logo

Begegnungen

«In der ersten Nacht fühlte ich mich wie eine Siegerin»

Sr. M. Veronika wurde 1973 in der tschechischen Stadt Brünn geboren. Sie fand als Teenager zu Gott, nicht zuletzt, weil Ihre Pfadi-Leiterin Ordensschwester werden wollte. Heute lebt sie im 1244 gegründeten Kloster Magdenau in Degersheim. Ein Gespräch über Gott – und über die Welt.

Marcel Emmenegger am 28. April 2021

Als erstes fragt meine siebenjährige Tochter Amara Sie, was Ihre Lieblingsfarbe ist.

Ich vermag mich leider nicht für eine einzige Farbe zu entscheiden; ich liebe Herbstfarben.

Wir kennen uns schon mehrere Jahre. Ich habe mich aber immer gefragt: Was macht eine Nonne eigentlich den ganzen Tag? Schildern Sie mir doch einmal Ihren Tagesablauf:

Wir stehen um 5:30 Uhr auf, bereiten das Frühstück zu und helfen den älteren Schwestern beim Aufstehen. Dann singen wir um 7:00 Uhr das Morgenlob und fahren um 7:30 Uhr mit der Eucharistiefeier fort. Von 8:30 bis 11:00 Uhr arbeiten wir. Dabei sind wir vor allem mit Hausarbeiten beschäftigt, mit der Gartenarbeit und mit der Gottesdienstvorbereitung. Ausserdem widmen wir uns der Verwaltung, dem Studium sowie der Kontaktpflege… Um 11:00 Uhr singen wir die Mittagshore und essen um 11:30 Uhr zu Mittag. Von 13:30 Uhr bis 17:00 arbeiten wir wieder und singen um 17:00 Uhr das Abendlob. Danach um 18:00 Uhr essen wir zu Abend und beten anschließend um 19:30 Uhr die Vigil und die Komplet. Gegen 21:00 Uhr beginnt für uns die Nachtruhe.

Ihr Tagesablauf scheint stark geregelt. Bitte erläutern Sie, was diese Tagesstruktur für Vor- und Nachteile mit sich bringt.

Die grössten Vorteile sind, dass die Zeiten für die Gebete und das Nachdenken ihren Platz in unserem Tagesablauf sicher haben. Ebenso wohltuend ist, dass wir die tägliche Arbeit immer wieder bewusst unterbrechen und dadurch oft auf neue Ideen kommen. Andererseits empfinden wir den geregelten Tagesablauf manchmal als einengend. Jede von uns braucht auch Freiräume und Zeiten, die sie nach Lust und Laune gestalten kann. Wir suchen stets eine gesunde Balance und können von Zeit zu Zeit freie Tage einlegen, an denen wir nicht an die Tagesordnung gebunden sind.

Können Sie sich an die erste Nacht im Kloster erinnern? Was ist Ihnen damals durch den Kopf gegangen?

In der ersten Nacht fühlte ich mich wie eine Siegerin, die ihr Ziel erreicht hat.

Eine bewegende Aussage. Was hat Sie denn motiviert, einem Orden beizutreten und ins Kloster zu gehen?

Als Jugendliche gingen mir viele Fragen durch den Kopf, auch die Frage, ob Gott überhaupt existiert. Dann las ich eine populärwissenschaftliche Erklärung über Einsteins Relativitätstheorie und dachte: Wenn sogar Zeit und Raum keine absoluten Begriffe sind, kann ich meiner Wahrnehmung noch trauen? Und wenn alles relativ wäre? Dann wären wir ja völlig orientierungslos! Es muss doch irgendwo ein Fixpunkt geben, einen Schlüssel, der mir hilft, die Welt und mich selbst zu verstehen. Nach und nach fand ich im christlichen Glauben Antworten auf meine Fragen und vernahm in mir die Einladung, dem innerlichen Leben den ersten Platz einzuräumen. Dieser Entscheidungsprozess dauerte etwa vier Jahre.

Sie sind eine Zisterzienserin, also ein Mensch, der - in der Tradition der Gründer des Klosters Cîteaux in Frankreich - ein Leben des Gebets, der Lesung und der Arbeit führen will. Was unterscheidet Ihren Orden von anderen? Erzählen Sie etwas über die Geschichte Ihres Ordens.

