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Faktenchecks als Propagandainstrument

Faktenferne Faktenprüferin

«20 Minuten» rüstet auf mit einer spezialisierten Faktencheck-Taskforce. Die oberste Hüterin der Wahrheit ist allerdings selbst sehr affin für puren Unsinn. Es gibt Anlass zur Sorge, dass sie nun Türwächterin spielt.

Stefan Millius am 26. Mai 2022

«Wem sein Penis lieb ist, der sollte sich besser gegen Covid-19 impfen lassen.»

«Gegen Covid-19 geimpfte Frauen schützen ihr Baby über die Muttermilch»

«Mann leidet nach Covid-19-Erkrankung unter ‹analem Unbehagen›»

«Forschende wollen Coronavirus mittels Schweiss nachweisen»

Diese Schlagzeilen klingen, als hätte sich der Praktikant eines schmierigen US-Tabloid-Blatts in der Kaffeepause mit einer Ladung flüssigem Klebstoff im WC eingeschlossen. Sie stammen aber aus «20 Minuten», konkret von einer Dame mit dem poetischen Namen Fee Anabelle Riebeling.

Die Wissenschaftsredaktorin genoss mit ihrer aufgeregten Stimmlage während der Coronazeit in den sozialen Medien grosse Verbreitung. Der erste Impuls als Leser war stets: «Geil, ein neuer Satireaccount, den muss ich gleich dem Heinz schicken!» Hatte man die Wahrheit dann mal erkannt («Ach, das ist ernst gemeint und die Frau gibt es wirklich!»), teilte man den Beitrag dennoch. Das ist wie beim Unfall auf der Autobahn: Man will nicht, aber man muss hinsehen.

Drum prüfe, wer publiziere

Nun übernimmt Riebeling die Leitung der neuen «interdisziplinären Faktencheck- und Video-Verifikations-Taskforce» von «20 Minuten». Meldung an den internen Einkauf: Bitte grossformatige Visitenkarten bestellen. Ihr Team, das noch im Aufbau ist, will noch mehr als bisher darauf achten, dass nur «geprüfte Informationen» publiziert werden.

Wie immer bei Faktencheckern ist es natürlich deren Geschmack überlassen, was das Prädikat «geprüft» erhält oder nicht. Unterm Strich müsste die Taskforce wohl einfach dafür sorgen, dass das, was in der Zeitung steht, stimmt. Früher war das eine Grundaufgabe von Journalisten, nun braucht es dafür eine Elitebrigade.

Aufjaulender Menschenverstand

Laut Fee Anabelle Riebeling setze man bei der Arbeit auf technische Onlinetools, aber mehr als das: «Wir setzen unseren Menschenverstand ein.» Das klingt bei ihr schon fast wie eine Drohung. Denn wie es herauskommt, wenn Riebeling ihren Menschenverstand abruft, sieht man, wenn man die Liste oben durchgeht.

– Ein Corona-Schweisstest wurde von thailändischen Forschern einst ins Spiel gebracht, danach hörte man schnell nichts mehr davon, und in der Apotheke sollte man eher nicht danach fragen. Bei Riebeling klang es wie der grosse Durchbruch.

– Muttermilch ist eine gesunde Sache, aber von einem Effekt der Impfung berichteten nur einzelne Ministudien wie beispielsweise der University of Massachusetts (30 Teilnehmerinnen). Als allgemein akzeptierte Erkenntnis setzte sich das nie durch. Aber Riebeling berichtet im «Es ist so»-Stil.

– Dasselbe gilt für die These, dass man aufgrund von Covid-19 unter akuter Schlaffheit im Lendenbereich leiden kann. Ein wissenschaftlicher Beweis fehlt, der einzige Anhaltspunkt sind Männer, die bei Untersuchungen angaben, vor der Coronaerkrankung wilde Hengste gewesen zu sein und bei denen danach die Manneskraft schwächelte. Der weitaus häufigste Grund für Erektionsstörungen, psychische Probleme, wurde offenbar der Einfachheit halber ausgeschlossen.

– Das mit dem «analen Unbehagen» schenken wir uns, das spricht für sich.

Literatur + Kultur = Wissenschaft

Die Chefin der neuen Faktenchecker-Taskforce von «20 Minuten» geht also selbst sehr freihändig mit Informationen um. Stimmen sie in ihr Weltbild, verkauft sie diese auch bei dünnster Beweislage als unumstössliche Wahrheit. Entsprechen sie nicht ihrer Meinung, sind es natürlich «Fake News» – muss man gar nicht erst gross prüfen.

Nebenbei: Fee Anabelle Riebeling hat Angewandte Literatur- und Kulturwissenschaften, Journalismus und Soziologie studiert. Danach war sie an der Hamburg Media School und am MAZ. Nur falls jemand wissen will, was es braucht, um «Wissenschaftsredaktorin» bei «20 Minuten» zu werden und eine Taskforce zu leiten.

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Laveba 03/2022

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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