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Freitags-Glosse

Waldmeyer, Pierin und das Lehrstück

Der grösste Schweizer Wirtschaftsprozess seit Jahren fesselte auch Waldmeyer. Schade, gibt es wenig Bilder, denn die Argumentationsketten der Kontrahenten präsentieren sich wie in der Netflix-Serie „Suites“ – nur findet das Ganze hier bei uns statt! Waldmeyer überlegte, was er daraus lernen könnte.

Roland V. Weber am 04. Februar 2022

Der Prozess rund um Pierin Vincenz, ex CEO der Raiffeisenbank, erlaubt es uns, in gewisse Abgründe von systematischen Verfehlungen einzelner Wirtschaftsführer fast persönlich reinzuschauen. Natürlich weiss Waldmeyer, dass das mit Voyeurismus zu tun hat. Aber es ist eben auch ganz informativ. Interessant sind zum Beispiel diese raffinierten Bereicherungen, aber auch die Spesenexzesse, diese vielen Nightclubs, die bizarre Tour de Suisse Pierins durch die Rotlichtlokale.

Ebenso beeindruckend sind die Argumentationen der Angeklagten und ihrer Verteidiger: „Es ist nicht so, wie es aussieht.“ In diesen Füdlibars sitzen nämlich auch potenzielle Raiffeisenkunden, oder: Gewisse Kunden erwarten eben, dass man an solchen Orten Geschäftsabschlüsse tätigt. Nun wissen wir auch, dass bei grossen Banken Bewerbungsgespräche mit auf Tinder rekrutierten Kandidatinnen in feinen Restaurants stattfinden. Auch gut: Die Ehefrau musste den wichtigen CEO auf längeren Flugreisen nur begleiten, weil der wichtige CEO vorübergehend an Sehstörungen litt. Und Australien musste nicht ferienhalber besucht werden, sondern nur, um eine Schalterhalle einer fernen Bank zu studieren.

Einerseits gemahnten die Ausführungen in diesem Prozess an eine Komödie, andererseits waren sie auch ein Lehrstück in Taktik und Unverfrorenheit. Wie in „Suites“ eben – nur durften wir diesmal hautnah dabei sein!

Pierin seine Freunde konnten aufzeigen, wie einfach und raffiniert es ist, sich frühzeitig für einen Apfel und ein Ei an Firmen zu beteiligen, um diese nachher vom eigenen Arbeitgeber aufkaufen zu lassen. Das ist weder „Korruption“ noch „Betrug“, denn der Käuferin – in diesem Fall der Raiffeisen – ist kaum ein nachweisbarer Schaden entstanden.

Waldmeyer konstatierte: Gilt es etwas abzustreiten, muss die eigene Darstellung einfach konsequent durchgezogen werden. Ein roter Faden der Stringenz sollte sich durch die Argumente ziehen. „Wir können alles erklären.“ Schon früher hatten wir dies von Donald Trump gelernt, dem Erfinder der „Alternative Facts“. Oder von Putin, der bis heute abstreitet, dass es die Russen waren, die verdeckt in die Krim infiltrierten oder heute konsequent behauptet, Truppen rund um die Ukraine nur zusammenziehen, weil sich Russland von der Nato, hunderte von Kilometern weiter westlich, bedroht fühlt.

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Ja, dieser Vincenz zieht die Sache einfach konsequent durch, reflektierte Waldmeyer. Er mag den moralischen Kompass dabei aus den Augen verloren haben, aber schliesslich muss er seine Haut retten, und er macht das wirklich gut, so unbeschwert und souverän. Eines muss man ihm lassen, meinte Waldmeyer: Das ist ein brillanter Verkäufer, mit Stehvermögen, Charisma und Kraft.

