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Eine Medien-Nachlese

Mit dem «Rest» darf man machen, was man will

Wer die 3G-Regel befolgt, kommt rein, «der Rest» nicht. Das sagt uns die grösste Tageszeitung der Ostschweiz. Begründet wird das mit einem ganzen Haufen Dinge, die entweder unbelegt oder längst widerlegt sind. Das ist Journalismus 2021.

Stefan Millius am 23. August 2021

Es geht nichts über eine klare Haltung. Eine eindeutige Meinung. Deutliche Worte. Das wird sich auch Stefan Schmid, Chefredaktor des St.Galler Tagblatts, gedacht haben, als er für seinen wöchentlichen Kommentar in die Tasten schlug. In diesem geht es mal um Syrien, mal um den Bundesrat, mal um Trump, mal um die EU. Es gibt nichts, zu dem der Mann keine Meinung hat. Beneidenswert die Leserschaft, die diese Allzweckwaffe auf ihrer Seite weiss.

Diesen Samstag war Corona an der Reihe. Die Kurzfassung findet sich schon im Titel des Kommentars: «Wer geimpft, genesen oder getestet ist, kommt rein – der Rest nicht.»

Gut, das kann man sagen. Auch wenn es wie eine Abschrift der regelmässigen Medienkonferenzen des Bundesrats klingt. Es verlangt ja heute niemand mehr ernsthaft, dass eine Zeitung etwas anderes sagt als die Landesregierung, das wäre irgendwie ziemlich vermessen. Immerhin hat der Verlag hinter dem Tagblatt, CH Media, vom besagten Bund bereits eine Stange Geld erhalten und will bald noch viel mehr. Da macht es Sinn, das Sprachrohr zu spielen. Keine Einwände. Eine Hand wäscht die andere, und beide zusammen das Gesicht. So ist die Welt.

Aber eine Zeitung muss natürlich sauber begründen, weshalb sie die Verlautbarungen von Regierungen und Behörden einfach wiedergibt. Und diese Begründung kann man nachlesen und sezieren. Was in diesem Fall ein wahrer Genuss ist.

Es geht gleich verheissungsvoll los:

«Rund die Hälfte der Bevölkerung foutiert sich um den Ernst der Lage. Anders ist nicht zu erklären, warum sich so viele Menschen in der Schweiz nicht gegen Covid-19 impfen lassen.»

Eine interessante Auslegung. Wenn der Einzelne beschliesst, dass er sich einen bestimmten Impfstoff nicht in den eigenen Körper spritzen lassen will, sind ihm alle anderen egal. Oder, der Chefredaktor drückt sich natürlich gebildeter aus als unsereiner, er «foutiert sich». Vermutlich musste ein satter Teil der Leserschaft an dieser Stelle kurz nachschlagen, aber was solls. Jedenfalls: Die von unseren Gesetzen garantierte Unversehrtheit des eigenen Körpers auch in der Realität einzufordern, ist gleichbedeutend mit unsolidarischem Verhalten. Wer findet, er sei nicht gefährdet durch ein Virus, das einen minimalen Teil der Leute gefährdet, und müsse sich daher nicht einem Impfstoff aussetzen, ist ein Volksfeind. Diese Spitzkehre im Kopf muss man auch zuerst mal schaffen.

Aber natürlich bleibt das nicht so stehen, es kommt gleich eine Relativierung, die keine ist:

«Gewiss: In einem liberalen Staat gibt es keinen Impfzwang. Jeder darf mit medizinischen Empfehlungen machen, was er möchte.»

Ein wundervoller Satz. Jeder darf machen, was er möchte. Und der liberale Staat, der übrigens einst der Ausgangspunkt der Zeitung war, in dem der Satz steht, ist auch noch drin verpackt. Ausgespart wird die Ergänzung, die auf der Hand liegt: «Wenn er bereit ist, nicht mehr akzeptierter Teil der Gesellschaft zu werden.» Das wäre klar und transparent gewesen, aber es ist gar nicht nötig, weil der Rest des Textes genau das besagt.

Was dann kommt, bietet tiefe Einblicke. Schmid liefert uns die Geschichtserzählung, wonach die Anzahl der Erkrankten in den Spitälern wieder steige und es sich dabei fast nur um Ungeimpfte handle.

Wenn das einer am Stammtisch verkündet, ist das in Ordnung. Aber hier handelt es sich um den Kommentar eines Chefredaktors einer bedeutenden Zeitung.

