logo

Adolf Köppel

«Ich weiss, wer der Mörder war»

Sechs Menschen finden auf einem entlegenen Bauernhof in Oberbayern brutal den Tod. Seit 100 Jahren rätselt ein ganzes Land, wer für dieses Verbrechen verantwortlich ist. Ein Mann aus dem Rheintal ist überzeugt, denn Fall aufgeklärt zu haben.

Stefan Millius am 30. Dezember 2020

«Das ist eine Nachbildung der Tatwaffe. Nimm sie mal in die Hand. Zeig mir, wie du einen Menschen erschlagen würdest.»

Ich nehme mir das Werkzeug. Es sieht aus wie eine überdimensionale Harke, mit der man besonders lästigem Unkraut den Garaus macht. Ich fasse den Holzgriff und versuche, eine Schwingbewegung zu machen, die Metallklinge nach vorne gerichtet.

Dölf Köppel grinst. Ich bin in dieselbe Falle getappt wie jeder, der es versucht. Ich habe das Offensichtliche getan. Aber diese Waffe ist perfider, als sie scheint. Sie ist das Werk eines teuflischen Genies.

Die Klinge ist nicht die tödliche Waffe. Die unscheinbare Schraube auf der gegenüberliegenden Seite ist es. Sie lässt sich dank zwei Muttern in der Länge verstellen bis zu einer Länge von 2,5 Zentimetern. Und sie dringt mühelos in einen Schädel ein. Die Klinge braucht es nicht dazu. Diese Konstruktion diente vor fast 100 Jahren dazu, um Schweine auf einem Bauernhof in Bayern kostensparend zu töten.

Das letzte, was mit dieser Waffe getötet wurde, waren aber Menschen. Fünf an der Zahl, darunter drei Kinder. Dölf Köppel aus Widnau im St.Galler Rheintal, ist überzeugt: Er weiss, wer das getan hat. Das sechste Opfer.

Aber keiner, der Verantwortung trägt, hört ihm zu. Bis heute.

WERBUNG
Referendum Medien

Adolf Köppel

Herbst 2012. Die Olma ist im Gang. Dölf Köppel, damals 50-jährig, ist gerade von dort zurückgekehrt und legt sich zuhause müde aufs Sofa. Er zappt durch die Kanäle und bleibt bei einer Sendung des Bayerischen Rundfunks hängen. Berichtet wird dort von einem Mehrfachmord, der damals genau 90 Jahre zurückliegt. Im Frühjahr 1922 wurden auf dem Einödhof im Weiler Hinterkaifeck in Oberbayern sechs Menschen erschlagen aufgefunden. Das Bauernpaar Andreas und Cäcilia Gruber, ihre verwitwete Tochter Viktoria Gabriel und ihre Kinder Cilli, acht, und Josef, zweieinhalb Jahre alt sowie die Magd Maria Baumgartner. Es ist ein in Deutschland unvergessenes Verbrechen. Nicht zuletzt, weil nie ein Täter ermittelt wurde. Das hat Buchautoren und Filmemacher inspiriert.

Köppel verfolgt den Bericht zunächst gespannt, dann berührt, schliesslich betroffen. Er ist selbst auf einem kleinen Bauernhof aufgewachsen. Und er kann es nicht fassen, dass ein Sechsfachmord ungesühnt bleibt. Schon am nächsten Tag beginnt er, sich in den Fall einzulesen. Er konsumiert jeden Schnipsel, der dazu veröffentlicht wurde, stellt eigene Recherchen an. Später besucht er den Ort des Geschehens und wird das in den folgenden Jahren noch mehrfach tun. Und schliesslich kommt der Tag, an dem ihm bewusst wird: «Ich weiss, wer der Mörder war.»

Der Widnauer, der sich im Alltag als Gebietsleiter um Garagentore kümmert, hatte bis dahin kein ausgeprägtes Interesse an Kriminalfällen – aber an Menschen. Ihn trieb die Frage um: Wer kann so brutal sein? Welche Biografie hat der Täter, welche seine Opfer? Was hat zu diesem Ausbruch an nackter Gewalt geführt, und wie ist es möglich, dass die Polizei nach fast 100 Jahren nicht weiter ist, nachdem über die Jahre nicht weniger als 107 Personen zumindest vorübergehend verdächtigt worden waren?