Die Wurzeln unseres Ordens liegen in Ägypten, in Palästina und in der heutigen Türkei, wo es bereits im 4. Jahrhundert die ersten Mönchssiedlungen gab. Damals waren die Mönche gesellschaftskritische Aussteiger, die unglaublich streng lebten und eine uneingeschränkte Selbsterkenntnis anstrebten. Sie versuchten, ihre inneren Prozesse zu verstehen und zu deuten, und manche von ihnen wurden hervorragende Kenner des menschlichen Innern sowie gesuchte Ratgeber. Bald begeisterten sich auch Frauen für diesen Lebensstil. Schon im 5. und 6. Jahrhundert verbreitete sich das Mönchtum auch in dem westlichen Teil des damaligen römischen Reiches und spielte eine wesentliche Rolle bei der Christianisierung unseres Kontinents. Zugleich wurde die ursprüngliche Lebensweise den aktuellen gesellschaftlichen und klimatischen Bedingungen angepasst und durch neue Ideen angereichert. Im 11. und 12. Jahrhundert entstanden verschiedene Reformbewegungen, wie zum Beispiel die der Kartäuser, die ein eremitisches Ideal befolgen. Die Gründer unseres Zisterzienserordens sahen in der Handarbeit ein Mittel, um Selbstdisziplin zu erlernen, und suchten im Kloster nicht nur das innere Gleichgewicht, sondern auch mystische Erfahrungen, besonders die göttliche Liebe. So gesehen gibt es zwar einige wenige Dinge, die uns von anderen Orden unterscheiden, aber viel wichtiger sind die Gemeinsamkeiten, die uns mit allen anderen Mönchsorden verbinden und sogar im ausserchristlichen Mönchtum ähnlich gelebt werden.

Veronika

Sr. M. Veronika.

Ich war letzten Herbst mit Amara in Frankreich und habe unter anderem in der Kathedrale von Troyes in Frankreich, die Gebeine des Heiligen Bernard von Clairvaux besucht. Können Sie etwas über diesen berühmten Zisterzinensermönch berichten?

Bernhard von Clairvaux war eine charismatische Persönlichkeit. Er unterhielt zahlreiche Kontakte zu einflussreichen Menschen seiner Zeit und ging oft als Schlichter von Disputen und Prediger auf Reisen. Zudem pflegte er eine bilderreiche Sprache, die viele Menschen zu der Zeit in seinen Bann zog. Diese ist für uns heute allerdings schwer verständlich, weil Bernhard laufend biblische Anspielungen verwendete - wir die Bibel aber nicht mehr fast auswendig kennen, wie zur damaligen Zeit üblich. Er war ein Sprachkünstler und zugleich ein Mensch, der mit seiner religiösen Begeisterung anderen half, zu Gott zu finden.

Was fühlten Sie, als Sie erfuhren, dass Ihre Primarabtei Clairvaux in Frankreich in ein Gefängnis umgewandelt wurde, in dem heute unter anderem der Terrorist Carlos einsitzt?

Im Jahr 1998, als unser Orden 900-jähriges Jubiläum seit der Gründung feierte, hatte ich sogar die Möglichkeit, mit einigen anderen Ordensleuten das alte Gefängnis in Clairvaux zu besuchen, das in den Klostergebäuden aus dem 18. Jahrhundert untergebracht war. Es war ein riesiger Schock für mich: Ein Ort, der als eine Friedensoase gedacht war, wurde zu einem Ort des tiefsten Leidens umfunktioniert. An diesem Ort zu stehen und die triste Stimmung zu empfinden, löste Protestschreie in mir aus. Ich sah aber ein, dass die abgelegene Lage nach der Französischen Revolution für den säkularen Staat einfach günstig war, und noch später trösteten mich meine Besuche in Salem und Pforta. Diese beiden ehemaligen Zisterzienserklöster wurden nämlich zu den angesehenen Bildungsstätten Schule Schloss Salem und Landesschule Pforta.

