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Abstimmung: Tier- und Menschenversuchsverbot

Frau mit Furor und einem grossen Herz für Tiere

Letzten Freitag wurde in der Arena über die Tierversuchsverbotsinitiative debattiert. Mit dabei war Edith Zellweger aus Salez. Für die langjährige Tierschützerin sind Tierversuche Folter und des Menschen unwürdig.

Michel Bossart am 09. Februar 2022

Edith Zellweger war letzten Freitag geladener Gast in der Abstimmungsarena auf SRF1. Die Präsidentin der Stiftung «Zellweger Animal Foundation ZAF» in Salez setzt sich schon lange vehement für das Wohl und das Recht der Tiere ein. Dabei nimmt sie kein Blatt vor den Mund und prangert die Missstände in der Forschung schonungslos und ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten an.

Trotzdem: Die Volksinitiative «Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot» dürfte nächsten Sonntag abgelehnt werden, wenn man den Prognosen Glauben schenken darf. Gerade mal 26 Prozent der für die GFS-Umfrage, die im Auftrag von SRF durchgeführt worden war, befragten Stimmberechtigten wollen ein Ja in die Urne legen. Politisch hat die Initiative überhaupt keinen Rückhalt – nicht ein einziger Nationalrat konnte sich für das Anliegen erwärmen (0:195), bei Ständerat gab es zwei Enthaltungen, das Resultat war aber ebenfalls mehr als deutlich (0:42). Davon und vom Vorwurf, die Initiative sei zu extrem, lässt sich Zellweger aber nicht entmutigen.

Frau Zellweger, letzten Freitag haben Sie in der Arena im Schweizer Fernsehen mitdiskutiert. Wie war Ihr Gesamteindruck der Sendung?

Ich bin froh und dankbar, dass wir Tierversuchsgegner viele wichtige Hinweise einbringen durften. Leider fehlte mir die Zeit, den Zuschauern zu erklären, dass wir Menschen und die Tiere Opfer der Tierversuchsindustrie sind und dass es dringend notwendig ist, Finanzen für gute Ansätze bereitzustellen, statt für eine tier- und menschenverachtende Forschung. Auch konnte ich nicht erwähnen, dass in der Schweiz, in den letzten Jahrzehnten hundert Millionen empfindsame Tiere in grausamen Tierversuchen, verseucht, verkrebst, verätzt, zerstückelt, vergiftet, elektrogeschockt und somit im Namen der Wissenschaft zu Tode gefoltert wurden. Auch konnte ich und meine Mitstreiter nicht deutlich mitteilen, dass all die Pestizide und andere Gifte, die in grausamen Tierversuchen getestet und als unbedenklich auf den Markt zugelassen worden sind, bei den Menschen Krebs- und andere schwere Erkrankungen auslösen. Dies ist wissenschaftlich schon längst belegt. Für all diese Erkrankungen werden erneute grausame Tierversuche durchgeführt und somit bewegen wir uns in einer Endlosschlaufe. Erst durch ein Verbot aller Tier- und Menschenversuche wird der Weg zu sinnvollen und humanen Forschungsmethoden frei.

Bei Wortmeldungen fuhren Sie hartes Geschütz auf, sprachen von «Mafia», «Folter» und «Verbrechern». Ist ein solch radikales Vokabular zielführend?

Wenn selbst die empathielosesten Menschen einige Tage in die Haut der Tiere schlüpfen müssten, würde sich keiner mehr über meine Wortwahl und Entrüstung aufregen. Wenn man die Versuchstierlaboratorien für das Volk gläsern machen würde, würden die meisten Menschen ob des Grauens und ob des Horrors, den die Tiere dort erleben müssen, im buchstäblichen Sinn den Verstand verlieren! Auch möchte ich erwähnen, dass selbst die Massenvernichtungswaffen, die schon Millionen und Abermillionen Menschen getötet und schwer krank gemacht haben, in grausamsten Tierversuchen getestet werden und worden sind. Die Gegenseite hingegen arbeitet selbst bei krassesten Übergriffen auf die Tiere mit suggestiven Wohlfühlphrasen wie «dies geschehe zum Wohle unser aller Gesundheit» oder «es werde ganz sorgfältig mit den Tieren umgegangen». Der Hohn dabei ist, dass auch noch behauptet wird, die Tiere machen dieses Grauen freiwillig mit. Die harte Realität wird somit total verharmlost. Auch bei Fütterungsexperimenten werden abscheuliche Untersuchungsmethoden wie zum Beispiel Fisteln angewandt. Dabei wird beispielsweise den Kühen als Vorbereitung eine Art Megatankdeckel von aussen in den Magen einoperiert, durch den dann die Verdauung mit der Hand beeinflusst und kontrolliert werden kann. Solche Fistelkühe haben ein hohes Infektions- und Entzündungsrisiko. Als ich vor Jahrzehnten ein Foto von einer Fistelkuh zum ersten Mal sah, dachte ich, das sei ein sehr kranker, geschmackloser Witz. Solange Tiere essen und Milch geben, ist für die Experimentatoren und die Gesetzgebenden alles in Ordnung. Wer die Systemfehler erkennt, der ist auch mit dem Begriff «organisiertes Verbrechen» (Mafia) vollkommen im Einklang.