Die Antwort, sagt er, ist in der Eigenart der Menschen zu suchen, die dort lebten, wo das Verbrechen stattfand. Bauern residierten wie Könige auf ihren Höfen, und die eigene Familie war ihnen untertan. Wer starb, der trat vor den Herrn, und alle Sünden waren ihm vergeben. Und in diesem Fall, das ist Dölf Köppels feste Überzeugung nach jahrelanger Arbeit, war der Mörder eben auch tot und durfte deshalb als Täter gar nicht in Frage kommen.

Den Toten kein böses Wort gewissermassen.

Adolf Köppel

Umgebracht wurden die Opfer am 31. März 1922. Die Bauernfamilie wurde erst am 4. April 1922 tot aufgefunden. Jedenfalls offiziell. In Wahrheit, sagt Dölf Köppel, und dafür gibt es zahlreiche Hinweise, gab es einen Mann, der die schreckliche Entdeckung bereits am Tag nach dem Massaker machte. Lorenz Schlittenbauer, der Ortsführer - eine Art Dorfpolizist ohne rechtliche Befugnisse – der Ortschaft Gröbern, zu dem der Hof gehörte. Er hatte zuvor ein Verhältnis zur Tochter der Bauern gehabt, gemunkelt wurde auch, dass er der Vater des jüngsten Kindes war.

Schlittenbauer soll am 1. April 1922 auf dem Hof nach dem Rechten geschaut haben. Die Haustür ist verschlossen, der Hofhund jault hinter der Mauer. Schlittenbauer ahnt, dass etwas nicht stimmt und bricht die Scheunentür auf. Er stösst auf mehrere Leichen, die offenbar vergraben werden sollen. Und auf den Bauer Andreas Gruber – quicklebendig. Ein Kampf entbrennt, bei dem Gruber den Tod findet. Nun sind es sechs Leichen. Und ein hoffnungslos überforderter Ortsführer.

«Er hätte natürlich die Polizei rufen sollen. Aber das hat er nicht getan. Und ich verstehe ihn.» Dölf Köppel zeichnet die Situation nach. Da war ein Mann, der einst die Tochter des Hofs heiraten wollte, aber das Einverständnis des Bauern nicht erhalten hatte. Ein Mann mit einem Motiv und sechs Leichen: Wer hätte Schlittenbauer geglaubt, dass nicht er der Täter ist?

Drei Tage später führt Schlittenbauer seine beiden Nachbarn zum Hof. Sein Plan: Bei einem «offiziellen» Besuch auf dem Bauernhof kann er Spuren und Fingerabdrücke hinterlassen, so dass diejenigen von drei Tagen zuvor nicht mehr bedeutsam sind. Auf dem Weg und vor Ort verplappert sich der nervöse Mann aber ein ums andere Mal. Seinen Begleitern wird schnell klar, dass er mehr weiss. Dass er schon einmal hier gewesen sein muss nach dem Verbrechen. Es ist der Beginn einer Leidensgeschichte. Über viele Jahre und auch heute noch ist Lorenz Schlittenbauer zwar nur einer von unzähligen Verdächtigen, aber er steht im Mittelpunkt. Bis zu seinem Tod gewinnt er mehrere Zivilklagen wegen übler Nachrede. Denn viele bezeichnen ihn als den Mörder von Hinterkaifeck. Und noch auf dem Sterbebett schwört Schlittenbauer gegenüber seinen Kindern, dass er es nicht war.

«Er war es auch nicht», sagt Dölf Köppel mit ruhiger Stimme. «Der Bauer, der Vater der Familie, war es. Und Schlittenbauers Nachfahren sollen endlich von den ewigen Anschuldigungen erlöst werden.»

Adolf Köppel

350 Seiten dick ist das Buch, das Dölf Köppel über den Fall geschrieben hat. Es ist detailreich, und wenn auch die zahlreichen Dialoge natürlich Mutmassung sind, wird doch schnell klar: Hier ist jemand tief in die Seele der beteiligten Menschen eingedrungen. Aber nicht nur das: Der Rheintaler hat die Fakten ausgegraben und aneinandergereiht und analysiert. Und zwar, man muss es bedauernd feststellen, exakter als irgendein Polizist es bis heute getan hat. Seine These untermauert er mit einer Vielzahl von Indizien, von denen jedes einzelne schlüssig ist und die sich zusammenfügen zum grossen Ganzen: Zur Wahrheit.

