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Freude an der Sache

Eine staatliche Ordnung, die auf einem grundlegenden Misstrauen gegenüber dem Bürger basiert, die alles kontrolliert und sanktioniert, verdrängt den Gemeinsinn.

Kurt Weigelt am 11. Juni 2022

Dies gelesen: «So krass war der Lehrermangel noch nie.» (Quelle: www.tagesanzeiger.ch, 7.6.2022)

Das gedacht: Schweizweit fehlen Lehrerinnen und Lehrer. Im Kanton Thurgau sind zurzeit 75 Stellen für ein Pensum von 50 bis 100 Prozent offen. Im Kanton Aargau sind es 392. Als Gründe werden steigende Schülerzahlen und die Pensionierung der Babyboomer-Generation genannt.

Ein zentrales Problem sind die vielen Aussteiger. Die Präsidentin des Lehrerinnen- und Lehrerverbandes erklärt dies unter anderem mit zu tiefen Löhnen. Bildungsforscher dagegen weisen darauf hin, dass Primarlehrer im Vergleich zu Personen mit einem dreijährigen Fachhochschulstudium «sehr gut» dastünden.

Nur am Rande erwähnt wird in der aktuellen Berichterstattung ein möglicherweise weit grundlegenderes Problem: Die Bürokratiefalle. Eine Untersuchung aus dem Kanton Schwyz zeigt, dass Lehrpersonen heute weniger als die Hälfte der Arbeitszeit für das Unterrichten aufwenden. Seit zwei Jahrzehnten jagt eine Reform die nächste. Lehrer und Schulen klagen über «Reformitis». Die Schulverwaltungen, Fragen der Organisation, Koordination und Absprachen überlagern den Unterricht. Alles muss dokumentiert werden. Dies auch als Folge einer massiv gesteigerten Anspruchshaltung der Eltern.

Viele Lehrerinnen und Lehrer wählen ihren Beruf aus intrinsischen Motiven, also aus Freude an der Sache. Bruno S. Frey, ein legendärer Schweizer Wirtschaftswissenschaftler und Pionier der Glückforschung, hat schon vor Jahrzehnten nachgewiesen, dass von aussen kommende Eingriffe wie Vorschriften, Regulierungen und Kontrollen diese intrinsische Motivation beschädigen. Lehrpersonen erleben die Verbürokratisierung des Schulalltags als Einschränkung ihres Handlungsspielraums. Dies zu Lasten der Begeisterung für den eigenen Beruf. Burnouts, Kündigungen und Frühpensionierungen sind die logische Folge.

Angesprochen ist damit eine Fehlentwicklung, die weit über unser Schulwesen hinausgeht. Die Totalverwaltung der modernen Gesellschaft beschädigt unsere Gemeinwesen. Eine staatliche Ordnung, die auf einem grundlegenden Misstrauen gegenüber dem Bürger basiert, die alles kontrolliert und sanktioniert, verdrängt den Gemeinsinn. Die Regulierungsdichte des modernen Wohlfahrtsstaats unterhöhlt die positive Einstellung der Bürgerinnen und Bürger gegenüber dem Staat und seinen Institutionen.

Die negativen Folgen dieser Entwicklung sind unübersehbar. Die Bereitschaft geht zurück, sich ohne persönlichen Nutzen zu Gunsten der Allgemeinheit zu engagieren. Das Milizsystem, eines der identitätsbildendenden Qualitätsmerkmale der Schweiz, ist angeschlagen. Dies zeigt sich unter anderem in den Schwierigkeiten, politische Ämter auf Gemeindeebene zu besetzen oder Nachwuchs für die freiwillige Feuerwehr zu gewinnen.

Im Gegensatz zum Anstellungsverhältnis der Lehrpersonen können wir unser Abhängigkeitsverhältnis von staatlichen Instanzen nicht durch eine Kündigung beenden. Was bleibt, ist die innere Kündigung, die unausgesprochene Verweigerungshaltung gegenüber allem, was von den Gemeinwesen als freiwilliges Engagement erwartet wird. Ein Verhalten, auf das unsere Politik nur eine Antwort kennt: Neue Gesetze, neue Verordnungen, neue Staatsaufgaben, neue Staatsausgaben. Ein Teufelskreis, der wohl erst dann unterbrochen wird, wenn wir uns vom Glauben an die immerwährende Zahlungsfähigkeit von Staaten verabschiedet haben.

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Laveba 03/2022

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Kurt Weigelt

Kurt Weigelt, geboren 1955 in St. Gallen, studierte Rechtswissenschaften an der Universität Bern. Seine Dissertation verfasste er zu den Möglichkeiten einer staatlichen Parteienfinanzierung. Einzelhandels-Unternehmer und von 2007 bis 2018 Direktor der IHK St.Gallen-Appenzell. Für Kurt Weigelt ist die Forderung nach Entstaatlichung die Antwort auf die politischen Herausforderungen der digitalen Gesellschaft.

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