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Keine vorzeitige Entwarnung bei der Inflation

Die Finanzmärkte bejubeln jede Inflationszahl, die tiefer ausfällt als diejenige des Vormonats, auch wenn sie auf einem Niveau ist, das noch vor zwei Jahren als Katastrophe und Enteignung des Sparers beklagt worden wäre.

Thomas Stucki am 23. Januar 2023

Das gilt für die 6.5% in den USA und erst recht für die 8.6% in Deutschland, etwas weniger für die 2.8% in der Schweiz. Die Kapitalmärkte reagieren mit sinkenden Renditen, als sei die Inflation in den Schrank der Geschichte verbannt worden. Die Renditen für 10-jährige Staatsanleihen von 1.2% in der Schweiz oder von angesichts der hohen Inflation mickrigen 2.2% in Deutschland sprechen Bände. So schnell wird die Inflation aber nicht auf das erträgliche und von den Zentralbanken angestrebte Niveau zurückfallen.

Die Zusammensetzung der Preissteigerungen hat sich in den letzten Monaten verändert. 2021 und zu Beginn des letzten Jahres wurde der Anstieg der Inflation fast ausschliesslich durch höhere Energiepreise und durch industrielle Produkte wie denjenigen aus dem Baumarkt getrieben. Seither hat deren Einfluss abgenommen und wurde durch höhere Preise im Dienstleistungssektor, beispielsweise Restaurants, ersetzt. Bei Dienstleistungen spielen die Löhne eine entscheidende Rolle. Eine rasche Abnahme des Lohndruckes ist angesichts der immer noch angespannten Arbeitsmärkte aber nicht zu erwarten.

Die Inflation geht nur leicht zurück

Die Inflationsraten werden in den nächsten Monaten weiter fallen. Der Einfluss des aktuellen Erdölpreises von 80 US-Dollar pro Fass wird mit den 120 US-Dollar des ersten Halbjahres 2022 verglichen. Das gleiche gilt für andere Energieträger, weshalb der Energiebereich mit negativen Inflationsbeiträgen in die Rechnung einfliessen wird. Es ist gut möglich, dass bis in den Sommer die Zahlen aus diesem Grund vorübergehend nach unten überschiessen. Für die von den Zentralbanken als relevantes Mass betrachteten Kernraten ohne den Einfluss der schwankenden Energie- und Nahrungsmittelpreise spielt das aber eine untergeordnete Rolle. Wichtiger sind die verbreiteten Zinserhöhungen im Dienstleistungs- und Konsumbereich, welche hartnäckig bleiben werden und schwieriger zu durchbrechen sind.

Es gibt Argumente, die auch auf eine tiefer Kernrate hindeuten. Die tieferen Rohstoffpreise senken die Preise der Grundstoffe und Vorprodukte. Das gleiche gilt für die Entspannung bei den Lieferketten, die sich mit der Öffnung in China fortsetzen sollte. Zudem haben viele Firmen in den letzten Jahren ihre Lager aus Angst vor Lieferengpässen zu stark gefüllt und möchten diese nun wieder abbauen. Dazu kommt die Abschwächung der Konjunktur, die die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen senkt und es schwieriger macht, Preiserhöhungen durchzusetzen. All diese Faktoren haben jedoch eines gemeinsam. Es braucht Zeit, bis sie den Produktionsprozess durchlaufen und beim Konsumenten und damit bei der Inflationsrate ankommen.

Zinserhöhungen bleiben nötig

Die Zentralbanken tun deshalb gut daran, weiterhin der Bekämpfung der Inflation Vorrang zu geben. Ansonsten laufen sie Gefahr, dass sich eine hohe Grundinflation in der Wirtschaft verfestigt und als solche akzeptiert wird. Sie fliesst dann in alle Preis- und Lohnverhandlungen mit ein. Ist das der Fall, wird es schwierig, die gewünschte Preisstabilität wieder zu erreichen. Es werden weitere Zinserhö- hungen notwendig sein, insbesondere in der Eurozone, aber auch in der Schweiz. Im Unterschied zu den USA ist das aktuelle Zinsniveau in diesen Regionen alles andere als wirtschaftsbremsend. Die SNB wird im März den Leitzins um weitere 0.50% anheben müssen und auch im Juni an der Zinsschraube nach oben drehen. Definitiv zu früh ist es für Zinssenkungen bereits in diesem Jahr. Bevor das nachhaltige Absinken der Kerninflation in Richtung des Zielwerts nicht absehbar ist, senden Zinssenkungen das falsche Signal aus.

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Autor/in
Thomas Stucki

Dr. Thomas Stucki ist CIO der St.Galler Kantonalbank. Er hat einen Abschluss mit Doktorat in Volkswirtschaft von der Universität Bern und ist CFA Charterholder. Stucki führt bei der St.Galler Kantonalbank das Investment Center mit rund 35 Mitarbeitenden und ist verantwortlich für die Verwaltung von Kundenmandaten und Anlagefonds im Umfang von 7,5 Milliarden Franken. Zuvor war er als Leiter Asset Management der Schweizerischen Nationalbank verantwortlich für die Verwaltung der Devisenreserven.

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