Das Motiv: Warum bringt ein Bauer seine Frau, seine Tochter, seine beiden Enkelkinder und die Magd, die erst am Vortag auf dem Hof eingezogen ist, brutal um? Wer kann sich das vorstellen? Zwischen Andreas Gruber und seiner Tochter Viktoria gab es ein inzestuöses Verhältnis, das 1915 gerichtlich bestätigt wurde. Viele gingen auch davon aus, dass das jüngste Enkelkind in Wahrheit Grubers Sohn war. Inzest war damals auf den entlegenen Höfen in Bayern keine Seltenheit. Und es war bekannt, dass sich Grubers Tochter aus diesem Gefängnis befreien wollte; sie wollte den Hof verlassen. «Andreas Gruber war bösartig, tyrannisch, er war ein ‘gruusiger' und brutaler Mensch», sagt Dölf Köppel.

Und dann: Die Tatwaffe. Sie tauchte erst ein Jahr später auf, als man den Hof abreissen wollte. Gut versteckt in einem sogenannten «Fehlboden» unter den Dielenbrettern auf dem Dachboden. Es war eine sogenannte Reuthaue, die man zum Auflockern des Bodens benutzt. Das Handwerkzeug war mit altem Blut und Haaren verklebt. Aber nicht auf der Klinge. Die eigens eingesetzte Schraube, die zum Töten von Schweinen angebracht wurde, brachte den Tod. Bis zu neun Mal schlug der Täter auf die Köpfe seiner Opfer ein. «Eine sogenannte Übertötung», sagt Köppel. Der Tod wäre schon beim ersten Schlag eingetreten, danach kam die Wut, die blinde Aggression die er an seinen Opfern ausliess.

Dölf Köppel hat die Tatwaffe zuhause nachgebaut und versucht, damit genau so zuzuschlagen wie der Mörder. Es sei unmöglich, sagt der passionierte Schütze. «Wer keine Erfahrung hat, kann damit keinen Menschen erschlagen.» Das sei wie beim Golf oder Tennis: Wer den Schläger zum ersten Mal führt, wird nicht treffen. Nur Andreas Gruber kannte sich mit seiner Eigenkonstruktion aus. Die mögliche These eines Raubmörders, der danach weiterzog, war nun noch weniger haltbar: Ein zufällig vorbeiziehender Halunke tötet sechs Menschen, lässt das Geld im Haus liegen, versteckt aber die Tatwaffe, indem er den doppelten Bretterboden über der Küche aufbricht und ihn danach wieder sorgfältig verschliesst?

Ein tyrannischer Bauer mit einer schwierigen Familiengeschichte: Heute würde sich jeder Ermittler auf Andreas Gruber als Verdächtigen stürzen. Damals nicht. Zum einen war der Mann ja unter den Opfern, getötet durch eine dritte Hand. Und zum anderen galt es als Sakrileg, Tote eines Verbrechens zu verdächtigen. Denn nach dem Ableben ist die höhere Instanz am Zug, nicht mehr irdische Gerichte. Fast 100 Jahre lang blieb der Bauer unangetastet.

Bis ein Mann aus dem Rheintal, der diese religiösen Skrupel nicht hatte, genau hinsah. In seinem Buch «Lerchenstimme» hat Dölf Köppel diese und weitere Hinweise akribisch aufgeführt. Sie bringen ihm zum klaren Resultat: Andreas Gruber hat seine Familie erschlagen und fand danach den Tod beim Kampf gegen Lorenz Schlittenbauer. Doch eigentlich wollte Köppel gar kein Buch schreiben, er wollte seine Erkenntnisse den Behörden mitteilen, damit die unzähligen Nachfahren der damals Verdächtigen Gewissheit haben.

Aber welcher Polizist hört einem Hobbyermittler schon zu?

Adolf Köppel

Bei seinen Recherchen stiess der Rheintaler auf viele gruselige Details. So war die Magd, die auch umgebracht wurde, erst einen Tag vor der Tat angereist, um ihre neue Stelle anzutreten. Und sie wollte im letzten Moment abspringen, weil sie ein ungutes Gefühl hatte. Ihre mitgereiste Schwester erklärte ihr, dass das nicht möglich sei, es sei nun einmal abgemacht. Oder die Tatsache, dass allen Opfern der Kopf entfernt wurde, um ihn pathologisch zu untersuchen. Die Leichen wurden auf dem Bauernhof seziert, um die Kosten zu sparen. «Aber das Schlimmste», sagt Dölf Köppel, «ist die Tatsache, dass der Mörder seit fast 100 Jahren im selben Familiengrab ruht. Neben denen, die er damals eigenhändig erschlagen hatte.»

Als er Gewissheit hatte, meldete sich Köppel beim heutigen Bürgermeister des Orts, an dem das Verbrechen geschah. Er wollte seine Ergebnisse den Behörden übergeben. Ein Termin wurde angesetzt, wenige Tage vor diesem kam die Absage. Köppel war enttäuscht und beschloss, seine Recherchen in Buchform zusammenzufassen. «Ich hatte ja alles zusammen, ich musste es nur noch niederschreiben.»

