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Corona und ich – Die Serie (1)

Geisterspiele

Was macht die Coronasituation mit uns, über das Virus hinweg? Wie verändert es den Einzelnen, wie das gesellschaftliche Zusammenleben? In einer neuen Serie lassen wir Menschen darüber sprechen. Auch Sie können dabei sein.

Marcel Emmenegger am 11. Oktober 2021

Möchten Sie sich im Rahmen unserer Serie «Corona und ich» mit einem eigenen Text beteiligen? Dann melden Sie sich unter redaktion@dieostschweiz.ch mit einigen Angaben zur Person.

Essay und Bilder: Marcel Emmenegger

Kann man sich durch das Schreiben von Texten besser fühlen? Ja, natürlich! Die Schreibtherapie konzentriert sich beispielsweise auf die Tätigkeit des Schreibens als wirksames Mittel, um Krisen und Krankheiten zu bewältigen. Und kann man sich auch durch das Lesen von bestimmten Texten besser fühlen? Ja, auch das geht! Die so genannte Bibliotherapie fokussiert auf das Lesen fremder Texte als therapeutisches Instrument. Nicht nur unser Immunsystem reagiert auf das Virus. Auch unsere Psyche reagiert auf die sich ständig verändernde Lebenssituation seit März 2020. Verwandeln wir unsere Reaktion auf die „neue Normalität“ in Kreativität. Prima wäre es, wenn wir neben der nutzbringenden Wirkung für Schreibende und Lesende gleichzeitig ein intersubjektives Mosaik des Covid-Ausnahmezustandes in der Ostschweiz abbilden könnten.

Begeben wir uns miteinander auf Spurensuche: Wo hat das alles begonnen? Ich hatte im Januar oder Februar 2020 von einem Virus-Ausbruch in China gelesen, vermutlich im „Spiegel“. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mehr Angst vor einem Krieg im Iran, aber heute redet ja niemand mehr von dieser brandgefährlichen Eskalation im Nahen Osten. Aber was ging mich eine Fledermaus auf einem Marktplatz an? China war weit weg. Und so eine kleine Fledermaus würde wohl kaum die ganze Welt in die Knie zwingen. Oh, wie man sich irren kann, wenn man rational denkt.

Ich habe die Schweinegrippe 2009 in Bangkok „erlebt“. Ein paar vorsichtige Thais hatten in der Untergrundbahn Masken auf und es war ein Spass, ihnen auf dem Weg zur Arbeit den Namen der Viruskrankheit auf Thai zu sagen, „Kaiwat soong suun suun kaouw“. Kaum gesprochen, lachten meine Mitreisenden mit den Augen. Thais finden es amüsant, wenn ein Ausländer ihre Sprache spricht und ihre Sprachtöne, fünf an der Zahl, verfehlt. Das tönt dann für sie, als würde jemand bei uns das L und das R nicht unterscheiden können. Die BKK-Locals tragen gerne Masken. Man sieht viele Security Guards, Strassenverkäufer und Polizisten mit Maske. Die Luft ist sehr schlecht.

Im Bangkoker Verkehr hatte ich auch eine Maske an, wenn ich auf meinem Scooter herumfuhr. Das hatte einerseits mit der Luftbelastung zu tun und andererseits, weil ich in der Verkehrsmasse untertauchen wollte. Ein motorisierter Europäer ist eine leichte Beute für die unterbezahlte Traffic Police. Es ist sicher keine gute Idee, das öffentlich zu machen, aber oft ignorierte ich es, wenn sie mich rauswinkten. Ich kooperierte aber mit den ‚Ordnungskräften‘, wenn mir bewusst war, dass ich etwas falsch gemacht hatte. Einmal hatte ich versehentlich den Expressway befahren, was in Bangkok für Motorräder verboten war. Ich hielt ich sofort, als mich ein Polizist dabei ertappte und war sehr kooperativ. Denn wenn die Sache erst mal auf den Polizeiposten ging, wurde es richtig kompliziert, weil dann ranghöhere Polizisten involviert sind. Aber wenn mich die Traffic Police einfach willkürlich rauswinkte, dann nahm ich instinktiv an, dass sie Schmiergeld von mir wollten. Bei uns winkt einem die Polizei ja auch ab und zu raus, aber mit dem nicht zu unterschätzenden Unterschied, dass man ziemlich schnell wieder losfahren kann, wenn alles okay ist.

