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Kultur mit Müller

Frauenstimmen und Groofunk

Tipps für gute Musik und vieles mehr rund um Kultur: Das gibt es ab sofort regelmässig mit Andreas B. Müller, vielen noch bekannt als früherer Geschäftsleiter des Openair St.Gallen. Heute geht es um starke Frauenstimmen - und Klänge, die tief gehen.

Andreas B. Müller am 12. April 2021

Frauenstimmen: Berührend aufs blanke Herz

Manchmal ist es der Umschlag, der mich einlädt, in ein Album einer mir unbekannten Musikerin reinzuhören. Das ist mir bei Janne Marks «Kontinent» passiert.

Janne Mark

Die zarte Verspieltheit von Strich und Farben versprach nicht zu viel und auch nichts Falsches: Mit verspielter Zartheit von Stimme und Instrumenten verbindet die Sängerin und Komponistin kongenial «die Freiheit des Jazz mit der Weite der skandinavischen Volksmusiktradition». Noch im grünen Bereich melancholisch, unterhaucht der norwegische Trompeter Arve Henriksen die eingängigen Melodien des zurückhaltenden, fast brüchigen, aber trotzdem kraftvollen Gesangs von Mark, in einer unglaublichen Subtilität und hilft mit, akustische Traumlandschaften zu gestalten, die ich in dieser Tiefe selten gehört habe: berührend bis aufs blanke Herz.

Janne Mark – Kontinent (ACT)

«I hold no grudge – ich hege keinen Groll», sind die ersten Worte des seelentiefen Albums «Blackbirds» der US-amerikanischen Soullegende Bettye LaVette. Und sie lassen tief blicken und gut hinhören: LaVette flüstert, heult, vibriert und schmettert ihre – nicht immer guten – Erfahrungen in groovig-coolen Songs in die Welt und versprüht trotz allem auch überschäumende Lebensfreude

Bettye Lavette

Es klingt, als würde sie sagen, dass sie sich vieles ihn ihrem Leben nicht gewünscht hatte, letztlich aber auch nichts hätte missen wollen. Ihr «book of life» ist ein «book of lies», und sie röhrt sich die Lebenslügen und ihr gebrochenes Herz gesund und heilt sich die geschundene Seele in den Leib zurück. Für ein Konzert mit ihr würde ich weit reisen. Oder sie weit herreisen lassen. Schaun mer mal…

Bettye LaVette – Blackbirds (Verve)

Stimmlich ähnlich und doch ganz anders als Bettye LaVette ist Lucinda Williams; mit jedem Album wird die ehemalige Country-Queen noch erdiger, rockiger, «dreckiger», direkter, kraftvoller. Der Vergleich mit einem kräftigen, reifen Wein hinkt nur dann nicht, wenn letzterer ebenso von allerbester Qualität ist.

Lucinda Williams

Williams rumpelt und röchelt, stöhnt und presst sich auf «Good Souls Better Angels» rockig, bluesig und hardcountrymässig durch ihre zwölf Songs – Geschichten, die von einem in die Tiefe gelebten Leben einer hochsensiblen, hochintelligenten und hochtalentierten Sängerin und feinsaitigen wie brachial-krachenden Gitarristin erzählen, einem lyrischen Rohdiamanten voller Weltherz mit hypnotischer Anziehungskraft.

Lucinda Williams – Good Souls Better Angels (Highway 20)

Groofunk: Altmeister und Youngsters

Einmal Fan des Saxophonisten David Sanborn, immer Fan, auch wenn sich zeitweise schwülstiger Mainstream-Radio-Jazz bei ihm breit macht – oder gemacht hat. Aber hier ist nicht die Rede von Sanborn, sondern vom Keyboarder, Sänger und Produzenten Ricky Peterson, über den Ben Sidran sagt, dass er «eine musikalische Urgewalt» sei, und «weder als Rockmusiker versucht, Jazzer zu werden, noch als Jazzer Rock zu machen, sondern einfach Musik macht und ständig neue Sounds findet».