Wie oft hatten wir es in den vergangenen eineinhalb Jahren, dass irgendwelche Zahlen «gestiegen» sind? Und wie oft hat uns das an den Rand des Zusammenbruchs gebracht? Ersteres sehr oft, zweiteres gar nie. Völlig hemmungslos wird hier die Story weitererzählt, die uns seit einer gefühlten Ewigkeit begleitet. Jetzt ist es aber ganz schlimm. Es war schlimm im Frühjahr 2020, im Herbst auch wieder, im Winter 20/21 dann richtig schlimm, und als es so aussah, als wäre es weniger furchtbar, wurden uns Mutanten angekündigt, die alles sicher schon bald total apokalyptisch machen.

Wie viele Jahre müssen wir das durchspielen, bis jemand vorsichtig die Hand hebt und sagt: «Also, eigentlich war doch kaum was?»

Und das mit den Ungeimpften: Ja, sie figurieren prominent in den Statistiken der Spitäler. Dem Vernehmen nach allerdings vor allem, weil man bei Geimpften weniger genau hinschaut. Die sollen in diesem Zahlenberg möglichst nicht vorkommen. Sie liegen wie in den guten alten Zeiten im Spital, weil sie übergewichtig, alt oder gesundheitlich vorbelastet sind. Aber natürlich nicht aufgrund des Coronavirus. Den spart man sich auf für Leute, welche die Impfung – eine Unerhörtheit! – verweigert haben.

Es ist die gute alte Taktik: Wer stirbt und einen – auf abenteuerliche Weise erzielten – positiven Coronatest hat, ist ein Coronaopfer, wer geimpft irgendwo röchelnd liegt, der war eben schon immer angeschlagen.

Weiter im Takt:

«Jene also, die sich die Freiheit nehmen, sich nicht impfen zu lassen, beanspruchen nun ein Spitalbett, um von jener Krankheit geheilt zu werden, gegen die sie sich hätten impfen lassen können.»

Ungeheuerlich. Natürlich haben diese Leute zwar immer brav ihre Krankenkassenprämien und ihre Steuern bezahlt, aber nun, kaum zu fassen, beanspruchen sie ein Spitalbett! Dreister geht es kaum. Aber immerhin gibt es News: Man hätte sich gegen die Krankheit impfen lassen können! Wie das Leute sehen, die sich impfen liessen und nun dennoch im Spital liegen, und aus zahlreichen Staaten erreichen uns entsprechende Meldungen in grosser Zahl, ist natürlich eine andere Frage. Hausärzte verzichten übrigens, nur eine Randbemerkung, gerne darauf, einen potenziellen Impfschaden weiterzumelden, weil sie das Zeit kostet, für die niemand aufkommt.

Aber das Problem führt uns noch weiter.

«Darüber hinaus wirft die Behandlung von ungeimpften Covid-Patienten spätestens dann ethische Grundsatzfragen auf, wenn andere Patientinnen auf wichtige Operationen verzichten müssen.»

Mal kurz überlegen. Der Kanton St.Gallen schliesst gerade im grossen Stil Spitäler und überholt sich dabei selbst, indem er besagte Schliessungen wie im Fall des Spitals Wattwil sogar zeitlich vorzieht, macht sich aber Sorgen darüber, dass Operationen verschoben werden müssen? Ein Fall von «Es wäre lustig, wenn es nicht traurig wäre.» Wir sind also inmitten einer Pandemie, welche die Volksgesundheit gefährdet, aber wir brauchen dringend noch weniger Spitalbetten? Und welches sind die «wichtigen Operationen», auf die verzichtet werden müssen? Werden Leute kurz vor ihrem Ableben vor dem Spital abgewiesen? Wäre dem so, müssten wir von entsprechenden Meldungen überflutet werden. Aber da ist nichts.

Das wäre auch seltsam. Denn wir sind nach wie vor weit entfernt von einer Überlastung der Intensivstationen. Wir befinden uns knapp in dem Zahlenbereich, in dem die Stationen noch als wirtschaftlich gelten. Eine Intensivpflegestation braucht eine gewisse Auslastung, damit sie überhaupt gerechtfertigt ist Dafür müssen die Werte, die wir derzeit erfüllt sehen, mindestens gegeben sein, ansonsten wird früher oder später abgebaut. Intensivpflegebetten sind teuer, wenn sie nicht belegt sind.

Und wenn man, eine weitere Bemerkung am Rande, mit der Anzahl Intensivpflegebetten operieren würde, die VOR Corona ausgewiesen wurde, wäre alles noch entspannter. Aber das Bundesamt für Gesundheit hat sich ja entschieden, diese Zahl künstlich herabzusetzen, faktisch praktisch zu halbieren. Das weiss eigentlich jedes Kind. Aber nicht jeder Chefredaktor.