Einmal hielten sie mich in Thailand an die zwei Stunden fest, weil sie nichts beanstanden konnten und trotzdem etwas Cash aus mir rauspressen wollten. Sie warteten auf mein Angebot. Mit umgerechnet 10 Franken hätte ich mich freigekauft, aber mir ging es ums Prinzip. Ein Verkehrspolizist nach dem anderen schaute mein rotes Motorrad von oben bis unten an und man studierte meine Papiere. Ich hatte eine gültige Arbeits- und Aufenthaltsbewilligung, das Fahrzeug war auf meinen Namen gelöst und ich hatte eine Versicherung. Der Scooter war in einem guten, verkehrsfähigen Zustand. Irgendwann gaben sie auf und liessen mich ziehen. Ein anderes Mal fuhr ich, abgedrängt von einem Lastwagen, ohne zu halten ziemlich nah an einem Polizisten vorbei, der mich sprechen wollte. Zur Strafe bekam ich einen schmerzhaften Hieb auf den Rücken.

Nun, bezüglich Public Governance gab es schon einige Unterschiede zwischen dem Land des Lächelns und unserer Alpenrepublik. Die Unterschiede zeichneten sich nicht nur bei den staatlichen Exekutivorganen ab, sondern spiegelten sich auch im Verhalten der Bürger wider. So wäre ich in der Schweiz der Polizei niemals davongefahren oder hätte um das „Bussgeld“ verhandelt, weil ich in der Schweiz darauf hoffen konnte, vorschriftsmässig nach fairen Gesetzen, die für alle Bürgerinnen und Bürger gleich galten, behandelt zu werden. Tragen wir dazu Sorge, dass es so bleibt.

Bei der Arbeit hörte ich von jemanden, der in China unterrichtete und wegen der Pandemie nicht mehr dorthin zurückkam. Und Jose, der amerikanische Götti meiner Tochter meinte im Februar 2020: „Schau mal, jetzt haben sie wieder so einen Medien-Hype erfunden: Corona.“ „Du hast zu viele Verschwörungstheorien gelesen“, foppte ich ihn. Jose war Trump-Wähler. Doch war er weder politisch rechts noch reaktionär, im Gegenteil. Er wollte einfach nicht das „korrupte“ Establishment unterstützen. Jose machte keine Unterscheidung zwischen politisch links und rechts. Jose ist gebürtiger Puerto-Ricaner und lebt in Camden, New Jersey in einem recht verrufenen Stadtteil gegenüber Philadelphia, aber ich glaube, er fühlt sich wohl da. Er engagiert sich viel in Jugendgruppen, versucht den Teens eine Identität zu vermitteln, jenseits von Drogen, Rap und Kommerz. Jose war felsenfest davon überzeugt, Corona sei das nächste Ding, das die „New World Order“ durchziehen würde. Ich zog ihn auf, dass ihm die NWO ausgerechnet sein Lieblingsbier verhunzte. Vermutlich geschah das in voller Absicht. Es lief eine weltweite Verschwörung gegen Corona-Afficionados.

Als dann aber der erste „Lockdown“ verhängt wurde, dachte ich, die Welt sei über Nacht verrückt geworden. Unterbrechung des öffentlichen Lebens wegen eines grippeähnlichen Virus? Hausarrest? Ausgangssperren? Bewegungslimiten? Grenzschliessungen und Grenzzäune? Ein Schandmal der Geschichte an der deutschen Grenze wurde bedenkenlos wieder in Gebrauch genommen. Man sagt, wir seien drei Mahlzeiten weit weg von der Anarchie. Wie weit sind wir von der Diktatur weg? Offensichtlich weniger weit, als ich dachte.