Ricky Peterson

Und doch ist hier Sanborn nicht weit; Peterson ist seit mehr als 20 Jahren dessen Produzent. Und Sanborn wirkt – unverkennbar einzigartig – auf Ricky Peterson & The Peterson Brothers (Brüder und Neffe) neuem Album «Under the Radar» ton- und stilgebend mit: lässige, entspannte Blues-Jazz-Soul-Nummern, die bei mir für beste Stimmung sorgen und Texte wie diesen mühelos in die Tasten fliessen lassen. Happy Groove mit viel Hammond, knackigem Schlagzeug, mitsummbaren Melodien; genau die richtige Hinter- und Vordergrundmusik für einen schönen Vorsommerabend mit einem kalten, grünen Veltliner, ein paar Wasabinüssen und Schwiegermutterzungen.

Ricky Peterson & The Peterson Brothers – Under the Radar (Delta)

Eine andere coole Socke, wenn auch etwas frischer, sorry, jünger, ist Cory Henry, unter anderem einer der Organisten des US-amerikanischen Musiker-Kollektivs Snarky Puppy. Nein, Henry ist auf seine Art noch cooler.

Cory Henry

Sein Sound ist zwar schwer retrofunkig mit Synthiegeigen, aber gleichzeitig so knakisch und pfeffrig wie ein grad aus der Erde gezogenes Radieschen mit ein paar Rotweinsalzkristallen. Mir zumindest läuft grad das Wasser im Mund zusammen, und ich fühle mich zu einem zweiten Glas des oben geöffneten Weissen ein. Und Henry hat auf «Something to Say» in der Tat auch etwas zu sagen, verbindet er doch mit seinen Funk Apostels seinen «Future Soul» mit der «frohen Botschaft» des Gospels, ohne aber missionieren zu wollen – ausser natürlich über die Musik und sich selbst… Seine energiegeladenen Konzerte gleichen in der Tat eher ausgelassenen, barocken Rhythm’n’Blues- und Funk-Messen als trockenen Sonntagsschulen. Und die – auf Youtube zu findende – elfminütige Ode an «Stayin Alive» von den Bee Gees ist unschlagbar.

Cory Henry – Something to Say (Henry House)

Vulfpeck heisst 200% reinster, adrenalinschwangerer Funk von einer jungen, wilden Truppe aus Michigan, die zum Feiern und Shaken einlädt und von Freude nur so überquillt.

Vulfpeck

«Live at Madison Square Garden» erinnert mit Wehmut an die Zeit vor der C-Krise, tröstet etwas über die kontakt- und kulturarme Zeit hinweg und macht Hoffnung und Vorfreude auf die Zeit, die da so oder so neu kommen wird. Deshalb: Nachbarn vorwarnen (oder einladen, oh, ist das wirklich eine gute Idee?), Anlage auf laut stellen und Vulfpeck reinziehen. Die Welt ringsum wird sich für einen Moment verziehen und die Rhythmen werden den Takt angeben.

Vulfpeck – Live at Madison Square Garden (Vulf)

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Andreas B. Müller

Andreas B. Müller (*1960) liebt gute Musik, Literatur und Wein (alles, was Seele hat), wirkt(e) unter weiterem als Konzert- und Festivalorganisator, Marketing- und Kommunikationsfachmann, rasender Reporter, Kurdirektor, Kellner, Coach und Supervisor, Projektentwickler und Ideeologe und zuletzt als Teamleiter Major Donor Fundraising für ein international tätiges Kinderhilfswerk. Er ist Mitinhaber der Kulturplattform «Parterre 33» (www.parterre33.ch), Präsident des St. Galler Jazzvereins «gambrinus jazz plus» (www.gambrinus.ch) und bewegt mit seiner Wirkstatt Müller (www.wirkstattmueller.ch) Menschen und Projekte.

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