«Dem Gebet soll nichts vorgezogen werden», schreibt der Heilige Benedikt in seiner Regel. Wenn aber jemand zu Ihren Gebetsstunden in die Klosterkirche Magdenau kommt, ist der Besucher überrascht. Sie singen nämlich Ihre Stundengebete. Warum?

Es ist ganz einfach: Unsere Gebete bestehen grösstenteils aus Psalmen. Psalmen sind von ihrem Ursprung her Lieder. Und Lieder sind zum Singen da. So simpel ist das.

Die meisten Menschen, die das Interview mit Ihnen lesen, werden sagen, sie hätten zu Gott gebetet, aber nichts von ihm gehört…

Es ist tatsächlich ungemein schwierig mit Gott, weil er zwar spricht, aber meistens ganz anders, als wir es von ihm erwarten. Unsere Erwartungen sind die Wand, die zwischen ihm und uns steht, und wenn wir unsere Erwartungen als Gott anbeten, beten wir letztlich nicht Gott an, sondern uns selber. Es braucht Mut, Gott auch wirklich Gott sein zu lassen, und es braucht Geduld, die Wand zwischen ihm und uns abzubauen.

Mein letzter Zeitungsartikel war über Nihilismus in der heutigen Zeit, besonders über Nietzsche, der sagte, dass Gott tot sei. Was empfinden Sie, wenn Sie das Kloster verlassen und für Besorgungen mit dem Postauto durch die «konsumorientierte Welt» fahren?

Statt über «die Welt da draussen» nachzudenken, nehme ich lieber die konkreten Menschen wahr, die mit mir im Postauto oder im Zug sitzen. Es ist mir bewusst, dass auch ich ein Teil dieser konsumorientierten Welt bin. Nicht einmal als Nonnen können wir ganz aussteigen und geben ehrlich zu, dass wir Kompromisse schliessen.

Bei unserem letzten Gespräch nach dem Gottesdienst sagten Sie, dass Sie nicht nur Gott in seinem Sein erfassen wollen, sondern, dass Sie sich auch mit «Gott in seiner Zeit» auseinandersetzen wollen. Was meinen Sie damit?

In der biblischen Sicht schreibt Gott eine Liebesgeschichte mit der Menschheit und mit jedem einzelnen Menschen. So betrachte auch ich mein Leben. Ich glaube, dass ich geführt werde, und dass alles, was ich erlebe, eine tiefe Bedeutung hat, die ich oft erst rückblickend erahne.

Was lesen Sie gerade?

Michel Simonet: Mit Rose und Besen. Das französische Original heisst Une rose et un balai. Ein grossartiges Büchlein, das ein Strassenwischer der Stadt Fribourg verfasst hat. Sehr poetisch und demütig, und gerade darum unglaublich bereichernd.

Haben Sie persönliche Vorbilder?

Ich bewundere den französischen Ordensmann und Theologen Henri de Lubac. Als Soldat im Ersten Weltkrieg, erlitt er eine Kopfverwundung, und schrieb trotz der Schmerzen, die ihn Jahrzehnte lang plagten, bahnbrechende Werke. Er war ein hervorragender Kenner der mittelalterlichen Theologie, ein scharfer Denker und zugleich ein äusserst freundlicher Mann, der die Schwächen der Kirche sah, und sie trotzdem liebte. Die gleichen Eigenschaften bewundere ich auch an der Schriftstellerin Ida Friederike Görres: ihr kritisches Denken und ihre Liebe zur Kirche, die sich nicht ausschliessen, sondern wunderbar ergänzen.

Wie kann man Ihr Kloster unterstützen?

Der Frühling ist endlich spürbar da, und in unserem Klostergarten blühen nicht nur die Tulpen und Narzissen, sondern auch allerlei Unkraut, oder wie die Gärtner so schön sagen: das Beikraut. Menschen, die uns bei der Gartenarbeit unterstützen möchten, Frauen oder Männer, sprechen bitte unsere Schwester Maria Michaela an. Im Gespräch wird sich bestimmt eine konkrete Art und Weise finden lassen, wie die Unterstützung dann genau abgegolten werden kann.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Marcel Emmenegger

Marcel Emmenegger ist Sozialarbeiter und wohnt in Herisau.

Hier klicken, um die Mobile App von «Die Ostschweiz» zu installieren.