Ich war entsetzt, dass fast alle Menschen um mich herum die offizielle Darstellung akzeptierten, ohne sie zu hinterfragen. Auch viele, die heute gegen die Massnahmen sind, fielen damals in eine Schockstarre, sie waren wie hypnotisiert. Ich fühlte mich sehr einsam. Dieses Gefühl erinnerte mich an die Geschichte von Paulo Coelho aus dem Roman „Veronika beschliesst zu sterben“:

„Ein mächtiger Zauberer hatte die Absicht, das Königreich zu zerstören. Er goss einen Zaubertrank in den Brunnen, aus dem alle Untertanen tranken. Jeder, der mit dem Wasser in Berührung kam, wurde verrückt. Am nächsten Morgen ging das ganze Volk zum Brunnen, um zu trinken. Alle wurden verrückt, ausser dem König, der einen privaten Brunnen für sich und seine Familie besass, zu dem der Zauberer nicht gelangen konnte. Voller Sorge versuchte der Herrscher seine Autorität über das Volk zu auszuüben und gab eine Reihe von Gesetzen für die Sicherheit und die Gesundheit des Volkes heraus. Die Polizei und die Gerichte, die vom vergifteten Wasser getrunken hatten, fanden die königlichen Entscheidungen absurd und beschlossen, sie nicht einzuhalten. Als die Bewohner des Königreiches den Gesetzestext lasen, waren sie überzeugt, dass ihr Herrscher verrückt geworden sei und daher sinnlose Dinge verordnete. Schreiend begaben sie sich zum Schloss und verlangten seine Abdankung. Verzweifelt erklärte sich der König bereit, den Thron zu verlassen, doch die Königin verhinderte es, indem sie ihm vorschlug: „Gehen wir zum Brunnen und trinken von diesem Wasser. So werden wir ihnen gleich.“ Und so geschah es: Der König und die Königin tranken das Wasser der Verrücktheit und begannen augenblicklich sinnlos daherzureden. Das Volk überlegte es sich nun anders: Jetzt, da der König so viel Weisheit zeigte, konnte man es doch zulassen, dass er weiterregierte. Im Land kehrte wieder die Ruhe ein, obwohl seine Bewohner sich ganz anders verhielten als ihre Nachbarn. Und so konnte der König regieren bis ans Ende seiner Tage.“

Coelho‘s Parabel enthält mindestens zwei Botschaften: Einerseits die Tatsache, dass man als Einzelner etwas anderes denkt als der Rest der Menschen, macht einen nicht unbedingt zu einem Verrückten. Ob wir unter Verrückten leben oder das Ganze als bösen Traum ansehen, ist andererseits wieder unsere eigene Entscheidung. Nun, ich entschied mich für die Synthese: Ein Albtraum wurde wahr, unsere freie, liberale und demokratische Gesellschaft landete widerstandslos auf den Müllhaufen der Geschichte. Ein Teil von mir sagte, nun gut, dann haben wir es eben nicht anders verdient. Nur, in welcher Zukunft wird meine Tochter aufwachsen?

Trotzdem ich konnte die getroffenen Pandemiemassnahmen bis zu einem gewissen Grad rational nachvollziehen. Das muss noch nichts heissen, denn selbst der absolute Wahnsinn lässt sich rational begründen. Die Schriftstellerin Enid Bagnold hat einmal eine Frau gefragt, was für einen Ratschlag sie einer 23-jährigen Mutter geben würde, die vier Kinder verloren hat, aber wieder schwanger von einem Alkoholiker sei, der sie misshandle. Die Frau sagte, sie würde der Mutter die Abtreibung empfehlen. „Gratulation, Sie haben gerade Beethoven getötet“, sagte Enid Bagnold. Natürlich stimmen die historischen Fakten nicht ganz. Aber wir verstehen, was Enid Bagnold uns mit dieser Geschichte sagen will.

Wir sollten eine Balance zwischen Bauchgefühl und Logik in unseren Leben finden. Unseren Instinkt sollten wir nicht verachten, der ist etwas Uraltes, er ist Millionen von Jahre alt und hat uns sehr oft dabei geholfen, zu überleben. Die Rationalität ist für uns Menschen etwas Neues und hat uns im Laufe der menschlichen Geschichte schon ein paar Mal ziemlich ins Abseits geführt. Wir sollten die Prämissen, also die Annahme, aus der wir eine logische Schlussfolgerung ziehen, genau prüfen, bevor wir uns an die Denkarbeit machen, sonst gelangen wir zu sehr schrägen Resultaten. Welche rational-absurd-brutalen Blüten die Covid-Bekämpfung zuweilen trieb (beispielsweise in Deutschland mit der „ein-Freund-Regel“ für Kinder) das wissen wir genau und wie die rationalen Lösungsvorschläge der Experten an der Realität zerbrechen, das haben wir auch mitbekommen.