Vielleicht meint der Tagblatt-Chefredaktor ja gar nicht den Ist-Zustand, sondern bezieht sich auf die Prognosen der Experten, die uns voraussagen, wie dramatisch alles bald sein wird. Also in naher Zukunft. Das sind übrigens dieselben Experten, die uns dasselbe seit Monaten sagen. Vorsichtig ausgedrückt: Leute, die 1929 vor dem Zusammenbruch der Börse geraten haben, möglichst viele Titel zu kaufen, waren verglichen mit Task Force und Co. wahre Propheten. Sie lagen denkbar falsch, aber vermutlich doch weniger falsch als die Coronaexperten des Bundes seit eineinhalb Jahren.

Weiter im Text:

«Ebenso wenig, wie es eine Pflicht gibt, sich impfen zu lassen, können Ungeimpfte für sich beanspruchen, inmitten einer Pandemie stets überall hereingelassen zu werden.»

Es wird als Tatsache formuliert. Auch wenn es ausser Mode geraten ist, darf man es allenfalls hinterfragen, hoffentlich jedenfalls. Wenn man dieses Recht nicht beanspruchen darf, müsste belegt werden, dass es einen Mehrwert darstellt, wenn man es nicht beanspruchen darf. In welchem Restaurant, an welcher Veranstaltung der vergangenen Monate ortet jemand, der diese Forderung aufstellt, die grosse Gefahr? Zu keinem Zeitpunkt wurde jemals nachgewiesen, dass die Gastronomie oder irgendeine Theaterbühne eine Rolle gespielt hat an der Verbreitung des Virus mit anschliessenden Erkrankungsfällen. Niemals, niemand. Aber man kann dennoch einfach sagen, dass Ungeimpfte dort nichts verloren haben?

An dieser Stelle könnte man auch noch sanft darauf hinweisen, dass Geimpfte das Virus ebenfalls weiter verbreiten, aber irgendetwas sagt uns, dass das jeder weiss, der es wissen will, und der Rest will offenbar nicht. Wir erinnern uns, wie panisch ein Plakat aus einem Impfzentrum entfernt wurde, auf dem Maskenpflicht auch für Geimpfte gefordert wurde, weil die Impfung nicht vor der Verbreitung schütze. Die Aussage ist korrekt, aber das Plakat musste weg. Weil es möglicherweise kontraproduktiv gewesen wäre.

«Die Freiheit des Einzelnen hört dort auf, wo die Freiheit des anderen eingeschränkt wird. Wer sich nicht impfen lässt, handelt unsolidarisch gegenüber der Gesellschaft, die sich mitten im Kampf gegen ein heimtückisches Virus befindet.»

Chapeau, der erste Satz ist völlig korrekt. Aber wessen Freiheit wird aktuell eingeschränkt? Nur die der Leute, die das Recht auf ihren eigenen Körper reklamieren. Kein anderes. Und was «unsolidarisch» angeht: Wie viele der Geimpften haben den Schritt aus Solidarität gemacht – und wie viele, um weiter an Veranstaltungen zu gehen oder ins Ausland reisen zu können? Würde man eine Abwägung zwischen «egoistisch» und «solidarisch» machen, wären es dann in der Tat die Geimpften, die die solidarische Mehrheit bilden? Die Leute, die in Impfzentren gepilgert sind, in denen «free food and drinks» und vieles mehr versprochen wurde? Und denen danach ein Zertifikat für die grosse Freiheit ausgestellt wurde? Das ist Solidarität mit der Gesellschaft? Eine interessante Auslegung. Denn spontan wirkt es eher selbstzentriert. «Ich will nach Rimini ohne Probleme, und gleichzeitig erklärt mich der Chefredaktor des Tagblatt auch noch für solidarisch mit der Gesellschaft, ha!» Was für eine Win-Win-Situation. Wann durfte man in der Geschichte schon jemals mehr als die anderen und wurde gleichzeitig zum Held der Gesellschaft erklärt?

Und nun zum Schlusswort:

«Daher, ja: Wer geimpft, genesen oder getestet ist, kommt künftig in jedes Restaurant, in jedes Museum rein. Alle anderen bleiben vorübergehend draussen vor der Tür.»

Es ist natürlich beeindruckend, dass Stefan Schmid die baldigen Ankündigungen der St.Galler Regierung schon vorwegnimmt und bereits präventiv bejubelt. Das dürfte ihm einen Extra-Prosecco beim nächsten Treffen der Regierung mit den Medienvertretern bescheren, und er sei ihm gegönnt. Aber wenn er sich den Schluck wirklich verdienen will, sollte er sich das nächste Mal die Mühe geben und diese Massnahme argumentativ unterfüttern, statt einfach nachzuerzählen, was ihm vorgegeben wurde.

Denn nein, es gibt keinen sachlichen Grund für diesen Schritt. Es gibt keine Rechtfertigung für die Diskriminierung vieler Menschen. Und es bleibt, egal wie oft das Wort «Solidarität» eingestreut wird, ein ungeheuerlicher Akt gegen die Grundrechte in diesem Land.

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Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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