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Berner Liedermacher im Interview

«Es braucht Menschen, die sich weit aus dem Fenster lehnen»

«Schriibe sie eifach nur no, wasme ne seit!?» Diese Frage stellt sich der Berner Liedermacher und Chansonnier Boris Bittel in seinem Lied «D Zytig». Er singt über das, worüber viele Menschen nicht mehr lesen, sprechen oder nachdenken möchten. Und er thematisiert auch Corona.

Nadine Linder am 29. Januar 2021

Boris Bittel singt über Corona und seine Auswirkungen, über die US-Präsidentschaftswahl, über Gewalt, Krieg, Rassismus und Umweltverschmutzung. Dabei hinterfragt er offen und direkt was in Zeitungen geschrieben steht. Wie viel von dem, was täglich veröffentlicht wird, auch wirklich glaubhaft ist.

Welche Motivation steckt für den 48-Jährigen hinter seinem Lied «D Zytig» und welche Reaktionen erhält er darauf?

Boris Bittel, mit Ihrem Lied «D Zytig» singen Sie wohl vielen Menschen aus der Seele. Wie kamen Sie dazu?

Ich bin ein vielseitig interessierter Mensch und höre mir gerne verschiedene Meinungen an. Meine Informationen hole ich mir aus verschiedenen Quellen. Schon bevor Corona die Schlagzeilen geprägt hat, fiel mir auf, dass Panik in den Headlines der Massenmedien immer wieder zur Tagesordnung gehörten. Als Liedermacher setzte ich mich damit auseinander. Mit der sogenannten ersten Welle und meinen persönlichen Erfahrungen, habe ich angefangen, kritisch zu hinterfragen. Daraus entstanden die Lieder «D Meinigsfreiheit» und «D Zytig».

Sie lehnen sich mit ihrem Lied ziemlich weit aus dem Fenster. Befürchten Sie als Künstler keine Nachteile daraus?

Wenn man sich der Kunst hingibt, in welcher Form auch immer, muss man mit Kritik rechnen. Es braucht Menschen, die sich dafür weit aus dem Fenster lehnen. Daher mache ich mir diesbezüglic nicht all zu viele Gedanken und sehe dies auch nicht als Nachteil.

Warum sind Sie einer der wenigen Schweizer Künstler, die sich das trauen?

Es gibt auch andere Künstler, die kritische Themen aufgreifen. Im Endeffekt ist es jedem Künstler selbst überlassen, worüber er singen, schreiben oder dichten will.

Wie reagieren die Menschen auf ihren Song?

Bisher waren die Reaktionen sehr positiv. Das schönste Kompliment war wohl, als mir eine Dame schreib, ich würde ihr aus der Seele singen.

Gab es auch Reaktionen aus den Medien oder der Politik auf ihr Lied?

Das wäre wünschenswert, ich bin offen für Reaktionen. Bis jetzt habe ich aber noch keine erhalten.

Sie singen «Und langsam frogi mi, was mir no chöi gloube, wo ir Zytig steit». Woran glauben Sie persönlich noch?

Das ist eine gute Frage. Ich glaube daran, dass kritisch sein wichtig ist. Auch glaube ich an die Vernunft und an den gesunden Menschenverstand. Im Endeffekt glaube ich an das Gute!

Im Text singen Sie auch «Werum isch die gueti, alti Berichterstattig so verheit?» Was kreiden Sie den Medien besonders an? Und was war früher besser?

Am meisten beunruhigt mich in den sogenannten Massenmedien die einseitige Berichterstattung. Es sollten vermehrt verschiedene Meinungen und Ansichten miteinbezogen werden.

Worüber möchten Sie gerne mal wieder in der Zeitung lesen?

Ich wünsche mir allgemein eine neutrale, sachliche und nicht auf Angst basierende Berichterstattung. Wir dürfen das Hoffen und Träumen nicht verlieren. Mich persönlich würde es unter anderem freuen in den Medien zu lesen, dass die Kultur wieder zum Leben erwacht.

Zur Person

Boris Bittel ist Berner Liedermacher und Chansonier. Er spielt Gitarre und singt in Berndeutscher Sprache. Inspiriert durch das Leben, durch seinen Alltag im Job und seine Heimatstadt Bern. «Gschichte us em Läbe» heisst sein erstes Programm, mit dem er seit Anfang 2019 live unterwegs ist.

Boris Bittel
Stölzle /  Brányik
Autor/in
Nadine Linder

Nadine Linder ist Redaktorin von «Die Ostschweiz».

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