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Gartenbrief

Pflanzenvernichtung vs. Pflanzentausch

Wohlmeinende Städte und Dörfer veranstalten jetzt landauf-landab sogenannte Eintauschbörsen. Neophyten gegen einheimische Sträucher. Wer einem bösen Neophyten das Leben ausbläst, erhält dafür einen guten einheimischen Strauch.

Markus Kobelt am 20. November 2021

Die Fremdenfeindlichkeit in den Schlagzeilen der lokalen Presse ist geradezu mit Händen zu greifen. Sie wird auch offen gezeigt, weil man ja auch kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn man gleich mal die Welt rettet. Ja logisch, solche fremden ausländischen Eindringlinge, die dazu noch unseren alteingesessenen einheimischen Gewächsen und der Diversität überhaupt das Leben schwer machen, gehören mit Stumpf und Stiel ausgerottet. Besonders fortschrittliche Gemeinden verbrennen dann auch die ‘brandgefährlichen’ Neophyten sicherheitshalber, da eine Kompostierung viel zu gefährlich wäre… Der leibhaftige Teufel muss zur Not mit dem Beelzebub ausgetrieben werden, CO2 spielt im Kampf gegen die fremdländischen Pflanzen plötzlich keine Rolle mehr.

Natürlich ist diese Hexenjagd auf Pflanzen ziemlich unwirksam, aber gleichzeitig auch dumm und gefährlich. Neophyten sind grundsätzlich nur mal neue Pflanzen, nach einem gewissen Stichdatum (über das sich trefflich streiten lässt) in unsere Gefilde gekommen. Übrigens sind auch viele, ja die meisten unserer wichtigsten Nahrungsmittelpflanzen Neophyten: Der Mais, die Kartoffel kommen aus Südamerika, der Weizen stammt aus Vorderasien, der Rhabarber aus China, die Erdbeere aus Nord- und Südamerika, auch unser Kulturapfel hat fast nichts mit dem einheimischen Wildapfel zu tun. Wollen Sie also bei der nächsten Umtauschaktion Ihre Kartoffelstaude, Ihren Süssmais gegen…. na was denn tauschen?

Und was bitte soll der Grund sein, warum einheimische Pflanzen grundsätzlich besser sein sollen als nicht einheimische? Die schnelle, aber wenig überlegte Antwort, dass die einheimischen Pflanzen sich hier eingewöhnt hätten, verfängt im Anthropozän schon lange nicht mehr: Wir Menschen verändern die Welt und die Umwelt so schnell, dass wir dringend auf neue Pflanzen angewiesen sind, die sich hier wohlfühlen und unsere Nahrung, unseren Sauerstoff produzieren. Andere Pflanzen gehen und verschwinden, nicht etwa, weil sie von fremden Pflanzeneindringlingen vertrieben würden, sondern weil sie in die aktuelle und menschengemachte Umwelt nicht mehr hineinpassen.

Wenn dann das Pflanzenjägertum gar nicht mehr weiter weiss, kommt die Unterscheidung mit den invasiven, aggressiven Neophyten, die nur zu bekämpfen seien. Nun ja, damit wären also grundsätzlich die erfolgreichen Neophyten auf der Abschussliste, denn diese werden von den Pflanzenpatrioten automatisch als invasiv gewertet: Also der Mais, die Kartoffel, neben dem Berufkraut und der Goldrute. Ob das gut kommt mit dieser Definition? Man sollte sich ganz genau überlegen, ob man wirklich gegen erfolgreiche Pflanzen vorgehen soll? Und wenn es einen wohlüberlegten gesellschaftlichen Konsens dafür gibt, wäre die Zahl der zu bekämpfenden Pflanzen extrem klein zu halten. Warum? Weil die Erfolgsaussichten dieses Unterfangens äusserst fragwürdig sind und weil wir fast sicher in 10 oder 20 Jahren entdecken werden, wie wertvoll die zum Tode verurteilten Pflanzen wirklich waren (das mit den Todesurteilen ist ja grundsätzlich so eine Sache…).