Wie sollen denn Medikamente idealerweise geprüft werden, bevor sie auf den Markt kommen?

Die Forschung sollte alle bisher gemachten Erfahrungen mit Mensch-Substanz-Wechselwirkung aufarbeiten und immer Experten aus den unterschiedlichsten Bereichen beiziehen. Die Einwände von Kritikern müssten erheblich mehr beachtet werden als nur die Ansicht von Kollegen, die nur Tierversuche machen. Die Eigenart und Bedürfnisse der Spezies (Tierart) aber auch des betroffenen Menschen müsste beachtet werden. Viele Monsterdrogen wie Thalidomid (Contergan-Katastrophe) und weitere verwandte Substanzen sind in vielen Ländern längst wieder zugelassen. Das beweist, dass eine Substanz nie nur per se beurteilt werden kann, sondern immer auch unter Beachtung des jeweiligen Patienten und seinen Besonderheiten.

Dürfen strenge Veganer eigentlich Medikamente zu sich nehmen, die am Tier ausprobiert worden waren?

Leider haben Veganer und Tierversuchsgegner heute im Bereich von Medikamenten und vielen weiteren Produkten noch keine Ausweichmöglichkeiten. Und rückgängig machen können wir alle rein gar nichts mehr. Politik und die Wirtschaft drücken uns ein System auf, das wir alle nicht wollen. Wir müssen nun für die Zukunft kämpfen, damit erfolgreiche und ethisch vertretbare und tier- und menschengerechte Medikamente und Produkte auf den Markt kommen.

Die Chancen, dass die Initiative angenommen wird, stehen schlecht. Ein Vorwurf lautet, dass sie zu radikal ist. Ist sie das?

Wenn die Initiative auch nur ein bisschen weniger konsequent wäre, würden garantiert die Bestimmung von den tier- und menschenverachtenden Interessenvertretern total ausgehebelt. Dann könnte sie keinerlei reale Wirkung entfalten und lediglich unsere Verfassung etwas aufhübschen. Das heisst: alles ist wieder nur eine reine Farce. Ein ähnliches Problem bereitet 3R (Anm. der Red.: Die drei R sind die Leitprinzipien für einen ethischeren Umgang mit Tieren: Replace, Reduce, Refine): Wir beruhigen mit 3R-Projekten vielleicht unser Gewissen, lösen aber die Probleme der Praxis nicht. Wir brauchen keine Methode, um Tierversuche nachzuahmen, sondern eine Methode, die den Eigenarten des betroffenen Patienten Rechnung trägt. Zu ersetzen ist der Menschenversuch! Das Tier ist der falsche Goldstandard und der falsche Organismus!

Gegner der Initiative finden es ganz in Ordnung, dass Produkte zuerst an Tieren getestet werden, weil das Menschen- über dem Tierwohl steht. Was halten Sie von dieser menschenzentrierten Wertevorstellung?

Das ist ein Armutszeugnis für unsere Intelligenz: Der Mensch hat seine hervorragenden Begabungen bekommen, um opferfreie gute Lösungen zu finden. Gerade die Tierausbeutungseinstellung und der Verlass auf ungeeignete Testmethoden hat auch den Menschen und der Umwelt schier nicht mehr gutzumachenden Schäden zugefügt.

Wie weiter, wenn die Initiative nächsten Sonntag tatsächlich abgelehnt werden sollte?

Darüber werden ich und meine Mitstreiter uns nach der Abstimmung den Kopf zerbrechen. Wir sind jedoch sicher, dass nun so oder so erheblich mehr Menschen genauer hinsehen und die Menschheit auf bessere Wege in Forschung und Medizin führen wollen.

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Autor/in
Michel Bossart

Michel Bossart ist Redaktor bei «Die Ostschweiz». Nach dem Studium der Philosophie und Geschichte hat er für diverse Medien geschrieben. Er lebt in Benken (SG).

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