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Homosexualität

«Ich war völlig durch den Wind»

Die erste Liebe ist etwas ganz Besonderes. So auch bei Predrag Jurisic. Der 39-jährige Goldacher erinnert sich im Interview an den Moment zurück – welcher bei ihm aber vor allem aus einem anderen Grund in bester Erinnerung blieb.

Nadine Linder am 13. Juli 2020

Erinnerst du dich an den Moment, als dir selber klar wurde, dass du auf Männer und nicht auf Frauen stehst?

Ich war in erster Linie euphorisch. Wie vermutlich jeder Mensch, der sich zum ersten Mal in einen anderen Menschen verliebt. In zweiter Linie dann: Oh weh, was werden meine Eltern denken? Werden sie mich verstossen? Werde ich in der Schule gemobbt, weil ich anders bin?

Wie hast du dich damals gefühlt?

Ich war völlig durch den Wind. Nicht wegen meiner Homosexualität, sondern weil ich wusste, dass andere Probleme damit haben. Und dann war ja auch noch die Kanti: Ich war damals dreizehn und im Untergymnasium. An ein Coming-Out war nicht zu denken. Darum verdrängte ich meine Gefühle und lenkte mich mit dem Lernstoff ab, um als guter, leistungsorientierter Sohn, Mitschüler, Kumpel dazustehen und nicht als schwuler Junge «entdeckt zu werden».

War es dir vielleicht schon als kleiner Junge klar, dass du «anders» tickst?

Ja, bereits mit sechs Jahren.

Wird man deiner Meinung nach schwul geboren oder zu einem Schwulen erzogen?

Gegenfrage: Wird jemand heterosexuell geboren oder dazu erzogen? Was in diesem Kontext viele nicht begreifen: Die menschliche Sexualität ist nicht schwarz-weiss. Es gibt nicht nur schwul oder hetero, sondern ganz viel dazwischen und drum herum. Der Regenbogen der Community versinnbildlicht daher die sexuelle Vielfalt der Menschen ziemlich treffend: Diese ist bunter, als sie sich manche vorstellen können. Wie die Natur – bunt und vielfältig. Alles andere sind konstruierte Modelle oder Ideologien von Menschen, die nie anders gefühlt haben, als es die gesellschaftliche Norm vorsieht. Darum können sie auch nicht nachvollziehen, wie sich «Anderssein» anfühlt.

Mit wem hast du als Erstes über deine Homosexualität gesprochen?

Das war erst während meiner Zeit an der Uni in Zürich. Dort lernte ich meine beste Freundin kennen. Sie war die erste Person, der ich mein Schwulsein anvertrauen konnte. Das Gespräch war befreiend. Als hätte jemand am Ventil eines Dampfkochtopfs gezogen, um den angestauten Dampf herauszulassen.

Wie haben deine Familie und dein Umfeld auf dein Coming-Out reagiert?

Für meine Familie war es nicht leicht. Denn ein Weltbild ist zerbrochen: Der «Stammhalter» würde keine Enkel bekommen und damit die Familiengeschichte nicht mehr fortschreiben. Doch noch schlimmer in diesem Moment war für sie der Gedanke, was andere darüber denken oder sagen würden. Gleichzeitig haben meine Eltern sehr liebevoll reagiert und mir ihre bedingungslose Liebe beteuert – egal, was ist. Beruflich war ich damals nicht geoutet, nur im Freundeskreis: Dort gab es ausschliesslich bestärkende Reaktionen.

Welche negativen Erfahrungen hast du als Homosexueller in deinem Leben gemacht?

Wer jahrelang auf der mentalen Flucht ist, weil er/sie das halbe Leben lang ein Versteckspiel inszenieren muss, landet entweder in der Klinik, im Knast oder vor dem Zug. Und immer, wenn ein Schritt Richtung Coming-Out näher zu sein schien, kam irgendwo ein homophober Spruch – ob im Sport, im Umfeld oder im Ausgang. Also hiess es, sich wieder bedeckt zu halten und bloss nicht aufzufallen. Sowas zehrt an der Substanz.