Schliesslich wird zusätzlich die Diversität als Totschlagsargument ins Feld geführt: Jeder Schreiberling einer Lokalzeitung erwähnt in einem seltsamen Automatismus, dass Neophyten die Diversität gefährden würden. Wie bitte, wie kann das gehen? Wie kann eine einwandernde zusätzliche Pflanze die Diversität gefährden? Wie kann plus 1 minus 1 bedeuten? Jede Inselstudie zeigt genau das Gegenteil: Durch einwandernde Pflanzen und Tiere ist in allen Inselsituationen (von einer bestimmten Grösse), also etwa in Neuseeland, England, Australien und Hawaii die Vielfalt nicht zurückgegangen, sondern sie hat deutlich zugenommen. Was einsam auf der Insel bleibt, ohne Blut-Auffrischung, stirbt langsam, ganz langsam, aber auch ganz sicher aus. Es braucht Diversität, Blutauffrischung von aussen, um das Leben in Gang zu halten. Das gilt ja auch - meine lieben grünen Freunde im Geiste – für die Gesellschaft.

Ich gestehe zum wiederholten Male: Ich liebe Neophyten, wandernde erfolgreiche Pflanzen. Denn es gibt einen Grund, warum sie so erfolgreich sind: Ihr Fit mit der Umwelt – so wie sie nun mal ist. Und genau hier liegt der entscheidende Punkt: Wir können passende Pflanzen begrüssen für die Umwelt, so wie sie (menschengemacht) nun mal ist. Oder wir können künstlich die Pflanzen vergangener Zeiten herdesignen, renaturalisieren – für eine Umwelt, die es wegen uns Menschen schon lange nicht mehr gibt.

So und jetzt kommt nach dem Verriss der produktive Teil: Lubera® sponsert Pflanzentauschaktionen.

Ja, ich halte solche Vernichtungsaktionen für sinnlos und auch für kontraproduktiv. Dagegen sind Pflanzentauschaktionen im Herbst und im frühen Frühling, an denen ohne fragwürdige Vorschriften über RICHTIG/FALSCH, GUT/SCHLECHT Gartenfreundinnen und Gartenfreunde Pflanzen aus dem Garten tauschen können, extrem sinnvoll, weil sie die Diversität in jedem einzelnen Garten fördern. Wir sind bereit, solche Tauschbörsen mit einer Pflanzenspende aus unserer Baumschule im Wert von 1'000.- sFr./1'000.- Euro. zu unterstützen. Die Organisatoren können diese Spende zum Beispiel einsetzen, um die Pflanzentauscher zu motivieren: Wer mehr als x Pflanzen zum Tauschen mitbringt, kann zusätzlich auch eine Pflanze aus unserer Spende auswählen und gratis nach Hause nehmen. Kontaktieren Sie uns für eine solche Aktion unter info@lubera.com oder umfrage@lubera.com.

Und was ist unser Interesse? Verteilen Sie einfach bei solchen Aktionen unser Pflanzenpflegebüchlein (Lubera hilft), das wir ebenfalls gratis zur Verfügung stellen, und schicken Sie uns nach der Aktion einige Bilder, die wir veröffentlichen können. (Um doch noch auf ganz sicher zu gehen: Aktionen, bei denen unbotmässige Pflanzen vernichtet werden, können wir selbstverständlich nicht unterstützen).

Damit keine Missverständnisse aufkommen und damit auch mein Buchhalter zufrieden ist: Natürlich leben wir davon, dass wir Pflanzen verkaufen. Aber wir wollen – das geben wir gerne zu – auch die Welt ein kleines Bisschen verbessern!

Mit Pflanzen, mit einheimischen und auch neuen fremden Pflanzen!

Gärtnern Sie weiter.

Herzliche Grüsse

Markus Kobelt

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Stölzle /  Brányik
Autor/in
Markus Kobelt

Markus Kobelt ist Gründer und zusammen mit seiner Frau Magda Kobelt Besitzer von Lubera.

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