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Krisenkommunikations-Experten zum Fall

Nach der Verhaftung: Das sollten die Behörden in Steinach jetzt tun

Steinach ist in Aufruhr. Der Gemeindeschreiber wurde verhaftet wegen des Verdachts auf sexuelle Handlungen mit Kindern und weiteren Delikten. Wie sollen sich die mitbetroffenen Gemeindebehörden verhalten? Zwei Experten für Krisenkommunikation im Interview.

Stefan Millius am 14. November 2019

Ein führender Verwaltungsangestellter einer Gemeinde wird unter einem schlimmen Verdacht verhaftet. Für die Gemeinde und ihre Behörden kommt das völlig überraschend. Gibt es so etwas wie ein Rezept für die allererste Reaktion bei Medienanfragen, die ja jeweils schnell folgen?

Huber & Senn*: Das erste Rezept heisst: «Sei immer vorbereitet». Leider ist heute kaum eine Organisation auf so einen Krisenfall vorbereitet. Obwohl man täglich von solchen Fällen in den Medien erfährt. Unterschlagungen, Diebstahl, Anschuldigungen, Produktefehler oder Unfälle können eine Firma oder Verwaltung jederzeit treffen. Vorbereitung ist deshalb Pflicht.

Wie hat die Gemeinde Steinach aus Ihrer Sicht reagiert?

Huber & Senn: Gut war die schnelle Reaktion des Gemeindepräsidenten. Er war erreichbar und hat sich der Situation gestellt. Damit ist die Öffentlichkeitsarbeit für die Gemeinde erledigt, denn der Kommunikations-Lead in dieser Situation liegt bei den Untersuchungsbehörden. Sie haben die Informationshoheit. Was die Gemeinde aber versäumt hat: sie hat immer noch den vollen Namen des Verhafteten, weitere Informationen und sogar sein Bild auf der Gemeindehomepage aufgeschaltet. Damit ist der Mann mit wenigen Klicks identifizierbar – obwohl die Unschuldsvermutung gilt und der Mann nicht verurteilt ist.

Gibt es typische Fehler, die in solchen Extremsituationen unterlaufen können?

Huber & Senn: Oft sind direkte Vorgesetzte, Arbeitskollegen, Verwandte oder Angehörige mit einer solchen Situation überfordert. Dies wird dann gerne von Journalisten ausgenutzt, um weitere Informationen zu erhalten, im Jargon «Witwenschütteln» genannt. Was dann zu weiteren Geschichten führt. Häufig will man einer Person, die in Gewahrsam ist, nur helfen und verschlimmert die Lage. Weniger ist deshalb mehr. Man muss sich bewusst sein, dass jede Aussage, die man macht, eine neue Geschichte zur Folge hat. Auch wenn man es gut meint und versucht, jemanden in Schutz zu nehmen.

Im konkreten Fall hat der Gemeindepräsident in einer ersten Reaktion seine Betroffenheit über die Sache ausgedrückt und dann betont, man müsse nun zunächst schauen, dass die Verwaltung weiterlaufe. Wie beurteilen Sie diese Reaktion?

Huber & Senn: Wie gesagt, er hat schnell reagiert und hat seine Betroffenheit geäussert. Das war gut. Ich gehe davon aus, dass die Gemeinde Steinach aber auch ohne den Gemeindeschreiber funktioniert. Nun sollte man sich zurückhalten. Unsere Erfahrung zeigt, dass oftmals auch interne Memos, die nur an die Mitarbeitenden gerichtet sind, umgehend den Weg zu den Medien finden. Man kann auch mit seinen Leuten direkt sprechen. Ansonsten empfehlen wir eine zurückhaltende Kommunikation. Es gilt weiterhin die Unschuldsvermutung.

Die Medien sind das eine, die Öffentlichkeit, also die Bevölkerung der Gemeinde, das andere. Wie sollte die Gemeinde hier vorgehen, ist eine aktive Kommunikation angezeigt – und wenn ja, wie muss sie aussehen?