Am letzten Wochenende war ich auf dem Jahrmarkt in Herisau. Zertifikatspflicht. Das halbe Ebnet abgesperrt wie ein Armeegelände. Aus beruflichen Gründen hatte ich zufällig noch ein gültiges Zertifikat auf dem App. Ich musste es vorzeigen. Der Security sagt „darf ich“ und tippt plötzlich auf meinem Phone herum und nimmt mir dann auch noch den Ausweis aus der Hand. „Theorie trifft Realität“, dachte ich, „von der durchdachten Virenprävention ist also nur Schikane, Überwachung und Ausgrenzung zurückgeblieben“. Es sollte sich doch auch in den hiesigen Amtsstuben herumgesprochen haben, dass sich komplexe Situationen in Richtung Tohuwabohu entwickeln, je mehr man sie zu ordnen versucht.

Ich traf meine ehemalige Englischlehrerin auf einem Spaziergang, mitten im ersten „Lockdown“. Sie war Mitte achtzig, eine weltinteressierte, intelligente Frau. Ich kannte sie fast 35 Jahre. Bis zu Corona hatten wir ein freundschaftliches Verhältnis, sie mochte unsere Tochter, wir waren sogar einmal bei ihr zuhause. Wir tauschten uns über die „aktuelle Situation“ aus. Aber ich merkte schnell: Sie stand hinter den Massnahmen und war irritiert, dass ich es ein wenig kritischer sah. Kritisch zu sein war wohl nur gewünscht, wenn man in der Schule einen geistreichen Aufsatz für die Lehrperson schreiben soll. Aber es war offensichtlich weniger akzeptiert, die eigene Landesregierung kritisch zu hinterfragen, wenn diese die grössten Einschränkungen der Freiheit seit den beiden Weltkriegen in ein paar schläfrigen Pressekonferenzen durchdrückte.

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Emmenegger

Ich war trotz der bunt gestalteten BAG Plakaten nicht ganz sicher, ob das oberste Gebot allen staatlichen Handelns, nämlich das Verhältnismässigkeitsprinzip, gewahrt worden ist bei der Ausarbeitung und Durchführung der Corona-Massnahmen. Aber die Logik meiner ehemaligen Englischlehrerin war ziemlich einfach: Weil es der Bundesrat entschieden hatte, mussten die Massnahmen automatisch verhältnismässig sein. Das kann man vielleicht unter dem Halo-(Heiligenschein)-Effekt einordnen, eine weitverbreitete Art der kognitiven Verzerrungen und vielleicht der Grund, weshalb wir Ärzten in weissen Kitteln und Politikern in Anzug und Krawatte ziemlich viel glauben. Die Englischlehrerin und ich schrieben uns ab und zu noch E-mails, irgendwann kam nichts mehr von ihr. Ich wusste, es war wegen meiner kritischen Haltung zu den Coronamassnahmen. Ich stellte jedoch nie die vom Virus ausgelösten Krankheiten in Frage, nur immer und immer wieder die Verhältnismässigkeit der gewählten Präventionsmassnahmen. Ich stellte vor allem das permanente Katastrophisieren in Frage, also die Annahme, dass das Schlimmste, weil es theoretisch vorstellbar ist, mit grosser Wahrscheinlichkeit auch tatsächlich eintreten wird. Aber ich verstehe Menschen, die das offizielle Narrativ nicht anzweifelten. Kritisch zu denken kann anstrengend sein, sogar weh tun und es kann einem auch das soziale Leben etwas auf den Kopf stellen.

Der vom Herisauer Arzt Rainer Fischbacher in seiner erhellenden Serie „Corona-Splitter“ oft zitierte israelische Psychologe Daniel Kahneman, teilt das Denken in zwei Systeme auf: Das erste System arbeitet automatisch, assoziativ und ohne direkte Steuerung: Es ist für schnelles Denken verantwortlich. Das zweite System steuert das langsame Denken: Es prüft, rechnet nach und vergleicht. Weil unser Hirn etwas träge ist, wird es vom schnellen Denken dominiert. Somit neigen wir bei einer Entscheidung dazu, den raschesten und bequemsten Weg einzuschlagen, denn langsames, also wirklich intensives Denken, das rechnet, prüft und vergleicht, ist furchtbar anstrengend und kostet Kalorien. Wenn wir unsere Steuererklärung gemacht haben, sind wir erschöpft, genauso, wenn wir einen schwierigen Test absolviert haben. Wir sind erschöpft, weil wir wirklich nachgedacht haben.

