logo

Freitags-Glosse

Waldmeyer: «Hilfe, ich bin binär!»

Waldmeyer fühlt sich zunehmend isoliert: Gendermässig bezeichnet er sich als «normal», also binär. Zudem ist er nicht schwarz, kein Vegetarier, auch nicht jüdisch. Das ist heute alles andere als trendy. Andrea Sommer interviewt Max Waldmeyer und entdeckt, welche Strategie er sich zurechtgelegt hat.

Roland V. Weber am 25. November 2022

Andrea Sommer (AS): Max Waldmeyer, Sie beklagen sich, dass sie nur binär sind. Sie provozieren wieder einmal. Es ist doch heute ganz normal, dass man sich genderkonform verhält.

Max Waldmeyer (WM): Einverstanden – diesbezüglich braucht es Toleranz. Soll doch jeder so sein, wie er will. Und sich auch so verhalten können. Aber die westliche europäische Welt macht jetzt eine Religion aus dem Genderdasein.

Wissen Sie, wie viele Geschlechter es gibt? Da gibt es nicht nur LGBTQ+, also die normalen Abweichungen mit lesbian, gay, bi, trans, queer, etc. Laut Facebook gibt es noch ganz feine Varianten dazwischen. Insgesamt sind es rund 60.

AS: Stört Sie das?

WM: Überhaupt nicht. Soll sich doch jeder etwas aussuchen. Die Frage ist nur: Wieso braucht es denn überhaupt noch Geschlechterzuweisungen? Ich würde die Geschlechter kurzum aufheben. Es braucht nur noch „Mensch“.

Es soll ja LehrerInnen (Lehrer*innen?) geben, die möchten, weil „divers“, nicht als Herr oder Frau Sonderegger angesprochen werden, sondern als „Mensch Sonderegger“. Man könnte das Herr oder Frau einfach weglassen: Sonderegger. Ausserdem sind doch die Schüler heute mit den Lehrern eh per du. Blöd natürlich, wenn der Vorname eindeutig geschlechtsspezifisch konnotiert ist, also beispielsweise „Ludmilla“ oder „Amir“. Für eine diverse Person eventuell schwierig. Mit „Andrea“ beispielsweise würde man auf der sicheren Seite liegen. Aber dazu kommen wir vielleicht später noch.

AS: Was sagen sie zu der erhöhten Nachfrage nach VR-Frauen? Das ist doch eine gute Entwicklung!

WM: Sicher. Aber auch eine neue Diskriminierung. Denn nur ein neuer Geschlechtereintrag könnte in meinem Fall zu einer erhöhten Chance führen, in den VR einer börsenkotierten Firma gewählt zu werden. Und bei der SP ist es künftig deplatziert, männlich zu sein.

AS: Es wird so oder so die Zeit kommen, da müssen quotenmässig alle Gendervarianten fair berücksichtigt werden. In der Wirtschaft, der Politik, usw.

WM: Der Zürcher Stadtrat macht es doch vor: Von den zehn Mitgliedern sind immerhin offenbar vier non-binär. Allerdings, meines Wissens, nur homosexuell. Die feinen Varianten dazwischen werden m.E. ungenügend berücksichtigt. Der Bundesrat ist noch viel schlimmer aufgestellt: Die sind, zumindest gegen aussen, alle binär. Immerhin sind zurzeit noch ganz verschiedene Berufe vertreten: Klavierspielerinnen, Winzer, Buchhalter, Onkologen, etc. Andererseits bleiben viele Berufe unberücksichtigt. Wo sind beispielsweise Metzger oder Synchronschwimmerinnen? Wo sind die Baumeister? Mal schauen, ob der Bundesrat künftig ein bisschen diverser wird.

AS: Sie provozieren wieder, Herr Waldmeyer. Es geht doch darum, dass wir in unseren Gremien einfach die tatsächlichen Eigenschaften der Bevölkerung besser abbilden. Da gehören auch mal Minderheiten dazu.

WM: Stimmt. Auch die Religionen sollten wir besser abdecken. Immerhin scheint es im Bundesrat noch eine jüdische Person zu geben. Aber wo sind echte andere Ethnien? Wir müssten auf jeden Fall die verschiedenen Geschlechter besser mit Berufen, Religionen und Hautfarben kombinieren. Ich wünschte mir im Bundesrat also, nur beispielsweise, eine muslemische, schwarze Baumeisterin. Und sie müsste queer sein. Dann noch einen homosexuellen, buddhistischen, asiatischen Harfenspieler – aber mit dem Parteibuch der SVP, zum Beispiel.

