, möchten die anderen am liebsten die Grenzen dicht machen. Man hat das Gefühl, der Bundesrat weiss nicht so recht, was er selbst davon halten soll...
Senn: Wir sind nicht bei den Sitzungen des Bundesrates dabei. Krisenstäbe arbeiten aber immer nach denselben Prinzipien: Es werden verschiedene denkbare Massnahmen durchgedacht, Vor- und Nachteile evaluiert, und dann entschieden. Man muss sich bewusst sein, dass die Situation für die Behörden sehr undankbar ist: Wenn nämlich die Massnahmen zum Erfolg führen, dann wird es heissen: Das war alles übertrieben und wäre gar nicht nötig gewesen. Wenn es viele Tote gibt oder das öffentliche Leben zum Erliegen kommt aufgrund vieler Ansteckungen und Krankheitsfälle innerhalb einer kurzen Zeitperiode, dann wird es heissen: Da sehen wir es, ihr hättet von Beginn weg viel schärfere Massnahmen durchsetzen müssen.
Huber: Dazu kommt, dass die Behörden natürlich ständig abwägen müssen: Schärfere Massnahmen bedeuten höhere Kosten für die Wirtschaft – und ein Jahr später dann auch entsprechende Ausfälle bei den Steuereinnahmen von Bund, Kantonen und Gemeinden.
Die Kritik an den Bundesbehörden ist also nicht gerechtfertigt?
Huber: Eine der grossen kommunikativen Herausforderungen solcher Situationen ist die Tatsache, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der sehr viele alles immer besser zu wissen glauben. Wenn Sie sich heute die Tagesschau vom 27. Februar anschauen, dann wird dort Kritik an den Bundesbehörden angebracht, weil sie zu wenig tun würden. Einen Tag später folgte das Veranstaltungsverbot, und mit ihm drehte die Kritik. Schon am 28. Februar hiess es dann, die Behörden reagierten hysterisch. Mit anderen Worten: Was immer die Behörden entscheiden, Kritik ist ihnen sicher.
Beeinflusst mögliche Kritik von aussen Entscheidungen?
Huber: Etwas zynisch könnte man sagen: Wenn die Kritik sowieso kommt, erleichtert das wenigstens die Entscheidungsfindung, weil sich die Verantwortlichen ganz nach den Sachargumenten richten können. Es ist eine der grossen Herausforderungen der Krisenkommunikation geworden, dass es jeder besser weiss: Der Künstleragent, der bei SF ein Plattform bekommt, weiss ganz genau, dass die Massnahmen übertrieben sind. – Dabei ärgert er sich einfach darüber, dass er jetzt mit Verdienstausfällen fertig werden muss. Der Fraktionschef einer Bundesratspartei wirft dem Bundesrat Unfähigkeit vor, weil die Hotline bei seinem ersten Anrufversuch besetzt war. Und der Churer Stadtpräsident kritisiert die Behörden dafür, dass die Zahl von 1000 Besucher/innen bei Grossveranstaltungen willkürlich gewählt sei. – Dass die Grenze von 50 Personen, die er in der Folge einführt, genau so willkürlich ist, erscheint sich seiner Logik nicht zu erschliessen. Die Medien brauchen heute Experten. Wirkliche Experten zum Thema sind aber rar, also werden neue «Experten», die aber nur am Rande beim Thema Ahnung haben von den Medien präsentiert. Aber wer lässt sich schon einen Medienauftritt entgehen….
Kann man als Behörde kommunikativ etwas dagegen tun?
Senn: Meines Erachtens fehlte in der Medienarbeit etwas Zentrales: Über die eigentlich strategischen Ziele wurde meiner Meinung zu wenig orientiert: Die Massnahmen des Bundes sollen ja dazu dienen, dass die Anzahl der Infektionen nicht innerhalb von kürzester Zeit immens hochschiesst. Man stelle sich das öffentliche Leben einmal vor, wenn gleichzeitig die Hälfte der Bevölkerung krankheitshalber am Arbeitsplatz ausfällt, weil das Virus sich sehr schnell verbreitet. Dabei spielt es keine Rolle, ob die individuellen Erkrankungen milde verlaufen oder tödlich – darum geht es bei dieser Überlegung gar nicht.
Um was dann?