Leider neigen wir zu allem Übel auch noch dazu, unsere vorgefassten Meinungen bestätigt sehen zu wollen. Dies oft nur, um nicht das Gesicht vor unseren Freunden und Bekannten zu verlieren. Wem also soziale Harmonie wichtig ist und wer nicht an der Integrität der Landesregierung oder an seinen bisherigen Überlegungen zweifeln möchte, dessen Verstand wird alle erdenklichen rationalen Argumente ausfindig machen, die sein bisheriges Weltbild aufrechterhalten. Doch überraschend viele Menschen haben mittlerweile eine gewisse Immunität gegen die Public Relations-Politik aufgebaut. Edward Bernays, der Neffe von Sigmund Freud, war der Erste, der merkte, dass man mit Werbung nicht nur Produkte für den täglichen Bedarf verkaufen konnte, sondern genauso gut auch politische Positionen.

Der Frauenfelder Liedermacher Klaus Estermann stelle das so dar: „Die von den Medien beschlossenen Verschärfungen wurden heute vom Bundesrat bestätigt.“ Das Phantasie-Zitat war offenbar abgeleitet von einem realen Zeitungskommentar zur Wahl von Doris Leuthard: „Die erste von den Medien gewählte Bundesrätin wurde heute vom Parlament bestätigt.“ Ja, es ist schon so, die Leitmedien können bestimmen, was in diesem Land passiert, dafür sind sie ja genau da, eben, um das Volk zu leiten. Stellen Sie sich einmal die Anarchie vor, wenn da jeder seinen eigenen Kopf zum Denken gebrauchen würde!

Aber ausgerechnet durch eine Viruspandemie sind die Menschen resistent gegen Propaganda geworden. Das trägt schon eine Spur von Ironie in sich. Man hat auf diesem Gebiet beinahe schon die Herdenimmunität erreicht. Das sieht man daran, dass nun in Sachen Impfquote auf Ausgrenzung am öffentlichen Leben, Geldanreize, Anrufe und Hausbesuche gesetzt wird. Aber warum klappt es nicht mehr mit der traditionellen Volksaufklärung? Weil da ein Grand Canyon liegt zwischen der gefühlten Realität und der medialen Simulation. Wäre die Gesundheitskrise existentiell bedrohlich, müsste man sie nicht propagieren. Ausserdem betrifft die politisch erzwungene Modifikation eines wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systems für einmal nicht den mittleren Osten, Afrika, Südamerika oder Indochina, sondern die eigene Lebenswelt.

Man kann schon sagen, dass mit den Corona-Massnahmen mein Weltbild so ziemlich in sich zusammenfiel. Ich glaubte zwar schon vorher, dass die vom Soziologen C. Wright Mills genannten „Power-Eliten“ das Volk mit Brot und Spiele bei Laune hielt und die Zustimmung der Massen zur laufenden Politik mit Hilfe der Medien fabriziert wurde, wie Noam Chomsky es ausdrückte. Aber eines war ganz neu: Hier wurde etwas hart durchgezogen. Das irritierte mich. Wir sind alle im Glauben aufgewachsen, dass der Staat nicht einmal mehr seine eigenen Grenzen schützen konnte. Nun ging plötzlich alles, nun waren die Masken gefallen: Der Staat zeigte seine Muskeln und er setzte sie ohne zu zögern auch ein. Wir hätten uns sicher eher gewünscht, dass der Staat seine Macht gezielt gegen Kriminelle einsetzt und sich für andere wichtige Themen in unserem Land engagiert und nicht unbescholtene, steuerzahlende Bürger ein- und aussperrt.

