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Sonderfall Appenzell Innerrhoden

Ode an meine Wahlheimat

Soll die Schweiz doch machen, was sie will, wir ticken anders: Appenzell Innerrhoden hat zusammen mit Schwyz als einziger Kanton gegen das Covid-19-Gesetz gestimmt. Zufall ist das nicht. Es gibt einige Dinge, die hier einfach immer noch sehr ernst genommen werden.  Und andere bewusst nicht.

Stefan Millius am 29. November 2021

Überall gibt es Regierungen und Regierende. Appenzell Innerrhoden hingegen hat eine «Standeskommission». Eine Knacknuss für auswärtige Medien. Eine Kommission? Das klingt so gar nicht nach Regierung, nach Macht. Aber der Begriff für die Exekutive wurde bewusst gewählt und hat sich – im Unterschied zu anderen Kantonen, die ihn einst kannten – bis heute gehalten. Eine Kommission berät Geschäfte und bereitet sie vor zuhanden derer, die wirklich etwas zu sagen haben: Parlament und Volk. Es ist mehr als ein Wort, es ist eine Haltung. Sie drückt die am Volk dienende Funktion aus. Es geht eben gerade nicht um Macht.

Was für ein Unterschied zum Rest der Schweiz, wo nach dem erfolglosen Referendum gegen das Covid-19-Gesetz die Rede ist von der «Linie des Bundesrats», der eine Mehrheit gefolgt sei, wo der Bundesrat selbst von der «Mitsprache des Volks» spricht, statt zum Ausdruck zu geben, dass dieser Aufträge erteilt. Der Souverän redet in der Schweiz nicht ein bisschen mit. Und er hat schon gar nicht «Linien» zu folgen. Er nimmt Vorschläge zur Kenntnis und heisst sie gut oder schickt sie bachab.

Knapp 56 Prozent der Innerrhoderinnen und Innerrhoder haben Nein zum Covid-19-Gesetz gesagt. Im einzigen anderen Kanton, der die Vorlage ablehnte, in Schwyz, waren es etwas über 51 Prozent. Manch einer hat in Innerrhoden sogar noch mit einem höheren Nein-Stimmenanteil gerechnet, doch angesichts des geballten medialen Beschusses und der täglich verbreiteten Alarmstimmung sind die 4718 Nein- zu 3740 Ja-Stimmen mehr als beachtlich.

Wobei das alles nicht ganz fair ist. Appenzell Innerrhoden hat mit um die 15'000 Einwohnern die Grösse einer Schweizer Kleinstadt. Es gab durchaus in sich geschlossene Regionen woanders, die man so gesehen auch berücksichtigen müsste, weil sie vornehmlich Nein sagten. Das St.Galler Rheintal beispielsweise. Aber eben, Kanton ist Kanton, Region ist Region. In den offiziellen Statistiken tauchen solche Dinge nicht auf.

Warum tickt Appenzell Innerrhoden anders? Man kann es sich einfach machen und es damit begründen, dass der Kanton traditionell impfkritisch ist, und auch wenn die Impfung nicht zur Abstimmung stand, wurde sie doch mit dieser unbewusst verbunden. Doch es steckt mehr dahinter. Gerade die impfkritische Haltung ist ja nur Ausdruck einer grundsätzlichen Haltung. Auch wenn Pauschalisierungen immer schwierig sind: Der Innerrhoder hat generell ein gesundes Misstrauen gegenüber allem, das ihm verordnet wird. Veränderungen müssen sehr gut begründet sein. Kritiker interpretieren das in diffamierendem Sinn als «konservativ». Das Wort bedeutet nichts anderes, als dass man das erhalten möchte, was sich bewährt hat. Wer etwas anderes will, sollte gute Argumente vorbringen. Das ist eine gesunde Einstellung. Sie bewahrt vor unnötigem Aktivismus, dem Nachrennen hinter Trends, unüberlegten Schnellschüssen.

