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Hier Extremisten, dort Radikale

Die Nachsicht, mit der linke Demonstranten rechnen können, ist Ausdruck der politischen Überzeugung einer grossen Mehrheit der Journalistinnen und Journalisten.

Kurt Weigelt am 23. Mai 2022

Dies gelesen: «Zur Kundgebung aufgerufen hatten linksradikale und antikapitalistische Gruppierungen.» (Quelle: www.tagesanzeiger.ch, 21.5.2022)

Das gedacht: In den vergangenen zwei Jahren gab es kaum eine Demonstration gegen die Corona-Massnahmen, die in den Medien nicht in der einen oder anderen Form mit Rechtsextremismus in Verbindung gebracht wurde. Extremisten lehnen den demokratischen Verfassungsstaat und seine Spielregeln ab. Dies mit einem latent vorhandenen Gewaltpotenzial.

Ein anderes mediales Wording gilt, wenn an einer unbewilligten Anti-WEF-Demo Vermummte unter dem Motto «Smash WEF! Gemeinsam gegen Krise, Staat und Kapital» durch die Strassen Zürichs ziehen und von der Polizei mit Wasserwerfern, Gummischrot und Tränengas gestoppt werden müssen. Nun sind nicht mehr Rechtsextremisten, sondern Linksradikale am Werk.

Hier Extremisten, dort Radikale. Ein kleiner, aber feiner Unterschied. Im Gegensatz zu Extremisten gelten Radikale nicht als Bedrohung für die freiheitlich demokratische Ordnung. Radikale wollen das System verändern und nicht überwinden. Die unterschiedliche Begriffsgeschichte zeigt sich beispielsweise im Namen der Westschweizer Freisinnigen. Sie heissen «Les Libéraux-Radicaux».

Nun ist man möglicherweise geneigt, die Unterscheidung in Extremisten und Radikale als Wortklauberei, als Spitzfindigkeit zu qualifizieren. Spielt es eine Rolle, wenn Journalisten gewaltbereite Demonstranten hier als Rechtsextreme und dort als Linksradikale beschreiben? Ist dies nicht lediglich Ausdruck des alltäglichen, eher zufälligen Sprachgebrauchs?

Wohl kaum. Der zitierte Journalist des Tagesanzeigers, der Geschichte und Germanistik studierte, wird den Unterschied zwischen Extremisten und Radikalen sehr genau kennen. Und mit ihm all seine Kolleginnen und Kollegen, die vergleichbar formulieren. So in der NZZ, wo kürzlich über einen linksradikalen Angriff auf einen SVP-Anlass in Basel berichtet wurde.

Die Nachsicht, mit der linke Demonstranten rechnen können, ist Ausdruck der politischen Überzeugung vieler Journalistinnen und Journalisten. Studien zeigen regelmässig, dass die Mehrheit der Medienschaffenden politisch links steht. Bedingt durch diese relative Nähe begegnet man linksextremen Überzeugungen mit einer gewissen Nachsicht. Dies ganz im Gegensatz zu allem, was rechts unterwegs ist.

Mit anderen Worten, wir haben es bei den Wortspielereien der Medienschaffenden mit einer subtilen Form der Meinungsmanipulation zu tun. Und diese ist weit fragwürdiger, als jede Form der offenen Parteinahme.

Ob links oder rechts. Gewalt ist Gewalt. Extremismus ist Extremismus. Beides ist zu verurteilen, ohne Wenn und Aber und ohne jede politisch motivierte Differenzierung.

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Laveba 03/2022

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Kurt Weigelt

Kurt Weigelt, geboren 1955 in St. Gallen, studierte Rechtswissenschaften an der Universität Bern. Seine Dissertation verfasste er zu den Möglichkeiten einer staatlichen Parteienfinanzierung. Einzelhandels-Unternehmer und von 2007 bis 2018 Direktor der IHK St.Gallen-Appenzell. Für Kurt Weigelt ist die Forderung nach Entstaatlichung die Antwort auf die politischen Herausforderungen der digitalen Gesellschaft.

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