AS: Aber Sie sind aber einverstanden, dass es doch einige Zwischenformen zwischen Mann und Frau gibt und dass deren Rechte geschützt werden sollen?

WM: Was ist der Unterschied zwischen Mann und Frau, wenn es so viele Zwischenformen gibt? Der einzige Unterschied zum Mainstream, der bleibt, sind Frauen, die Kinder kriegen. Eine Spezies „Mensch“ könnte künftig die einzige sein, die sich von dem kleineren Rest der Menschen unterscheidet, die Kinder kriegt. Wohl verstanden, nicht von den Frauen, die Kinder haben möchten, sondern Frauen, die auch tatsächlich Kinder kriegen. Hier könnte der Staat eine Ausnahme machen und sich ein bisschen mehr um diese wertvolle Sorte Mensch kümmern. Es gäbe dann nur noch „Menschen“ und Menschen mit selbst geborenen Kindern, „Menschen plus“ quasi. Für letztere gäbe es einen Deal mit dem Staat. Es ginge dann um Kinderbetreuung, Erziehungsgutschriften, etc. Der Staat müsste die Familie eh noch ganz ersetzen, denn es wird dann nicht mehr ein Setup mit Männern und Frau geben, sondern nur noch Konstrukte, die alle irgendwo – mit 60 Ausprägungen - dazwischen floaten.

AS: Ein neues Konzept. Und was wäre mit der Wehrpflicht?

WM: Eigentlich sollten – da es keine Geschlechtertrennungen mehr gibt – alle „Menschen“ Armeedienst leisten. Ausser, sie sind schwanger und haben Kleinkinder. Dann erfolgt eine Dispensation, unabhängig vom Geschlecht. Die Regel würde dann lauten: „Für Menschen, die Kinder kriegen oder eigen-geborene Kinder bis acht Jahre betreuen, wird die Armeepflicht ausgesetzt.“ Das wäre gendergerecht.

Bleibt immer noch das Problem mit den Toiletten. Auch mit den Gefängnissen. Darf man dorthin gehen, wo man gefühlsmässig hingehört?

AS: Toiletten müssen künftig gendermässig für alle vorhanden sein, klar. Also braucht es für Männer, Frauen und Diverse getrennte Einrichtungen. Zürich macht das nun vorbildlich vor. Bei den Gefängnissen sollte das eben auch so gehandhabt werden.

WM: Also müssen die Wirtschaft und die öffentlichen Institutionen mehr Toiletten bauen. Und der Staat muss einen Transen-Knast zur Verfügung stellen?

Das Problem scheint mir tatsächlich nicht gelöst zu sein. Wenn ich mich als Mann fühle, aber eine Frau bin, werde ich Probleme mit den Pissoirs in der Männertoilette haben. Oder als fraugefühlter Mann werde ich mich unbeliebt machen auf der Damentoilette. Andererseits: Sollte ich nun – als non-binärer Mann (weil ich mich eher weiblich fühle) - ins Gefängnis müssen, könnte ich Hindelbank wählen, das Frauengefängnis. Das wäre vielleicht eh attraktiver, da kann man allerlei Kochkurse belegen und etwas im Garten arbeiten.

AS: Ja, noch ist nicht alles gelöst. Die Gesellschaft muss indessen schon auf eine generelle Gleichstellung für alle hinarbeiten.

WM: Andrea, würden Sie sich auch als non-binär bezeichnen?

AS: Also bitte, das ist Privatsache.

WM: Tut mir leid, ich wollte nur keine Fehler begehen mit meinem Verhalten. Ihr Vorname ist ja non-binär. Ihre Eltern handelten also schon sehr umsichtig, denn Andrea kann sowohl männlich als auch weiblich sein.

AS: Schauen Sie, es gibt eben Menschen, die irgendwo dazwischenstehen. Es geht letztlich um Selbstfindung. Aber eigentlich wollte ich Sie interviewen.

WM: Ja, einverstanden. Aber was machen wir jetzt bei der AHV? Die kennt nur Männer oder Frauen. Und die Männer sind diskriminiert, Frauen kriegen die AHV zurzeit mit 64. Wo ist hier die Gleichstellung? Und: Was ist mit den Menschen, die divers sind – oder sich divers fühlen? Wann kriegen sie die AHV?