In Innerrhoden lässt man sich denn auch nicht so schnell aus der Ruhe bringen wie im daueralarmierten urbanen Raum, wo ein Wort von Greta Thunberg oder eine Medienkonferenz der Task Force reicht, um leichte Hysterie auszulösen. Hier ist die Perspektive eine andere. Die Welt dreht sich, sie ist gar nicht so schlecht, und wer einem Appenzeller die Apokalypse einreden will, hat einen schweren Stand. Der Säntis steht unverrückbar da, der Hohe Kasten auch, ebenso der Kronberg. Es ist alles halb so wild. Es ging immer irgendwie weiter. Eine unaufgeregte, abgeklärte Sicht der Dinge, die es selbst gross angelegten, teuren Kampagnen schwer macht, etwas auszulösen.

Als ich vor 16 Jahren aus einem Impuls heraus nach Appenzell zog, erntete ich viel Unverständnis in meinem St.Galler Umfeld. Die Innerrhoder seien kauzig, eigen, sie mögen keine fremden Fötzel und wollen unter sich bleiben, hiess es. Ich konnte das nie feststellen. Ja, richtig, man muss nicht hierher ziehen und den Einheimischen sagen, wie die Welt läuft, das mögen sie nicht. Aber völlig zu recht. Es gab diese kleine, sehr gut funktionierende Welt lange, bevor ich kam, sie muss sich nichts beibringen lassen von mir oder einem anderen Zuzüger. Ein Schuss Demut ist gefragt, wenn man neu ist, aber wer sich engagiert und auf die Leute zugeht, wird auf keine Mauer stossen.

Was nützt überbordende Freundlichkeit und scheinbare Offenheit, mit der man sich anderswo gerne brüstet, wenn sie danach an der Oberfläche bleibt? In Innerrhoden, wo jeder jeden kennt, kann es diese Unverbindlichkeit gar nicht geben. Das ist nicht immer angenehm, aber es zwingt zur Transparenz, zur klaren Haltung. Verstecken muss man sie übrigens nicht: Hier gilt durchaus leben und leben lassen, und nur, weil man am Stammtisch ruppig streitet, heisst das nicht, dass andere Meinungen nicht akzeptiert werden. Sie werden es vermutlich mehr als in den angeblich so toleranten Städten, in denen aber «Cancel Culture» inzwischen eine allgemein akzeptierte Reaktion auf das ist, was man nicht mag.

Vielleicht ist das ein zu heiles Bild. Es wäre angesichts des deutlichen Abstimmungsresultats auch verfehlt und gegenüber der Mehrheit unfair, Appenzell Innerrhoden und Schwyz nun zur «wahren Schweiz» zu erklären. Aber dass ein kleiner Kanton der geballten Propaganda zu widerstehen vermochte, ist dennoch eine Botschaft. Sie lautet: Man kann es anders machen. Dann, wenn man sich nicht von allem anstecken lässt (die Rede ist nicht von einem Virus), wenn man nicht jedes Wort für bare Münze nimmt, wenn man auf die bestehenden Qualitäten vertraut und davon ausgeht, dass das, was uns schon immer getragen hat, besser ist als kollektives orientierungsloses Herumtaumeln vor einer hochgeschriebenen Gefahr.

Die Schweiz war einst ein Sonderfall und eine Weile lang stolz darauf. Das ist lange vorbei. Appenzell Innerrhoden ist nun der Sonderfall innerhalb des angepassten Normalfalls. Das ist eine wichtige Aufgabe. Denn der kleine Kanton tief im Osten sollten den Rest des Landes daran erinnern, dass es einst unsere Stärke war, nicht einfach zu sein wie die andern.

Aktuell belächelt man die Hüter des Souveräns zwar lieber, als sie zum Vorbild zu nehmen. Aber das ist das Schöne an der Geschichte: Wir wissen nicht, wohin sie morgen führt. Und zu wem wir morgen hochsehen.

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Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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