Wir leben im Jahr 2020. Wie tolerant geht die heutige Gesellschaft mit Schwulen und Lesben um?

Der letzten Abstimmung zufolge stehen 63 Prozent der Schweizer Bevölkerung Lesben und Schwulen tolerant gegenüber. Vermutlich sind es noch einige mehr, weil längst nicht alle abstimmen gegangen sind. Dennoch braucht es weiterhin Aufklärungsarbeit – gerade für junge Menschen im Coming-Out-Prozess. Da helfen Schulprojekte wie das «COMOUT» der Aids-Hilfe St.Gallen-Appenzell, bei dem Lesben und Schwule Schulklassen oder Jugendgruppen besuchen, um über Klischees, Vorurteile und Geschlechterrollen zu sprechen. Ich denke, nur im Dialog lernen Menschen, einander zu verstehen und Vorurteile abzubauen.

Ist es je nach Herkunft und Religion schwieriger oder einfacher, auf Toleranz zu stossen?

Pauschalisieren würde ich das nicht: Sicherlich gibt es kulturelle, politische oder religiöse Strömungen, die für Lesben und Schwule wenig oder gar keine Toleranz aufbringen. Das können sowohl rechtskonservative Politikerinnen, Eltern mit Migrationshintergrund oder Anhängerinnen von Freikirchen sein. Umgekehrt habe ich aber auch Offenheit und Toleranz gerade von solchen Menschen erfahren. Und das liegt weniger an ihrer Herkunft, Religion oder politischen Einstellung, sondern mehr daran, dass sie mich als Mensch kennen und schätzen gelernt haben. Denn ich bin mehr als meine sexuelle Orientierung. Darum ist der Dialog wichtig und nicht eine Schubladisierung von Menschen in gute oder in schlechte Gruppen.

Noch heute wird «schwul» als Schimpfwort benutzt. Wie fühlst du dich dabei und wie entgegnest du einer Person, die so spricht?

Früher empfand ich es als Schimpfwort. Heute bezeichne ich mich selbst als schwul. Weil ich es bin. Als Kind war für mich früher auch das Wort «Jugo» beleidigend und erniedrigend, während ich heute dazu stehe: Ja, ich bin ein Jugo – gut, halb Kroate, halb Serbe mit Schweizer Staatsangehörigkeit – Jugoslawien gibt’s ja nicht mehr. Aber immerhin bin ich ein Jugo mit Integrationshintergrund (lacht).

Was sagst du zu diesen Vorurteilen: «Schwule sind weniger Mann als Hetero-Männer!»?

Das ist der Klassiker. Doch erstens ist er falsch und zweitens ziemlich traurig. Nicht für die Schwulen, sondern für die Hetero-Männer selbst. Vor allem dann, wenn sie sich selbst so äussern. Sie sprechen sich damit Fähigkeiten wie Empathie, Fürsorge und Sensitivität ab, weil dies angeblich weiblich oder schwul sein soll. Was übrigens äusserst diskriminierend ist: Als wären weibliche oder schwule Eigenschaften weniger wert als die «männlichen». Zudem: Was genau ist denn männlich?

Solche Vorstellungen teilen diese Männer (wie ihre Mütter und Väter) nur, weil sie gelernt haben, ihre wahren Gefühle zu verbergen – ganz nach dem Motto «ein Indianer kennt keinen Schmerz» oder «ein Mann weint nicht». Und weil sie gelernt haben, dass Männlichkeit über der Weiblichkeit steht. Es ist fraglich, ob Frauen wirklich einen solchen Mann als Partner wollen, der komplett gefühllos ist oder gar für die gemeinsamen Kinder nicht sorgen kann, weil er «zu viel Mann» dafür ist. Hat es denn ein richtiger Mann wirklich nötig, sein männliches Selbstbewusstsein durch die Abwertung anderer Menschen zu stärken?