Die meisten öffentlichen Prozesse in der Schweiz waren bis heute von Langeweile durchtränkt. Entweder wurde einfach kalt abgestritten, oder die Angeklagten zeigten Reue und kamen so mit einem blauen Auge davon. Pierin Vincenz gebührt deshalb Respekt: Er unterhält uns nicht nur bestens, er könnte, mit seinem Lehrstück, gar einen ganzen Reigen an neuen Prozesskulturen eröffnen! Danke, Pierin, dachte sich Waldmeyer, du bringst endlich etwas mehr Drive und Farbe in unsere Kommunikationskultur. Pierin setzt einen Contrapunkt zu unserem hochanständigen, devoten und mit „Exgüsi“ und „Bissoguet“ gepflasterten helvetischen Habitus. „Also dieser Pierin, der macht das schono guet!“, meldete Waldmeyer aus seinem Eames Chair zu seiner Frau Charlotte rüber. Charlotte antwortete nicht.

Natürlich bleibt da die moralische Verurteilung, welche nichts mit der juristischen Wertung der Causa zu tun hat. Obwohl dieser plakative Prozessvorgang vordergründig doch etwas neu ist für uns (auch weil so offensiv und frech verteidigt wird), ist der Vorgang für die Eidgenossenschaft ziemlich systemimmanent. Es gibt nun einmal viel Filz in unserem kleinen Land. Oft als lauteres Netzwerk getarnt, werden Interessen in unserem Milizsystem oft grosszügig vermischt. Da gibt es eine Vielzahl von übergreifenden Verwaltungsratsposten, kombiniert mit Exekutivämtern in Regierung, Verwaltung und Gesellschaft, da zählen wichtige Seilschaften aus Vereinen, Sport und Armee. Wir lassen uns dabei immer wieder überzeugen, dass das alles nichts mit Interessenkonflikten, geschweige denn mit Korruption zu tun hat.

Aber zurück zu Pierin, unserem neuen Lehrmeister in Sachen angriffiger Kommunikation und Gesprächstaktik: Waldmeyer, der sich angesichts dieses frivolen Schwankes am Gericht fast als Bünzli sah, überlegte sich, was er nun abkupfern könnte. Ja, etwas mehr offensives Verhandlungsgeschick könnte er sich vielleicht aneignen, so beispielsweise bei seinen grossen Kunden in der Firma. Ein bisschen weniger Anstand – dafür eine Note mehr überzeugende Nonchalance.

Das mit den Füdlibars irritierte Waldmeyer jedoch nach wie vor, seine Erfahrung beschränkte sich diesbezüglich auf ein paar Expeditionen während den militärischen Wiederholungskursen. Vielleicht sollte man da trotzdem wieder mal reinschauen?

„Charlotte, die Verwaltungsratssitzung morgen Abend wird im King’s Club stattfinden. Es werden alle kommen. Ausser Elisabeth, sie hat sich aus persönlichen Gründen entschuldigt.“

Charlotte antwortete, gefühlt binnen einer Millisekunde: „Das trifft sich gut, Max, ich habe hier nämlich unsere Frauentennisrunde eingeladen. Und die Chippendales kommen.“

Für einmal war es Waldmeyer, der nicht antwortete.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Roland V. Weber

Roland V. Weber (*1957) verbrachte einige Zeit seines Lebens mit ausgedehnten Reisen. Aufgewachsen in der Schweiz, studierte er Betriebswirtschaft in St. Gallen und bekleidete erst verschiedene Führungspositionen, bevor er unabhängiger Unternehmensberater und Unternehmer wurde. Er lebt in den Emiraten, in Spanien und in der Schweiz. Seit Jahren beobachtet er alle Länder der Welt, deren Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Er bezeichnet sich selbst als «sesshafter digitaler Nomade», als News Junkie, Rankaholic und als Hobby-Profiler.

Roland Weber schreibt übrigens nur, was er auch gerne selbst lesen würde – insbesondere, wenn Sachverhalte messerscharf zerlegt und sarkastisch oder ironisch auf den Punkt gebracht werden.

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