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Gastkommentar

Vom Unternehmer zum vermeintlichen «Covidioten»

Sein Leben und seine wirtschaftliche Tätigkeit haben unter der Coronakrise nicht gelitten. Dennoch engagiert sich der Unternehmer Josip Sunic in der Debatte. Warum er das tut und es weiterhin für nötig hält, schreibt er in seinem Gastbeitrag.

Josip Sunic am 20. Oktober 2020

«Keine Bewilligung: Demonstration von Coronaskeptikern in St.Gallen kann diesen Samstag nicht stattfinden», schreibt das St.Galler Tagblatt in seiner Schlagzeile. «Als Gäste werden der Verleger Christoph Pfluger, Journalist Stefan Millius, Unternehmer Josip Sunic, Pharma-Fachmann Patrick Jetzer, Musiker Hanspeter Krüsi sowie die Musikerin Joice The Voice aufgeführt. Überraschungsgast inklusive. «

Von Protesten mit Transparenten und Uneinsichtigkeit gegenüber Weisungen der Polizei ist im nächsten Abschnitt die Rede. Klingt nach einer belegten Prophezeiung, schubladisierten Vorwegnehmungen? Eindeutig ja. Ganz ehrlich: Ich verbringe die wenige Freizeit, die ich habe, lieber mit meiner Frau und meinen Kindern, als mit selbstgebastelten Transparenten durch die Stadt zu ziehen. Ich habe dies mit zwölf Jahren mal gewagt. Gummischrot sei Dank nehme ich zu Lebzeiten an keiner Demonstration mehr teil.

Ich gehöre keiner Partei an, ebenso wenig irgendeiner Lobby. Ich habe keine politische Agenda. Mein Unternehmen hat aufgrund von Corona nicht gelitten, im Gegenteil: Als Softwareunternehmen, das Prozesse digitalisiert und automatisiert, profitieren wir klar vom Digitalisierungsschub, welcher durch die Corona-Massnahmen ausgelöst wurde. Ich bin keineswegs ein Corona-Verschwörungstheoretiker und auch kein Corona-Massnahmenverweigerer. Ich vertraue Wissenschaftlern mehr denn Laien, die sich ihr Halbwissen über Suchmaschinen aneignen.

Wenn ich mit etwas nicht einverstanden bin, wehre ich mich zwar dagegen, indem ich rationale Argumente hervorhebe, halte mich aber trotzdem- wie in diesem Fall- an die Massnahmen. Ob ich ein Covidiot, Schaf oder einfach ein Idiot bin, darüber fällt der Leser dieser Zeilen das Urteil. Ich wurde angefragt, ob ich bereit wäre, an dieser Kundgebung teilzunehmen. Meine Motivation und der Grund für meinen geplanten Auftritt bestanden darin, über die Konsequenzen der Massnahmen für Unternehmer und deren Mitarbeiter zu sprechen. Objektive Argumentation, das Analysieren von Sachlagen und das Treffen von fundierten Entscheidungen sind mein täglich Brot. Diese Kundgebung sollte nichts als ein Podium sein, das sehr konkrete und reale Probleme anspricht, die unser aller Leben beeinflussen. Die wirtschaftliche und somit auch soziale Gliederkette, die wir bislang als selbstverständlich erachteten, zerfällt in ihre Einzelteile, sobald auch nur eines dazwischen nachlässt.


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Die gesellschaftliche Trennung zwischen «Unternehmern» und «Mitarbeitern» hat mich schon immer fasziniert. Mein neues Unternehmen zählt über 40 Mitarbeiter, von denen ich jeden als Unternehmer bezeichnen würde. Der einzige Unterschied zwischen Mitarbeitern und Unternehmern besteht darin, dass der Unternehmer vollumfänglich die Verantwortung dafür übernimmt, dass Ende des Monats die Löhne ausbezahlt werden.