«Schwule sind übersensibel und tuntig!»

Sowas behaupten Menschen, die nie wirklich die Schwulenszene erlebt haben: Da gibt es die «schrillen und überdrehten» Schwulen, um das Klischee zu bestätigen. Allerdings sind es gerade sie, die jeder Party Leben, Glanz und Feierlaune einhauchen, weil sie sich trauen, aus sich herauszukommen. Das, was manche als übersensibel oder tuntig auffassen, hat viel mit dem eigenen Bild der Männlichkeit zu tun: Schwule setzen sich sehr früh damit auseinander und lernen eher, dass ein Mann auch weibliche Seiten hat. Und dass die Vielfalt eine Bereicherung ist. Und weil sie zu sich stehen, kommen sie mehr aus sich heraus als so manch «hartgesottener» Hetero-Mann, der sich und seine Männlichkeit bei jedem weiblichen Charakterzug infrage stellt. Neben den Klischee-Schwulen gibt es aber auch den «Normalo» mit Jeans und T-Shirt, der gerne Fussball spielt, auf Action-Filme steht und mit seinen Hetero-Kollegen im Ausgang feiern geht. Oder den Nerd, der ein Programmier-Crack und zugleich ein wunderbar philosophischer Mensch ist. Oder auch den piekfeinen Banker oder knallharten Wirtschaftsanwalt, der sich an der Fasnacht gerne als Frau verkleidet. Es gibt also alles. Und das wiederum ist gut und bereichernd für uns alle.

«Für Schwule zählt vor allem Sex!»

Wer noch nie (guten) Sex hatte, werfe den ersten Stein (lacht) … Jeder Mensch, für den Sex lebensbereichernd ist, ist ein sexuelles Wesen und hat damit ein entsprechendes Bedürfnis. Ob sich da die Schwulen von den Heterosexuellen übermässig unterscheiden, wage ich zu bezweifeln. Vielleicht ist die Behauptung «für Männer zählt vor allem Sex» näher an der Wahrheit dran. Männer konsumieren mehr Pornos. Und für Männer gibt es auch wesentlich mehr Angebote von käuflicher Liebe als für Frauen. Demzufolge scheint Sex wohl ein stark männliches Thema zu sein – unabhängig von der sexuellen Orientierung. Aber auch das greift zu kurz: Denn die Sexualität ist bei jedem Menschen individuell ausgeprägt. Manche brauchen viel Sex, andere weniger oder auch gar nicht. Und alle drei Varianten sind dabei völlig in Ordnung. Von daher: Jeder soll, wie ersie mag. Viel wichtiger ist es, dass jeder Mensch sein Sexualleben selbstbestimmt, erfüllend und ohne Angst oder schlechtes Gewissen gestalten und erleben darf.

«In einer schwulen Beziehung ist immer einer die Frau!»

Auch so ein Klassiker wie der mit der Männlichkeit. Aber warum nicht: In vielen heterosexuellen Paarbeziehungen hat sowieso die Frau das Sagen. Und ausserdem: Sind denn Frauen weniger wert als Männer, sodass ich mich als Mann mit zugeschriebenen weiblichen Attributen schlecht fühlen sollte? Wer solche Sprüche klopft, hängt mit einem Fuss noch in der Steinzeit.

«Schwule sollten keine Kinder grossziehen dürfen!»