Senn: Bei so vielen gleichzeitig krankgeschriebenen Menschen wäre die öffentliche Ordnung gefährdet. Wie sollen beispielsweise die Zugsverbindungen noch aufrechterhalten werden, wenn die Hälfte der Lokführer zuhause bleiben muss? Wie sollen die Güterzüge dann noch die Artikel des täglichen Bedarfs in die verschiedenen Landesteile transportieren können? Wie sollen die Menschen versorgt werden, wenn die Hälfte der Pflegekräfte und Ärzte in den Spitälern selbst krank sind und zuhause bleiben müssen? Wer garantiert die öffentliche Sicherheit, wenn bei den Polizeikorps die Hälfte der Polizistinnen und Polizisten krank sind? Das ist ein sehr wichtiger Aspekt bei diesen Massnahmen. Darüber berichtet wird allerdings nicht oder zu wenig explizit.
Haben die Medien das verpasst?
Huber: Zumindest haben sie bei diesem Aspekt noch nicht geglänzt. Es ist aber kein neues Phänomen, dass Massenmedien lieber dem Skandal hinterherrennen, als die Orientierungsfunktion ernst zu nehmen. Da ist dann halt ein Zürcher Arzt, der den Abklärungsprozess kritisiert, interessanter, als das grosse Bild zu vermitteln.
Nach der Verordnung des Bundes herrscht seit dem letzten Wochenende Verunsicherung und Chaos bei der Umsetzung durch die Kantone. Wie hätte man das verhindern können?
Senn: Was aus Sicht der Krisenkommunikation erschreckend ist, war und ist die Kakophonie der Kantone nach der Verordnung des Bundesrates vom 28. Februar, also nach dem Veranstaltungs-verbot für Grossveranstaltung über 1000 Personen. Auch heute noch, über eine Woche später, herrscht das totale Chaos und jeder Kanton tut etwas anders.
Huber: Diese Kakophonie ist kommunikativ ein Desaster und schürt natürlich den Eindruck in der Bevölkerung, die Behörden wüssten nicht, was sie tun. Und das schon seit über einer Woche. Die Situation zeigt aber auch etwas auf: Führungsqualitäten zeigen sich insbesondere, wenn ein Sturm aufzieht. Im Moment sehe ich aber in vielen kantonalen Gesundheitsdirektionen vor allem Schönwetter-Kapitäne und Kapitäninnen. Leadership sieht anders aus.
Die Kantone schienen überrascht von der Verordnung des Bundes.
Senn: Die Reaktion der Kantone hinterlässt auf jeden Fall diesen Eindruck. Wir haben rasch nachgeschaut: in den Schweizer Medien tauchte der Begriff «Corona-Virus» zum ersten Mal am 8. Januar 2020 in einem Artikel der online-Plattform «nau.ch» auf. Ab dem 17. Januar 2020 wurde grossflächig darüber berichtet, damals waren in China die ersten beiden Toten zu beklagen. Ab diesem Moment war der Verlauf absehbar und man hätte mit einer Eventualplanung beginnen können. Dass ganze sechs Wochen später bei den Kantonen hektische Betriebsamkeit ausbricht, weil der Bund beschliesst, was schon lange absehbar war und unkoordiniert zum Teil völlig unbedarfte Regelungen beschlossen werden, das wirft dann schon die Frage auf, ob die Kantone der Aufgabe gewachsen sind. Umso mehr, als das Problem auch nach über einer Woche noch anhält.
Sind die Kantone überfordert?
Senn: Sie geben sich auf jeden Fall grosse Mühe, diesen Eindruck zu erwecken. Das ist genau so ein Beispiel dafür, wo dann die beste Krisenkommunikation nichts ausrichten kann – das Problem liegt nämlich davor, beim Krisenmanagement.
Die Unternehmen handhaben es ebenfalls unterschiedlich. Man ist schlicht nicht auf solche Ausnahmesituationen vorbereitet. Was hätte man besser machen können?
Senn: Das ist eine interessante Erkenntnis. In den letzten Jahren haben wir bei vielen Firmen mitgeholfen, Krisenstäbe und Krisenmanagement-Systeme aufzubauen. Und gerade zu Zeiten von Vogelgrippe und SARS waren Pandemien DAS grosse Thema auf Behördenseite, aber auch in den Unternehmen. Alle hatten sogenannte Pandemiepläne ausgearbeitet, Krisenstäbe hatten Pandemie-Übungen dazu durchgeführt und simuliert, welche Massnahmen man treffen müsste in einer solchen Situation. Wenn man feststellte, dass eine Organisation in einem Punkt nicht oder ungenügend vorbereitet war, hatte man entsprechende Massnahmen gesetzt. Offenbar ist 15 Jahre später von alledem nicht mehr viel präsent.
