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Gegen Vorurteile

«Für viele war es die erste Begegnung mit einem Bisexuellen»

Aufgrund der erfolgreichen Premiere des «Living Library» soll die zweite am 7. November im talhof St.Gallen stattfinden. Man verfolge damit ein Ziel, erzählt Predrag Jurisic von LGBTIQA+.

Manuela Bruhin am 05. November 2021

Am Sonntag findet zum zweiten Mal der «Living Library» statt. Für all diejenigen, die sich nicht viel darunter vorstellen können: Was ist das Ziel des Anlasses?

Aussenstehende Personen sollen die Lebensrealität von queeren Menschen kennenlernen und eigene Fragen klären können. Und zwar in einem persönlichen Gespräch: Die Living Library ist eine lebendige Bibliothek mit Menschen, die als Buch über sich und ihr Leben erzählen.

Welche Erfahrungen habt ihr beim ersten Mal gemacht?

Zahlreiche Menschen haben die Gelegenheit genutzt, mit queeren Menschen in Kontakt zu kommen. Für viele war es die erste Begegnung mit einem Bisexuellen, einer trans Frau oder einer non-binären Person. Die Living Library kann Nähe schaffen und dazu beitragen, Vorurteile, Klischees und Berührungsängste zu Menschen der LGBTIQA+ Community abzubauen.

Fragen über Outings, sexuelle Orientierung und Beziehungen: Noch gibt es in der Gesellschaft viele Vorurteile. Wie gross ist das Interesse, dass an einem solchen Anlass auch Leute kommen, die bisher wenig Kontakt mit solchen Themen hatten?

Die Tendenz ist schon die, dass mehrheitlich Leute diesen Anlass besuchen, die sich für LGBTIQA+ Themen interessieren. Allerdings werden solche Menschen zu Verbündeten der Community und bewirken in ihrem persönlichen Umfeld weitere positive Veränderungen. Dies hat sich nicht zuletzt beim deutlichen Ja zur Ehe für alle gezeigt: Hier konnte die Community auf die Unterstützung der Verbündeten zählen. Ohne die wäre nie ein solch klares Resultat möglich gewesen. Wir hoffen, dass uns bei dieser zweiten Durchführung auch Leute im talhof besuchen, die sich noch nicht intensiv mit den Begriffen rund um LGBTIQA+ befasst haben. Alle sind herzlich eingeladen.

Die Gesprächspartner bieten einen sehr intimen Einblick in ihr Leben und in ihre Lebensweise. Wie schwierig ist es für euch, an solche offenen Menschen ranzukommen?

Ein solcher Auftritt erfordert sehr viel Mut. Dank unserer guten Vernetzung mit den lokalen Organisationen «otherside» und «s bunte Grüppli» finden wir immer wieder Mutige, die etwas bewirken wollen. Die Rückmeldung der lebendigen Bücher war im letzten Jahr auch deutlich: Es hat ihnen grosse Freude bereitet, andere Menschen an ihrem Leben teilhaben zu lassen.

Auch die Gesundheit steht beim Anlass im Fokus. Wird da nach wie vor zu wenig getestet oder wie sieht die Situation aus?

Die Testhäufigkeit zu HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STI) hat in den letzten Jahren dank verstärkter Präventionsarbeit zugenommen. Besonders bei Männern, die mit Männern Sex haben. Für trans Personen gab es bisher wenige spezifische Angebote zur sexuellen Gesundheit. Und vor allem wenige günstige Angebote. Ausserdem erlebt im europäischen Raum immerhin jede dritte trans Person Diskriminierung vonseiten des medizinischen Personals. Fehlende spezifische Angebote und fehlende finanzielle Mittel bilden somit eine Hürde für regelmässiges Testen. An der Living Library wollen wir insbesondere junge Menschen aus der Community zum Testen motivieren. Sie kennen dann ihren Gesundheitsstatus, was ein unbeschwertes Sexualleben ermöglicht. Zudem wird Testen mit jedem Mal einfacher, man entwickelt eine Routine.

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Autor/in
Manuela Bruhin

Manuela Bruhin (*1984) aus Waldkirch ist Redaktorin von «Die Ostschweiz».

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