Damit Löhne bezahlt werden können, gibt es für Unternehmen zwei Möglichkeiten: Gewinne erwirtschaften oder sich verschulden. Die Voraussetzung für ersteres ist Umsatz. Ohne Umsatz kann kein Gewinn erwirtschaftet werden. Ohne Gewinn können keine Löhne bezahlt werden, was letztendlich dazu führt, dass die Firma Mitarbeiter entlassen muss. Eine Konsequenz der aktuellen Corona-Massnahmen ist: weniger Umsatz. Weniger Umsatz ergibt folgerichtig weniger Gewinn. Weniger oder kein Gewinn bedeutet, ohne Umschweife, dass Menschen, die ihre Familie ernähren, entlassen werden müssen, damit die Firma überlebt.

Dessen ist sich auch unsere Politik bewusst. Aus diesem Grund wurden Massnahmenpakete geschnürt. Ein scheinbarer Rettungsanker. Corona-Kredite ohne Prüfung für alle. Kurzarbeitsentschädigungen für alle. Die Realität sah aber anders aus: Viele haben keinen Kredit erhalten. Unzählige Unternehmen kämpfen sich heute durch den unüberschaubaren Dschungel der bürokratischen Allmacht und Gerichten, um die Kurzarbeitsentschädigungen ausbezahlt zu bekommen. Der Bundesrat ist da schlicht zu weit entfernt, ja weltentfremdet, von den Beamten, die kurzerhand Gesuche für Kurzarbeitsentschädigungen ablehnen. Dies erklärt auch, wieso diese Kurzarbeitsentschädigungen - weitaus tiefer als vom Bund budgetiert-, ausgefallen sind. Nichtsdestotrotz konnte ein grosser Teil der Wirtschaft am Leben gehalten werden.

«All die kleinen Selbstständigerwerbenden interessieren sowieso niemanden. Die machen alle nur Dinge, die sowieso niemand braucht.» «Allen Unternehmern geht es ohnehin blendend. Wenn sie nicht in teuren Autos rumflitzen würden, hätten sie grössere Reserven für die Überwindung der Krise gehabt.» Befürworter der Massnahmen, denen die wirtschaftlichen Konsequenzen der damit einhergehenden Einschränkungen nicht bewusst sind, zelebrieren Kommentare dieser Art regelrecht. Dass mit teuren Autos, Hotelübernachtungen und teuren Uhren Umsatz und Gewinn generiert werden, mit denen letztlich Löhne bezahlt und Personen beschäftigt werden, entzieht sich ihrer Wahrnehmung. Kritisches Hinterfragen der Massnahmen betrifft aber nicht die Upper-Class, ihre prall gefüllten Sparbücher und Konten registrieren aktuell keine grösseren Einbussen, aber jeder Normalsterbliche drückt sich den Handballen an den Kopf, wenn die Nebenkosten zum unüberwindbaren Problem werden. Da ist eine Gliederkette. Notabene.

Nun haben wir einen zweiten, sogenannten «Quasi-Lockdown». Die zweite Welle, noch nicht in ihrer ganzen Pracht entfaltet, sorgt jetzt schon für Unmut und Angstzustände. Ganz zu Recht. Im Gegensatz zum ersten Lockdown ist es kein offizieller Lockdown. Es gibt für niemanden Entschädigungen, ausser vielleicht für prestigeträchtige Airlines und den ÖV. Ein Rettungsboot der sinkenden Titanic steht für diese bereit. Ein Restaurant, das normalerweise 80 Plätze hat, kann ja auch mit 8 Plätzen noch offen haben. Ein Laden, der normalerweise am Samstag 2'000 Kunden bedient, kann auch mit 20 Kunden über den Tag verteilt noch offen haben. Dem ist in der Tat so, folglich besteht kein Anspruch auf eine Entschädigung. Allerdings werden sowohl das Restaurant als auch der Laden einen Bruchteil des Umsatzes und Gewinnes generieren, den es braucht, damit alle Mitarbeiter weiterbeschäftigt werden können.

