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Gartenbrief

Lechts und rinks

Ernst Jandl dichtete einst: «lichtung – manche meinen, lechts und rinks, kann man nicht velwechsern. werch ein illtum». Keine Angst, es geht heute nicht um Politik, Gott bewahre, doch nicht in einem Garten- und Pflanzenbrief. Jedenfalls heute nicht. Es geht ganz unverdächtig um ‘Rechts und Links’.

Markus Kobelt am 15. September 2021

Kletterpflanzen können ja bekanntlich linksdrehend und rechtsdrehend sein. Wer noch eine Uhr sein Eigen nennt, könnte auch sagen: gegen den Uhrzeigersinn und mit dem Uhrzeigersinn. Aber Links und Rechts ist eingängiger, und natürlich auch lustiger.

Dabei hat die Mehrheit der Pflanzen einen eindeutigen Linksdrall, wenn sie sich denn überhaupt drehen: Ackerwinde, Pfeifenwinde, die Akebie, Clematis und auch Kiwi sind linksdrehend. Der Wein – wohl beflügelt vom Geist seiner fermentierten Früchte – kann beides. Selten sind sogar ganze Pflanzenfamilien entlang der politischen Dichotomie getrennt, die vielleicht ja doch eher ein Drehmoment ist: Der chinesische Blauregen (Wisteria sinensis) dreht – politisch vollkommen korrekt – nach links, der japanische Blauregen (Wisteria floribunda) nach rechts. Nur folgerichtig (wenn auch sachlich falsch), wenn Wisteria floribunda manchmal auch als amerikanischer Blauregen bezeichnet wird. Nur eine absolute Minderheit der Pflanzen, z.B. Hopfen und Geissblatt sowie einige andere Schling- und Kletterpflanzen drehen stur und nur nach rechts. Wäre das Bier, das Getränk des arbeitenden Volkes demnach eher rechts einzuteilen? Aber vielleicht sollten wir doch nicht so weit gehen…

Links dominiert, da kann man machen, was man will: Während Linkshänder auch nach dem Ende der Umerziehungsorgien doch deutlich in der Minderheit sind, scheinen Mensch und Tier in Bewegung die Linke deutlich zu bevorzugen: Niemand wird die Linkskurve im Stadion nach rechts laufen, auch Vögel und Insekten bevorzugen weitgehend Linkskurven, der Skifahrer scheitert öfter an der Rechtskurve als an der Linkskurve.

Warum das so ist? Da muss ich Sie enttäuschen, das weiss ich wirklich nicht.

Allerdings scheint die Perspektive eine nicht unerhebliche Rolle zu spielen. Die Botaniker, die ja die Welt doch so ein bisschen von oben herab betrachten, richten ihren Blick auch genau so auf die Pflanzen: Linksdrehende Pflanzen drehen linksherum nur von oben betrachtet; aus niederer Perspektive, sozusagen von unten her gesehen, drehen sie – das kann ja jetzt niemanden mehr überraschen – rechtsherum.

Vielleicht meinte Jandl genau das:

  • «lichtung

  • manche meinen

  • lechts und rinks

  • kann man nicht velwechsern

  • werch ein illtum»

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Stölzle /  Brányik
Autor/in
Markus Kobelt

Markus Kobelt ist Gründer und zusammen mit seiner Frau Magda Kobelt Besitzer von Lubera.

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