Die Kommunikationshoheit liegt bei der Staatsanwaltschaft. Das gilt es zu respektieren und bei Anfragen an die Staatsanwaltschaft zu verweisen. Wir erleben es in der Tat immer wieder, dass gerade Politiker zu allem und jedem ihren Senf dazugeben. Das kann allerdings gewaltig nach hinten losgehen.

Huber Senn

Roger Huber und Patrick Senn.

Färbt ein solcher Vorfall auf die Behörde, vor allem Gemeindepräsident und Gemeinderat sowie die Verwaltung ab oder unterscheiden die Leute?

Huber & Senn: Eher nicht, die Leute und die Medien können solche Ereignisse einordnen. Es würde mich aber nicht wundern, wenn gewisse Medien nach dem dritten Pädo-Fall in kurzer Zeit in St. Gallen und Umgebung dies in eine Geschichte verwandeln. Wichtig ist natürlich, dass man sich früher schon korrekt verhalten hat. Ein Klassiker ist die Schulbehörde, die einen Lehrer angestellt hat, dem Übergriffe auf Kinder vorgeworfen werden. Und dann stellt sich heraus, dass der Lehrer eine entsprechende Vorgeschichte hatte und die Behörde beim Bewerbungsprozess nicht intensiv genug Referenzen eingeholt hatte. Wohlverstanden, es gibt hier keinerlei solchen Anzeichen. Aber es kommt immer wieder vor, dass Anzeichen da sind, aber von den Verantwortlichen nicht ernstgenommen werden. Das kann sich später rächen, indem die Verantwortlichen selbst zur medialen Zielscheibe werden.

Viele Medien haben umgehend und danach auch breit berichtet und recherchiert. Ist die Verhaftung aus Ihrer Sicht überhaupt von öffentlichem Interesse, ist ein Gemeinderatsschreiber in diesem Sinn eine öffentliche Person?

Huber & Senn: Interessante Frage. Es ist grundsätzlich keine kommunikative, sondern eine juristische Frage. Hier sind wir uns uneinig. Genau gesehen ist ein Gemeindeschreiber wohl keine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Seine Persönlichkeitsrechte sind bisher in den Medien gewahrt worden, auch wenn man relativ schnell den richtigen Namen herausfinden kann. Doch der Beschuldigte hatte frühere eine hohe Position in der Verwaltung inne, war aktiv in der Politik in einer christlichen Partei und zudem stark in den Social Media vernetzt. Und als wichtigstes: solche Geschichten interessieren die Leute. Alles Zutaten für eine süffige und tragische Boulevardgeschichte. So wird man dann schnell wenn auch nicht zu einer Person des öffentlichen Interesses, so zumindest zu einer Person der öffentlichen Neugier.

In einigen Tagen wird etwas Ruhe einkehren, zumindest medial, bis weitere Details bekanntwerden. Wie sollte sich die Gemeinde in dieser Phase verhalten?

Huber & Senn: «Schnauze Fury» sagen wir dann immer. Im Moment ist ja alles gesagt, was es zu sagen gibt – solange nicht jemand die Geschichte neu anfacht. Aber das ist es eben häufig: Unglückliche Aussagen, dümmliche Bemerkungen oder auch gut gemeinte Charakterisierungen à la «Er war immer sehr zuvorkommend und hat freundlich gegrüsst» haben schon viele neue Geschichten initiiert. Das Beste ist deshalb: Ruhe bewahren, Kopf runter, und warten, bis eine andere Sau durch das Dorf getrieben wird.

*Roger Huber und Patrick Senn sind ehemalige Ostschweizer Journalisten, die lange Jahre bei nationalen Medientiteln gearbeitet haben. Heute unterstützen Sie Organisationen und Führungskräfte in der Krisenkommunikation und sind Gründungsmitglieder des Verbandes für Krisenkommunikation vkk.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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