Die «Schweiz am Wochenende» widmete sich wieder einmal dem Thema ‹Gendermedizin› und führte zu diesem Zweck ein Interview mit der Gründerin und Geschäftsführerin der Nonprofit-Organisation «Women's Brain Foundation».
Dabei stellte die Zeitung fest: 18 Prozent der Frauen, aber nur 13 Prozent der Männer über 80 sind von Demenz betroffen. So eine Art ‹Gender-Dementia-Gap› also.
Woran das liegt? Natürlich wieder an der «Geschlechterrolle»: «Die gesellschaftliche Realität ist, dass ein Grossteil der Care-Arbeit von Frauen geleistet wird. Sie stecken häufig zugunsten der Familie oder für die Pflege von Angehörigen ihre beruflichen Ziele zurück. Wir sehen aber in Studien, dass lebenslanges Lernen ein wichtiger Schutz für [sic!] demenzielle Erkrankungen ist. Eine lange Ausbildung, ein Studium oder auch Weiterbildungen helfen unserem Gehirn, gesund zu bleiben.»
Fröhlich wird hier das Klischee vom ‹Dummchen am Herd› bemüht. Die Realität ist eine andere: Hierzulande studieren mehr Frauen als Männer an einer Universität. Und was die betriebliche Weiterbildung angeht: Deren Niveau sollte tunlichst nicht überschätzt werden.
«Care-Arbeit» ist schuld
Auch die Natur — also biologisches statt soziales Geschlecht — muss als Erklärung herhalten: In der Menopause nehme der Östrogen-Spiegel ab und Östrogen «scheint die Nervenzellen zu schützen». Bloss: Wie schützen denn Männer ihre Nervenzellen, schliesslich ist ihr Östrogen-Spiegel ja während ihres gesamten Lebens viel tiefer?
Natürlich kann sich das Thema Sport dem Gender-Diskurs ebenfalls nicht entziehen. Sport ist bekanntlich ein probates Mittel gegen Demenz. Doch auch hier: Frauen treiben weniger Sport. Der Schuldige dafür ist schnell gefunden: Auch das hänge mit der «Care-Arbeit» zusammen.
Ganz so, als hätten beispielsweise Kinder nicht einen unbändigen Bewegungsdrang, dem Eltern einfach nachgeben könnten, um auf ihre tägliche Dosis Sport zu kommen. Besser als den ganzen Tag in einem Büro zu sitzen alleweil.
Auch dass Frauen schlechter schlafen ist rasch erklärt: Wegen Schwangerschaft, wegen Stillzeit, wegen Wechseljahren. Und wie steht es mit Frauen, die keine Kinder haben? Soll ja gelegentlich vorkommen...
Selbst die Stärken der Frauen werden im Gender-Diskurs zu deren Schwächen. Weil sich die Demenz-Tests stark an den verbalen Fähigkeiten ausrichten, also nachgerade einer der Stärken der Frauen, werde Demenz bei den im Vergleich zu Männern sprachgewandteren Frauen nicht erkannt. Es ist wirklich zum Verzweifeln!
Kurzum: Für alles gibt es immer eine passende Begründung, warum Frauen schlechter dastehen. Dabei bleibt ein ganz einfacher Fakt aussen vor: An irgendetwas muss der Mensch letztlich sterben.
Mathematische Unmöglichkeit
Sterben Frauen häufiger an Todesursache A, dann müssen Männer nach Adam Riese eben häufiger an Todesursache B sterben — sonst geht das Ganze mathematisch nicht auf. Es kann nicht das eine Geschlecht bei allen Krankheiten übertreten sein. Doch von Krankheiten, welche vor allem Männer betreffen, hört man im Rahmen der Gendermedizin herzlich wenig.
Was sagt der freie Markt zum Ganzen? Sein Urteil scheint zu lauten: Wohlfeile Slogans ohne viel Substanz dahinter. So tönt es auf der Webseite der «Women's Brain Foundation» zum Beispiel so: «80 Prozent aller Migräne-Betroffenen sind Frauen. [...] Und was, wenn wir Ihnen verraten, das 80 Prozent aller Betreuungspersonen, weiblich sind?» Soll das etwa eine Korrelation darstellen?
Auch die anderen kurzen Slogans sind eher bemüht als wirklich witzig: «Sind Sie auch gegen die Frauenquote? 2 von 3 Alzheimer-Patient:innen sind Frauen.» Oder: «Frauen verdienen diese Mehrheit nicht! 2 von 3 Alzheimer-Patient:innen sind Frauen.»
Dabei ist es nicht einmal verkehrt, bei der Erforschung von Krankheiten geschlechtsspezifische Unterschiede mit zu berücksichtigen. Aber wie soll das gehen, wenn man lieber von «Gender» und von «Care-Arbeit» redet, anstatt von biologischen Unterschieden {https://www.dieostschweiz.ch/artikel/lektionen-in-diskriminierung-l64ALdl}?
Auch um plakative Weisheiten zu verbreiten, braucht es natürlich Geld. Sammelziel: eine halbe Million Franken. Bis jetzt sind gerade einmal 4520 Franken zusammengekommen. Der freie Markt scheint nicht überzeugt zu sein.
Thomas Baumann ist freier Autor und Ökonom. Als ehemaliger Bundesstatistiker ist er (nicht nur) bei Zahlen ziemlich pingelig.
Hier klicken, um die Mobile App von «Die Ostschweiz» zu installieren.