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Konjunkturforum «Zukunft Ostschweiz»

Ostschweizer Wirtschaft in guter Verfassung, Arbeitskräftemangel als zentrale Herausforderung

Die Ostschweizer Wirtschaft wird sich leicht abkühlen. Doch sie zeigt sich insgesamt äusserst resilient gegen die vielschichtigen Krisen und Unsicherheiten. Zentrale Herausforderung für die Unternehmen ist der Arbeitskräftemangel, der sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen wird.

Die Ostschweiz am 22. November 2022

Im Jahr 2035 fehlen der Ostschweiz im Vergleich zu heute schätzungsweise 60'000 Arbeitskräfte. Das zeigte das Konjunkturforum «Zukunft Ostschweiz» der IHK St.Gallen-Appenzell und der St.Galler Kantonalbank mit über 900 Gästen.

«Ja, wir werden in der Schweiz eine wirtschaftliche Abkühlung haben, aber diese wird uns aller Voraussicht nach nicht so stark treffen wie die Finanzkrise 2008 oder die Anfänge der Coronapandemie 2020». Dieses Resümee zog Jan-Egbert Sturm, Direktor der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich, am Montagabend, 21. November 2022, am Konjunkturforum «Zukunft Ostschweiz» vor rund 900 Gästen in der St.Galler Olma-Halle 2.1. Als massgeblichen Treiber der gegenwärtigen wirtschaftlichen Abkühlung identifizierte Sturm den explosionsartigen Anstieg der Gaspreise im Zuge des Ukrainekrieges. Dieser sei in weiterer Folge ein wesentlicher Treiber der aktuellen Inflation. Dennoch blickt Sturm vorsichtig optimistisch in die Zukunft: Aufgrund der mehrheitlich positiven Stimmung in der Wirtschaft und der erwarteten Entspannung bei den Energiepreisen werde die Schweizer Wirtschaft auch im kommenden Jahr ein leichtes Wachstum von 1.0% erfahren.

Ostschweizer Wirtschaft in guter Verfassung, Anpassungsfähigkeit gefordert

Die wirtschaftliche Situation der Ostschweizer Unternehmen ist weiter gut und zeigt im Gegensatz zur Gesamtschweiz und dem nahen Ausland vorerst kaum Bremsspuren. «Die konjunkturelle Entwicklung in der Ostschweiz präsentiert sich trotz Lieferschwierigkeiten, steigender Preise und des Fach- und Arbeitskräftemangels weiter überraschend stabil», meint Caroline Hilb Paraskevopoulos, Leiterin Anlagestrategie und Analyse der St.Galler Kantonalbank sowie Mitglied des Konjunkturboards Ostschweiz. «Einzig stark vernetzte und international exponierte Branchen wie der Grosshandel und die Industrie erwarten eine Abnahme der Nachfrage in den kommenden Monaten», so Hilb. Diesbezüglich sei der starke Franken im Vergleich zum Euro hervorzuheben. «Exportorientierte Unternehmen haben aus dem Wechselkursschock 2015 gelernt und mittlerweile in ihren Handelsverträgen oftmals eine Wechselkursklausel verankert» ergänzt Hilb.

Neben den volatilen Energiepreisen und den Inflationssorgen beschäftigen Ostschweizer Unternehmen weiterhin diverse Lieferengpässe, wie Thomas Harring, CEO Leica Geosystems AG, stellvertretend für die Industrie vermerkte. Diese seien ein veritabler Stresstest für sein Unternehmen und dies werde in Zukunft auch so bleiben. Schliesslich müsse man in Zeiten multipler Krisen auf Überraschungen vorbereitet sein. Als entscheidenden Faktor für die Anpassungsfähigkeit sieht Harring den Faktor Mensch: «Am Ende kommt es bei solchen Herausforderungen auf die Menschen im Unternehmen an, ohne sie funktioniert nichts».