Angenommen es werden nochmals Hilfspakete geschnürt: Jeder Unternehmer und auch jeder Privathaushalt weiss, dass Schulden, die zum Überleben aufgenommen werden, irgendwann zurückbezahlt werden müssen. Andernfalls ist der Konkurs unausweichlich. Unternehmer sind aktuell gezwungen, Schulden zu machen, damit Mitarbeiter ihre Löhne erhalten. Im schlimmsten Fall, bei einem Konkurs, haben diese Unternehmer oder Selbstständigerwerbende nicht einmal Anspruch auf Arbeitslosengelder, sondern müssen vom Sozialamt leben. Und dieses erwartet, sobald sich die Lage entspannt, ebenso eine Rückzahlung. Die Endlosschlaufe, der Teufelskreis, scheint besiegelt.

Aktuell erfolgt die erzwungene Umsatzreduzierung mit Massnahmen, die vom Volk gefeiert, ja sogar als zu wenig umfangreich und rigoros, bezeichnet werden. Alles aufgrund eines Virus, bei welchem mittlerweile erwiesen ist, dass die Sterberate bei unter 70-jährigen bei unter 0.05% liegt, global. In der Schweiz dürfte diese noch weitaus tiefer sein. Die medizinische Versorgung ist hierzulande gewährleistet. Menschenleben lassen sich nicht auf Zahlen reduzieren. Aber ich frage trotzdem: Sind der Lockdown und die Massnahmen gerechtfertigt, wenn Eltern dadurch den Job verlieren? Wenn Schulen schliessen, wohin mit den Kindern? Zu den Grosseltern, die aufgrund ihrer chronischen Erkrankungen zu Hause sind und als adäquate Lösung erscheinen? Auf Einzelfälle mit Folgeschäden gehe ich nur insofern ein: Es gibt Leute, die laufen zu schnell die Treppe hoch und haben einen Herzinfarkt. Deswegen wird das Treppensteigen nicht generell für alle Personen verboten. Die Zahl von positiv Getesteten ist ein schlechter Scherz, solange nicht verifizierte, validierte Tests verwendet werden und dieselben Personen unzählige Male in der Statistik erscheinen. Letzteres lässt die Positivitätsrate in die Höhe schnellen. Viele Positive dienen aber genau der Angstmache, die dazu dient, dass Leute mit Applaus auf ihre eigene Arbeitslosigkeit zusteuern. Massnahmen einhalten wie das Tragen von Maske, Abstand halten, Hände waschen, wurde uns als die einzig wirksame Lösung zur Bekämpfung eingetrichtert: diese Heilige Dreifaltigkeit soll beherzt und rigoros eingehalten werden. Für den Rest haftet jemand, oder?

Meine Motivation bei der Veranstaltung als Gast aufzutreten, war folgende: Den Menschen die Augen öffnen, bevor sie ohne Arbeit dastehen. In meinem engeren Umfeld mussten Unternehmer bereits tausende von Mitarbeitern entlassen. Firmen, die seit Jahren erfolgreich unterwegs sind. Wenn dieser Schwachsinn, in abgeschwächter Form, Wahnsinn, nicht ein abruptes Ende nimmt, werden wir die grösste Weltwirtschaftskrise in der Geschichte der Menschheit erleben. Sie ist schon in vollem Gange.

Konkrete Massnahmen, die Sinn machen würden:

  • Der Bund soll die Belieferung von Risikopatienten mit Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs organisieren. Wenn diese nicht mehr aus dem Haus müssen, gibt es keinen Grund für radikale Einschränkungen dieser (Un)Art für alle. Ob Risikopatienten mit diesen Einschränkungen leben wollen oder das Risiko einer Infektion eingehen, dürfen diese natürlich nach eigenem Ermessen entscheiden. So wie dies bei Rauchern, beim Alkoholkonsum, Motorradfahren etc. der Fall ist. Nach eigenem Ermessen und aus freiem Willen.

  • Teilisolationen von Spitälern für Risikopatienten.

  • Anstatt die Wirtschaft künstlich am Leben zu (er)halten, sollte mit diesem Geld zusätzliches Material wie Beatmungsgeräte beschafft und Gesundheitspersonal geschult werden.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Josip Sunic

Josip Sunic (*1990) ist Gründer des Schweizer PC-Herstellers Prime Computer AG sowie des Startups AppArranger AG, einer Buchungsplattform für Dienstleistungen. Daneben ist er Mitglied des Expertenkomitees von Startfeld, dem Ostschweizer Förderverein für Startups.

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