AS: Ich weiss es offen gestanden nicht. Sagen Sie es mir!

Waldmeyer: Ich weiss es auch nicht. Aber Sie bringen mich auf eine Idee: Vielleicht überdenke ich die Sache doch noch mit meiner eigenen Geschlechterwahl. Ich fühle mich nämlich seit einiger Zeit ein bisschen als Frau. Wenn ich jetzt kurz zum Zivilstandsamt gehe und für 45 Franken mein Geschlecht ändere: Erhalte ich dann die AHV früher …?

AS: Mensch Waldmeyer, danke für das Interview.

Wochenübersicht

Fachbeitrag

Herausforderung Städteplanung: Zwischen Visionen und Pragmatismus

am 06. Dez 2022
Gastbeitrag

Olivenöl trifft auf Traditionelle Chinesische Medizin

am 05. Dez 2022
Zeyer zur Zeit

Der Zürcher Kosmos ist bankrott

am 07. Dez 2022
Bundesratswahlen

Verlagerung nach links

am 07. Dez 2022
Kommentar von Patrick Emmenegger

Ein «schiefer» Bundesrat

am 07. Dez 2022
Investment views

Was wollen uns die Zinsen sagen?

am 05. Dez 2022
Gastkommentar

Zur Erinnerung: Am Freitag spielte die Schweiz gegen Serbien

am 05. Dez 2022
Mumie der Schepenese

Das wäre auch sachlicher gegangen

am 05. Dez 2022
Zwischenetappensieg für Milo Rau

Eine Rückführung von Schepenese wird geprüft

am 07. Dez 2022
Podcast mit Ruben Schuler

Die Tonalität der SVP ist die falsche für mich

am 07. Dez 2022
alphaberta.ch

«Gegenfrage: In welchen Bereichen sollten sich Männer deutlich weniger in Szene setzen?»

am 07. Dez 2022
Arbeiten über Festtage

«Es herrscht eine aussergewöhnliche Stimmung»

am 06. Dez 2022
Ticketverlosung

«Druck erzeugt auch eine Dynamik»

am 06. Dez 2022
Von 50'000 auf 200'000

IHK vervierfacht Beteiligung an der Olma

am 05. Dez 2022
Die bisherige Marketingleiterin übernimmt

Fabienne Diez wird neue Centerleiterin der Shopping Arena

am 05. Dez 2022
Vereinbarkeit

«Der Prozess war mit einigem Aufwand, Hürden und vielen Gesprächen verbunden»

am 03. Dez 2022
Erst bei Volljährigkeit abstimmen

Thurgauer Regierungsrat lehnt Stimmrechtsalter 16 ab

am 08. Dez 2022
The Time of Our Singing

St.Galler Koproduktion gewinnt Opera Award als beste Uraufführung

am 07. Dez 2022
Wie erwartet

Saisonaler Anstieg der Stellensuchenden

am 07. Dez 2022
Gastkommentar

Tempo 30 – Kanton und Stadt St. Gallen auf Abwegen

am 08. Dez 2022
Gastkommentar

Weitere Explosion der Strompreise

am 08. Dez 2022
Zusammenarbeit

Ucan und Xhaka ziehen sich an

am 08. Dez 2022
Ruth Metzler-Arnold als Botschafterin

Gründung der Non-Profit-Organisation «A Million Dreams»

am 08. Dez 2022
Fiktive Rechnungen

Anklage wegen Steuerbetrugs

am 08. Dez 2022
Stölzle /  Brányik
Autor/in
Roland V. Weber

Roland V. Weber (*1957) verbrachte einige Zeit seines Lebens mit ausgedehnten Reisen. Aufgewachsen in der Schweiz, studierte er Betriebswirtschaft in St. Gallen und bekleidete erst verschiedene Führungspositionen, bevor er unabhängiger Unternehmensberater und Unternehmer wurde. Er lebt in den Emiraten, in Spanien und in der Schweiz. Seit Jahren beobachtet er alle Länder der Welt, deren Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Er bezeichnet sich selbst als «sesshafter digitaler Nomade», als News Junkie, Rankaholic und als Hobby-Profiler.

Roland Weber schreibt übrigens nur, was er auch gerne selbst lesen würde – insbesondere, wenn Sachverhalte messerscharf zerlegt und sarkastisch oder ironisch auf den Punkt gebracht werden.

Hier klicken, um die Mobile App von «Die Ostschweiz» zu installieren.