Das machen sie schon längst – ob als Lehrperson in den Schulen, als Coach im Sportverein oder als Vater in der eigenen Regenbogenfamilie. Bei immerhin zehn Prozent von der Bevölkerung wäre es eine Utopie, zu glauben, dass Lesben und Schwule nicht an der Kindeserziehung beteiligt wären. Überdies zeigt eine Vielzahl an Studien mit Kindern aus Regenbogenfamilien, dass sich diese Kinder genau gleich gut entwickeln wie die Kinder in heterosexuellen Familienkonstellationen. Wer hier das Kindeswohl als Argument anbringt oder das Argument aufführt, jedes Kind brauche einen Vater und eine Mutter, sollte sich ehrlicherweise auch diese Frage stellen: Inwieweit ist das Kindeswohl gefährdet, wenn das Kind bei alleinerziehenden heterosexuellen Elternteilen aufwächst? Dann fehlt nämlich auch ein Vater oder eine Mutter. Dafür gibt es die erweiterte Familie mit Grosseltern, Tanten und Onkeln, Cousins und Cousinen oder auch den Freundeskreis. Den Kindern fehlen also weder weibliche noch männliche Vorbilder und Bezugspersonen. Und das ist sowohl bei homo- als auch heterosexuellen Konstellationen der Fall: Wir leben ja mit verschiedengeschlechtlichen Menschen zusammen und nicht nach Geschlechtern separiert. Anders gefragt: Wer ist einzig und allein bei seinen genetischen Eltern aufgewachsen, ohne den Kontakt zur Aussenwelt gehabt zu haben?

Das Problem eines solchen Vorurteils: Schwule und Lesben werden in Bezug auf die Kindeserziehung komplett auf ihre Sexualität reduziert. Die Schlussfolgerung: Die sexuelle Orientierung und damit ihr zugrundeliegendes Sexualverhalten hat Auswirkungen auf das Kindeswohl bzw. die Erziehung und Entwicklung des Kindes. Gleichzeitig würde niemand auf die Idee kommen und das Wohl eines Kindes infrage stellen, bloss weil dessen heterosexuelle Eltern bzw. Erziehende miteinander Sex haben – hinter verschlossenen Türen wohlgemerkt.

Der Argumentation der Kritikerinnen zufolge ist die sexuelle Orientierung für das Kindeswohl schlimmer, als wenn heterosexuelle Eltern oder Elternteile ein Sucht- oder Gewaltproblem haben oder ihre Kinder deswegen gar misshandeln. Da stellt sich die Frage, ob den Kritikerinnen primär das Kindeswohl am Herzen liegt oder eher ihre eigene Weltanschauung.

Kindeserziehung und Kindeswohl hängen nicht von der sexuellen Orientierung ab, sondern davon, ob ein erwachsener Mensch für ein schützenswertes Wesen wie ein Kind die nötige Verantwortung übernehmen und diesem Kind die nötige Liebe und Aufmerksamkeit geben kann, damit es sich gut entwickeln und glücklich werden darf.

Wie wird sich deiner Meinung nach die Toleranz für Homosexuelle in den nächsten Jahren verändern?

Ich denke, die Menschen werden verstehen, dass alle nicht-heterosexuellen Menschen aus demselben Fleisch und Blut gemacht sind wie alle anderen auch: Alle fühlen Liebe und Freude, alle fühlen Ablehnung und Schmerz. Warum sollten wir uns gegenseitig Ablehnung und Schmerz zufügen – sei es aus kulturellen, religiösen oder politischen/ideologischen Gründen? Wer nach dem Prinzip lebt «Behandle deine Mitmenschen wie dich selbst», wird erkennen, dass es nicht die Unterschiede zwischen den Menschen zu betonen gilt, sondern die Gemeinsamkeiten.

Was würdest du dir von der Gesellschaft wünschen?

Mehr Mitgefühl, Neugier und Offenheit: Denn die Menschheit ist nicht gross geworden, indem sie sich vor der Welt verschlossen hat. Sondern, weil sie sich offen und neugierig für die Vielfalt dieser Welt interessiert hat. Darum: Geht aufeinander zu, anstatt euch fremd zu bleiben.

Predrag Jurisic

Predrag Jurisic

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Nadine Linder

Nadine Linder ist Redaktorin von «Die Ostschweiz».

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