Arbeitskräftemangel: Die Schere wird sich weiter öffnen

Der «Erfolgsfaktor Mensch» stand dann auch im Zentrum des zweiten Veranstaltungsteils, der sich ganz dem Arbeitskräftemangel widmete. «2019 erreichten in der Ostschweiz erstmals mehr Menschen das Pensions- als das Erwerbsfähigenalter», so Markus Bänziger, Direktor der Industrie- und Handelskammer (IHK) St.Gallen-Appenzell. Er betonte: «Wir befinden uns erst am Anfang. Die Schere geht in den kommenden Jahren weiter auf.» Gemäss der Fokusstudie «Zukunft Werkplatz Ostschweiz: Engpassfaktor Mensch» vom Institut für Systemisches Management und Public Governance (IMP-HSG) an der Universität St.Gallen im Auftrag der IHK werden in der Ostschweiz bis zum Jahr 2035 schätzungsweise 60'000 Arbeitskräfte fehlen. «Uns fehlt praktisch ein ganzer Kanton Appenzell Ausserrhoden», so Kristina Zumbusch, Co-Autorin der Studie. Die Ostschweizer Unternehmen beurteilen den Arbeitskräftemangel deshalb mittelfristig als grösste Herausforderung überhaupt.

Die Autoren der Studie geben drei Handlungsempfehlungen ab. Erstens müsse es den Ostschweizer Unternehmen und der Region als Ganzes gelingen, ausreichend Arbeitskräfte zu sichern. Zweitens brauche die Ostschweiz eine Produktions- und Qualifikationsoffensive. Drittens empfehlen die Autoren der Studie, den Fokus noch stärker auf den «Erfolgsfaktor Mensch» und damit auf neue Arbeitsformen zu lenken.

«New Work»: Die Beziehung von Menschen zur Arbeit wandelt sich

Yvonne Seitz-Strittmatter, Personalchefin der Abacus Research AG, Katharina Lehmann, CEO der Lehmann Gruppe, und Irene Mark-Eisenring, Personalchefin der Bühler AG, bestätigen am Montagabend bei der Podiumsdiskussion diese Erkenntnisse einig: Es sei zunehmend schwierig, Personal zu rekrutieren. Dabei gehe es weniger darum, eine Position schnellstmöglich zu besetzen. «Die grosse Herausforderung bei der Rekrutierung ist es, die Personen zu finden, die sowohl die erforderlichen Fähigkeiten als auch den nötigen Cultural Fit mitbringen» so Seitz-Strittmatter.

Ein Stichwort, das am Montagabend in der Olma-Halle immer wieder fällt, ist «New Work». Gemäss Roland Scherer, Co-Autor der Fokusstudie, müsse dies als Überbegriff verstanden werden, der die heutigen Ansprüche und Erwartungen von Arbeitnehmenden zusammenfasst. Im Zentrum stünden hier die Sinnhaftigkeit der Arbeit, Mitgestaltungsmöglichkeiten, Nachhaltigkeitsaspekte, Entwicklungsperspektiven, Flexibilität oder Familienfreundlichkeit. «New Work geht dabei weit über Homeoffice-Möglichkeiten hinaus und umfasst neben flexiblen Arbeitsmodellen auch Ansätze in Richtung individualisierter Arbeit, fluide Strukturen, netzwerkartige Formen der Zusammenarbeit, eine Vertrauenskultur und die Entwicklung moderner Leadership-Prozesse». Dennoch stellt Katharina Lehmann klar, ein Beschäftigungsverhältnis sei nicht als Selbstbedienungsladen zu verstehen. Arbeitnehmende müssten insbesondere in einem produzierenden Betrieb ihrerseits Leistung und Solidarität gegenüber dem Unternehmen und ihren Arbeitskollegen aufbringen.

Abschliessend zu «Zukunft Ostschweiz» resümierte Bänziger, dass Ostschweizer Unternehmen sich an den wandelnden Arbeitsmarkt anpassen müssen. «Heutzutage müssen sich Arbeitgeber bei Arbeitnehmenden bewerben», so Bänziger. Die Dringlichkeit des Problems Arbeitskräftemangel fordere Arbeitgeber heraus, schneller und näher an den jüngeren Generationen zu agieren. Die öffentliche Hand müsse zudem die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen, vor allem was die Infrastruktur anbelangt. «Investitionen sowohl in den Verkehr als auch in die digitale Erreichbarkeit, Stichwort Glasfaser- und 5G-Ausbau, müssten getätigt werden, um die Ostschweiz als attraktiven Werkplatz zu gestalten.

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