Ich tauschte mich mit einigen Freunden, die auf öffentlichen Verwaltungen arbeiten, aus. Viele konnten die Richtung nicht nachvollziehen, welche Bern nun vorgab. Natürlich hätten sie das nicht in ein offenes Mikrophon gesagt. Ich muss ja genauso aufpassen, was ich hier schreibe. Auch redete ich mit meinem Hausarzt (es ist übrigens nicht Dr. Fischbacher). Mein Hausarzt schüttelte nur den Kopf bezüglich Corona, aber er sagte, er müsse das „Theater“ mitmachen, sonst könne er seinen Arztkittel gleich an den Nagel hängen. Und das sei es ihm nicht wert. Natürlich hielt mein Hausarzt Corona für gefährlicher als eine normale Grippe, aber er hielt die getroffenen Massnahmen jenseits von diskutabel. Auch hatte ich ein paar Telefonate mit befreundeten Juristen. Einer, der auf einer Behörde arbeitete, stellte bei Corona bereits am Anfang die Verhältnismässigkeit in Frage, mit welcher der Staat Covid bekämpfte. Ich war gleicher Meinung. Auf der Politik-Webseite vimentis.ch, die übrigens von St. Gallen aus von Studenten betrieben wird, ist das Prinzip der Verhältnismässigkeit sehr gut erklärt.

Der andere Anwalt, mit dem ich mich etwa vor einem Jahr über die Massnahmen austauschte, gab sich zurückhaltender, aber er hörte mir zu. Denn er beschäftigte sich beruflich mit dem Gesundheitsbereich. Ich hatte das Gefühl, am meisten zog bei ihm das Argument, dass man aus „gesund“ nun behandlungs- und überwachungsbedürftig gemacht hat. Hier fand ein historischer Paradigmenwechsel statt.

Dann hatte ich noch eine Konversation mit einem Pensionierten, der früher Amtsrichter im Mittelland war. Ich sah ihn zufällig im Supermarkt. Ich platzte fast vor Fragen und Neugier. Ich erwartete pures Entsetzen, dass unsere Grundrechte über Nacht ausser Gefecht gesetzt wurden. Doch anstatt eines entrüsteten Plädoyers für die Einhaltung der Grundrechte meinte er trocken: „Notrecht ist Notrecht“ und zuckte mit den Schultern. Er hinterfragte die Entscheide des Bundesrates nicht. Er glaubte an unser Rechtssystem, Punkt. Aber genau so war es: Die einen Menschen glauben, dass unser politisches und rechtliches System korrekt arbeitet, die anderen Menschen glauben es nicht (mehr).

Im Kloster Magdenau, das meine Tochter uns ich jeden Sonntag besuchen, stand plötzlich eine Flasche Desinfektionsmittel am Eingang, dort wo früher das Weihwasser platziert war. Es überraschte mich sehr, dass die katholische Kirche das Weihwasser verbannte und keinen Kampf gegen die Pandemie-Massnahmen an den Tag legte. Waren nicht auch Gottesdienste für eine Zeit lang verboten? Gingen die Kirchen nicht erst nach den Baumärkten wieder auf? Was war denn das für eine Priorisierung?

Viele Schwestern im Zisterzinenserkloser waren über 80 Jahre alt, wir hielten grossen Abstand, als wir sie besuchten. Ich wollte nicht derjenige sein, der ein ganzes Kloster mit Corona ansteckte. Deshalb sagte ich zu Amara, dass sie den Schwestern auf keinen Fall die Hand geben sollte. Eine Schwester schüttelte dann trotzdem die Hand meiner Tochter. Ich hatte eine halbe Herzkrise und bat darum, sofort die notwendigen Dekontaminationsmassnahmen zu ergreifen. Schwester Maria Agnes, die leider vor ein paar Tagen im Alter von 98 Jahren verstorben ist, hörte nicht gut. Ich fand es tragisch, dass wir vor ihrem Tod nicht mehr in ihre Nähe konnten. Aus der Ferne konnten wir uns nicht unterhalten, also winkten wir ihr nur noch. Wir besuchten auch ab und zu eine Freundin im Altersheim Heinrichsbad in Herisau, Alice Dietliker. Die Besuche waren ab März 2020 kompliziert und irgendwann gingen wir nicht mehr ins Altersheim. Ich rief sie nur noch an. Oft rief ich an und stand gleich mit oder ohne Tochter unter ihrem Fenster, Alice lebt im dritten Stock, gleich über dem Veloabstellplatz. So hielten wir mehr als genügend Abstand und konnten uns trotzdem sehen.