Dann kam wie aus dem Nichts ein Anruf der Kantonspolizei in Widnau. Man habe von Interpol erfahren, dass er Kenntnisse in diesem Mord habe, er müsse alles zu Protokoll geben. Das tat Köppel, und während er auf eine Antwort wartete, pausierte er mit seinem Buchprojekt. Aber er hörte nichts mehr. Also schrieb er weiter, und es wurde ihm immer klarer, dass er mit seiner Vermutung richtig lag. Diesmal ging er freiwillig zur Polizei, um dieser die sachdienlichen Hinweise, die zur Überführung des Täters führen, zu übergeben. «Ich habe sogar meine nachgebaute Tatwaffe mitgebracht, aber die wollte man dort nicht sehen. Ich fühlte mich wie im falschen Film.»

Die Polizei meldete sich danach nie wieder bei ihm. Er nahm selbst einige Anläufe, rief bei der zuständigen Sonderkommission für alte Verbrechen an, wurde aber abgeblockt. Im Nachhinein ahnt er, weshalb. «Das Ganze ist für die Justiz in Bayern blamabel, der echte Mörder liegt seit beinahe 100 Jahren direkt vor ihren Füssen, und sie merken es nicht einmal.» Und würde der Fall offiziell aufgeklärt dank seiner Arbeit, würden sich die Behörden damit auch kein Lob holen. «Da kommt so ein komischer Schweizer und findet die Wahrheit: Das würde die Polizei in ihrem Stolz verletzen.»

Hat ein privater Hobbyermittler die Wahrheit in einem Jahrhundertverbrechen enthüllt? Oder sind das alles nur wilde Thesen? Sicher ist: Die 107 Personen, welche die bayrische Polizei in den Jahren nach dem Verbrechen überprüft hat, wurden allesamt ausgesondert. Immer sprach etwas gegen ihre Täterschaft – oder zu wenig für diese. Der Bauer Andreas Gruber hingegen hatte ein Motiv und Zugang zur und Kenntnis von der Tatwaffe. Wann immer etwas gegen ihn als Täter spricht, hat Dölf Köppel eine Antwort. Zum Beispiel auf diese Frage: Wer ermordet seine Familie und bleibt dann seelenruhig mit den Leichen auf dem Hof? «Wo hätte er denn hingehen sollen?», erwidert Köppel darauf. «Gruber war ein Eigenbrötler, der zeitlebens seinen Hof und sein Dorf nie verlassen hatte.»

Manchmal sind es kleine Dinge, welche die letzte Gewissheit geben. Der Abreisskalender im Bauernhof in Hinterkaifeck zeigte zum Zeitpunkt des Leichenfunds den 1. April. Jemand hatte sich noch die Mühe gemacht, ein Kalenderblatt abzureissen. Die Tat geschah erwiesenermassen am 31.März, also einen Tag zuvor. Tut das ein Raubmörder? Oder sonst jemand, der nicht dort wohnt? Oder doch eher einer, der aus Gewohnheit jeden Morgen im Vorbeigehen das Kalenderblatt des letzten Tages entfernt?

Was tut ein Mann jetzt, der die letzten acht Jahre seines Lebens einem 100 Jahre alten Mordfall gewidmet hat? Dölf Köppel hofft, dass seine Erkenntnisse bald von offiziellen Stellen übernommen werden. Dann kann er abschliessen und sich neuen Aufgaben widmen. Das Recherchieren und Schreiben hat es ihm angetan. Noch fehlt ihm die Zeit für ein neues Werk. Begonnen hat er aber bereits damit: «Ich will einem noch älteren Fall auf den Grund gehen und ihn wieder über ein Buch aufklären.»

Buch und Theaterstück

Vor zwei Jahren erschien das Buch «Lerchenstimme» von Dölf Köppel zum Mordfall. Mit diesem gibt er immer wieder Lesungen in der Schweiz und in Deutschland. Derzeit ist er mit der Arbeit an einem Theaterstück beschäftigt, das am 31.3. 2022, also genau 100 Jahre nach dem Verbrechen, in der Region des Geschehens uraufgeführt werden soll.

Aufgrund der Corona Krise ist das Buch nur als E-Book oder direkt vom Autor erhältlich.

Ost
Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

Hier klicken, um die Mobile App von «Die Ostschweiz» zu installieren.