Werden solche Übungen denn nicht regelmässig wiederholt und die Unterlagen regelmässig aufdatiert?
Huber: Bei vielen Organisationen schon. Das Universitätsspital Zürich oder auch die SBB führen regelmässig Übungen des Krisenstabs durch, auch auf Stufe Bund gibt es immer wieder solche Übungen. Auch die grossen Reisebüros wie Kuoni sind dort gut vorbereitet. Allerdings sind die Themen, die beübt werden, Modeströmungen unterworfen: Eine Pandemie hat in den letzten Monaten und Jahren wohl kaum mehr jemand geübt. In den letzten Jahren waren die Themen der Übungen zunächst Strommangellagen, also weiträumige Blackouts, dann Terror-Szenarien. Gegenwärtig sind Hacker-Angriffe und Erpressungen mit Verschlüsselungssoftware sehr «en Vogue» bei solchen Übungen.
Senn: Gleichzeitig scheinen die Pandemie-Vorkehrungen nicht mehr weiter verfolgt worden zu sein. Was aber ein Stück weit eben auch typisch ist: Vielleicht hatte ein Unternehmen damals erkannt, dass eine Pandemie dazu führen kann, dass
Zum jetzigen Zeitpunkt ist es schwierig, die nächsten Tage vorauszusehen. Aber wohin führt die Reise? Gerade die wirtschaftlichen Folgen sind immens.
Senn: Wie gesagt, wichtig wäre, den Verlauf zu strecken und darauf zu achten, dass sich nicht zu viele Menschen gleichzeitig anstecken, damit einerseits die Kapazitäten im Gesundheitswesen ausreichen, aber auch generell das öffentliche Leben nicht zusammenbricht. Daran werden sich die Massnahmen ausrichten und versuchen, dieses Ziel mit dem geringstmöglichen wirtschaftlichen Schaden zu erreichen.
Huber: Was die Unternehmen angeht, ist ein weiterer Aspekt zu beachten: Wer heute die Kriterien einer guten Unternehmensführung erfüllt, muss über ein Risiko-Management verfügen. Darin macht sich eine Organisation Gedanken dazu, welchen Risiken es ausgesetzt ist und definiert eine Risikopolitik: Man kann Risiken versichern, ausschliessen, reduzieren, oder auch einfach tragen. Eine Pandemie ist ein Risiko, das jede Organisation in ihrem Risikomanagement berücksichtigt haben muss.
Nur: Wer das verpasst hat – jetzt ist es wohl zu spät?
Huber: Es ist schon interessant, wie unterschiedlich auch die Unternehmen jetzt kommunizieren. Ich bin mir nicht sicher, ob das in allen Fällen gut durchdacht ist. Wenn beispielsweise einer der grössten Zürcher Gastrounternehmer, bei dem im Lokal der günstigste Prosecco 61 Franken kostet, jetzt über Umsatz-einbussen jammert, dann könnte das auch kontraproduktiv sein. Das zeigt ein weiteres Phänomen in der Krise: da wird oft aus der Hüfte geschossen, statt dass zuerst mal überlegt wird.
Senn: Zwischen den vielen, die jetzt jammern und nach dem Staat rufen, gibt es ja auch Kreative. Die Firma Sivex beispielsweise. Sie bieten Eventlogistik an und haben jetzt notgedrungen nichts zu tun. Statt nach dem Staat zu rufen, haben sie auf Facebook einen Post lanciert, in dem sie sich für allerlei Arbeiten anbieten, die jemand vielleicht zu vergeben hat: Maurerarbeiten, Metallbauarbeiten, LKW-Transporte, anders weitige Handwerkerarbeiten, etc. Ich verstehe nicht, warum nicht gerade auch die Politik an die Solidarität appelliert. Wenn ein Basler Metzger wegen der abgesagten Fasnacht auf 10'000 Würsten sitzt, ja dann Herrgottnochmal, gibt es halt in Basel an diesem Tag für alle eine Wurst zum Zmittag. – Ich mag mich noch an eine Situation in St.Gallen erinnern, als das Kinderfest einst kurzfristig verschoben werden musste: Die ganze Bevölkerung hatte mitgeholfen, die Bratwürste zu essen, die schon produziert waren.
Manuela Bruhin (*1984) ist Redaktorin von «Die Ostschweiz».
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