Unsere Altersheime wurden zum Schutz der alten Menschen in Gefängnisse verwandelt. Mir kam Henry David Thoreau in den Sinn: „Wenn ich mit Bestimmtheit wüsste, dass jemand in der bewussten Absicht zu mir kommt, mir Gutes zu tun, ich würde aus Angst […] davonlaufen wie vor dem Samum, dem heissen, trockenen Wind der afrikanischen Wüsten, der Mund, Nase, Ohren und Augen mit Sand füllt, bis man an ihm erstickt. Nein, lieber würde ich auf natürlichem Weg das Böse hinnehmen.“

Emmenegger

Das Schwierigste an der ausgerufenen Gesundheitskrise fand ich, die Massnahmen meiner Tochter zu erklären. Gottseidank blieben wir bisher von Quarantänen verschont. Nur als wir einmal irgendwo in Bayern waren, fauchte ein wildfremder Mann meine damals knapp sechsjährige Tochter an, warum sie keine Maske trage. Ich hörte es nicht, aber Amara erzählte es mir etwas später. Danach machte sie den Vorfall den halben Tag zum Thema und weigerte sich später, das Auto zu verlassen, aus Angst, jemand könnte sie wieder anknurren. Ich kaufte ihr danach eine rosarote Maske, aber richtig glücklich war sie damit nicht. Ich kann es ihr nicht verdenken. Was macht man als Eltern, wenn man die Verhältnismässigkeit von staatlichen Massnahmen anzweifelt und sie trotzdem gegenüber seinen Kindern vertreten muss?

Ich fand es erstaunlich, dass man das demokratischste Land der Welt mühelos in ein Gesundheitsregime verwandeln konnte und niemand so wirklich gegen die massiven Grundrechtsverletzungen protestierte. Wurde durch eine Hintertür die Verfassung unseres Landes ausser Kraft gesetzt? Ich fürchte, ja. Und wurde bei der Covid-Bekämpfungsstrategie wirklich das Verhältnismässigkeitsprinzip gewahrt? Ich glaube, nein. Warum wurde die Verhältnismässigkeit nicht beachtet? Nun, das ist eine gute Frage, die wir immer wieder stellen sollten, bis wir eine plausible Antwort darauf erhalten. Denn ein staatlicher Eingriff darf keinesfalls über das Notwendige hinausgehen. Und eine Massnahme hat zu unterbleiben, falls ein geeigneter, milderer Eingriff möglich wäre, besonders dann, wenn es um die Einschränkung der Freiheitsrechte geht. Freiheit sollte übrigens nicht mit Freizeit verwechselt werden, obwohl beide Wörter eine gewisse Ähnlichkeit aufweisen.

Aber was ist nun seit bald 600 Tagen eigentlich los? Ich kann es leider auch nicht sagen, mir kommt dazu nur das Höhlen-Gleichnis von Platon in den Sinn. Das Höhlengleichnis ist ein Gespräch von Sokrates mit seinem älteren Bruder Glaukon, der immer wieder als kommunikativer Sparringspartner für Sokrates herhalten muss. Sokrates fordert Glaukon zu einem Gedankenexperiment auf: Gefesselte Gefangene in einer Höhle sehen nur die Schatten der Dinge, die hinter ihnen über einer Mauer hervorragen. Diese Schatten werden durch ein Feuer erzeugt und von den Gefangenen als real empfunden. Platons Höhlenbewohner gleichen uns: Wir sind sprachlose Zuschauer von medialen Geisterspielen. Wir warten schicksalsergeben darauf, wie uns die Schattengestalten morgen wieder verängstigen werden. Aber 600 Tage der Dunkelheit sind genug.

Wir müssen den Mut aufbringen, uns aus den Fesseln der „neuen Normalität“ zu befreien. Nach dem Psychologen Klaus Holzkamp erfolgt Lernen an dem Punkt, wo die eigene Handlungsfähigkeit eingeschränkt wird. Die letzte Chance, etwas aus den intolerablen Freiheitsbeschränkungen zu lernen, sollten wir gemeinsam nutzen.

Wir allein sind für unser Land verantwortlich. Nehmen wir die Verantwortung wahr, besser spät als nie. Der französische Aufklärer Nicolas Chamfort sagte einmal: Die Fähigkeit, das Wort "Nein" auszusprechen, ist der erste Schritt zur Freiheit. Wir haben am 28. November 2021 die Gelegenheit, genau das zu tun.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Marcel Emmenegger

Marcel Emmenegger ist Sozialarbeiter und wohnt in Herisau.

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