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Homosexualität

«Es gab nicht den einen Moment»

Beschimpfungen, Beleidigungen und sogar Gewalt – das alles müssen sich Homosexuelle auch in der heutigen Zeit gefallen lassen. Pascal Rotach erläutert im Interview die scheinheilige Toleranz, die es eben nur an der Oberfläche gibt. Der 33-jährige St.Galler wünscht sich mehr Vielfalt als Stärke.

Nadine Linder am 19. Juli 2020

Erinnerst Du Dich an den Moment, als Dir selber klar wurde, dass Du auf Männer und nicht auf Frauen stehst?

Um die Frage nach dem «Wie» zu beantworten, muss ich sagen: eigentlich nie. Im Alltag erinnere ich mich eher nicht an jene Zeit; sie spielt für mich aktuell keine wesentliche Rolle. Es sei denn, ich werde danach konkret gefragt, wie jetzt hier im Interview; oder aber bei Schuleinsätzen von COMOUT oder während ich Module leite an der PHSG im Kontext der Sexualpädagogik. Da ist es dann jeweils umstandsbedingt ein Thema. Aber um genauer darauf zu antworten: Es gab nicht DEN Moment. Es war mehr eine Serie von Momenten, von Einzelerlebnissen während der Pubertät, im Alter von etwa 13 bis 17.

Wie hast Du Dich damals gefühlt?

Ich fühlte mich nicht so wahnsinnig gut. Homosexualität war in meiner Kindheit kein Thema. Nicht, dass es bewusst tabuisiert worden wäre. Aber in der Familie gab es kaum die Momente, in denen wir darüber sprachen. Insofern war es für mich ein sehr befremdliches Gefühl. Ich fragte mich, warum genau ich nun zu jener Minderheit gehören musste, die doch so einiges über sich ergehen lassen muss. Und letztlich gab es da Erwartungshaltungen; seien es meine persönlichen in Bezug auf Familienplanung, seien es die der Familie oder diejenigen der Gesellschaft als Ganzes. Immerhin herrscht ja noch immer die Vorstellung, dass man als Mann eine Frau heiratet und eine Familie gründet. Wer dem nicht entspricht, findet sich immer wieder in Selbsterklärungssituationen. Dementsprechend ist ein Coming-Out auch nie abgeschlossen.

Wie meinst du das?

Lernt man neue Menschen kennen, ist da dieser Moment, in welchem man den «Umstand» offenlegen muss. Denn grundsätzlich ist die grosse Mehrheit der Gesellschaft heteronorm; sie geht davon aus, dass das Gegenüber heterosexuell ist. Und das wollte ich mir nicht antun. Insofern entschied ich mich – ich war damals sehr von der Stärke des eigenen Willens überzeugt – zwar innerlich zu akzeptieren, dass ich wohl schwul sein würde, es aber nicht auszuleben, sondern eben den Erwartungen zu folgen; quasi den Weg des geringsten Widerstands zu gehen. Und es dauerte daraufhin mehrere Jahre, bis ich mich meinem Umfeld anvertraute, und zwar erst, nachdem mein Vater unerwartet aus dem Leben gerissen wurde. Ich war damals 19. Das war dann definitiv ein Wendepunkt für mich. Zumal ich mir ausmalte, dass ich ebenfalls mit etwas über 50 ohne grosse Vorerkrankungen sterben könnte, und mich bis dahin quasi nur an den Erwartungen der anderen orientiert zu haben. Und das wollte ich nicht! Also fasste ich mir ein Herz und outete mich zuerst bei Freunden, dann bei meiner Mutter. Bei Beiden brauchte es einiges an Überwindung, und viele Momente des Rumdrückens, bevor ich es nach aussen tragen konnte. Schlussendlich reagierten alle aber wohlwollend, wenn auch im ersten Moment vielleicht etwas konsterniert. Übrigens: Meiner einzigen damals noch lebenden Oma, sie war damals knapp 80, musste ich es nie erzählen; sie meinte zu einem späteren Zeitpunkt, als meine Mutter es ihr sagen wollte: «Das wusste ich schon lange!» Damit war die Sache erledigt. Es war eine knappe Reaktion, aber eine vielsagende für mich.

War es Dir vielleicht schon als kleiner Junge klar, dass Du «anders» tickst?

Irgendwie ja. Aber es war nicht das «Anders-ticken» in Bezug auf die Homosexualität. Ich hatte einfach andere Interessen als das Gros der Mitschüler.

Wird man Deiner Meinung nach schwul geboren oder zu einem Schwulen erzogen?

Geboren, definitiv.

Welche negativen Erfahrungen hast Du als Homosexueller in Deinem Leben gemacht?

Ich wurde schon mehrfach auf offener Strasse mit «Schwuchtel» beschimpft, wenn ich meinen Freund beispielsweise küsste. Das muss man leider immer noch in Kauf nehmen. Als ich einst mit einem Kollegen an einem Sonntagnachmittag in Zürich auf dem Bahnhofplatz die Strasse in Richtung Niederdörfli queren wollte, wurden wir von ein paar jungen Erwachsenen mit Füssen getreten und beschimpft. Uns geschah augenscheinlich zum Glück nichts, Wunden trugen wir aber innerlich trotzdem davon.

Wir leben im Jahr 2020. Wie tolerant geht die heutige Gesellschaft mit Schwulen und Lesben um?

Auf oberflächlicher Ebene scheint die Gesellschaft in der Tat tolerant. Geht man aber etwas weiter und tiefer, erscheint die Toleranz der Gesellschaft eher scheinheilig. Man hört denn auch des Öfteren Aussagen wie: «Für mich ist es okay, solange die mich in Ruhe lassen und es nicht in der Öffentlichkeit zeigen.» Es ist indes symptomatisch, wie sich unsere rechtliche Situation in der Schweiz gegenüber dem restlichen Europa präsentiert.

Noch heute wird «schwul» als Schimpfwort benutzt. Wie fühlst Du Dich dabei und wie entgegnest Du einer Person die so spricht?

Ich muss ehrlich sagen, ich höre es äusserst selten. Wenn ich es aber bei uns in der Schule einmal hören sollte, spreche ich die Person gleich darauf an und sage ihr, dass ich mich durch die despektierliche Verwendung dieses Wortes verletzt fühle. Die Kids reagieren dann meistens eher erschrocken, weil sie mich ja eigentlich nicht verletzen wollten. Dennoch ist es mir wichtig, sie darauf hinzuweisen, dass die nicht korrekte Verwendung Menschen verletzen kann.

Wie wird sich Deiner Meinung nach die Toleranz für Homosexuelle in den nächsten Jahren verändern?

Ich bin kein Prophet und weiss es schlicht nicht. Wer Homosexuelle persönlich kennt, weiss, dass wir die genau gleichen Sorgen und Ängste haben und genauso nach dem Glück und Erfüllung im Leben suchen wie alle anderen auch. Wenn diese persönlichen Begegnungen stattfinden können, dann hoffe ich schon, dass es besser wird.

Was würdest Du Dir von der Gesellschaft wünschen?

Dass sie ihre Vielfalt als Stärke erkennen kann und diese schützt und fördert.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Nadine Linder

Nadine Linder ist Redaktorin von «Die Ostschweiz».

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