logo

Gartenbrief

Warum wir neue Pflanzen und Tiere brauchen

«Pflanzen, welche sich ungehindert über den Gartenzaun ausbreiten, müssen verboten werden.» – Das hat mir ein «Gartenbrief»-Leser kürzlich geschrieben – und Lubera und mir gleich grundsätzlich die Liebe aufgekündet.

Markus Kobelt am 30. August 2021

Der Satz hat es in sich. Lesen Sie ihn doch bitte nochmals ganz langsam durch. Die wahre Ironie der Aussage hat sich mir nämlich auch erst beim zweiten oder dritten Durchlesen erschlossen: Pflanzen, welche sich nicht ungehindert über den Gartenzaun ausbreiten können, müssen nämlich gar nicht mehr verboten werden, weil sie aussterben. Praktischerweise braucht es dann auch keine Gärten mehr, Parkplätze reichen.

Es gab aber diese Woche auch spannende Fragen, die interessanterweise gleich zu mehreren das gleiche Thema betrafen: Die Insekten und die Pflanzen.

"Wie verhält es sich mit den Insekten im Verhältnis zu heimischen und fremden Pflanzen? Als Argument für die Einen und gegen die Anderen wird immer angeführt, dass "unsere" Insekten verhungern, weil wir immer weniger heimische Pflanzen wachsen lassen."

Meine Antwort:

Zugegebenermassen weiss ich von Insekten und Tieren weniger als von Pflanzen, die den weitaus grössten Anteil unserer Biosphäre ausmachen. Damit will ich jetzt nicht auf die Bedeutungslosigkeit von Tieren und Insekten abheben (das würde mir als Menschen ja ziemlich schlecht anstehen), ich möchte nur ganz klar auf die Grössenverhältnisse und unsere verdrehte Wahrnehmung hinweisen: In unseren Überlegungen kommen die Tiere und Insekten immer lange vor den Pflanzen, die es gerade noch knapp schaffen, wichtiger als die unbelebte Materie zu sein. Das zeigt sich auch in den aktuellen Bienen – und Insektendiskussion: Pflanzen werden nach ihrer Bedeutung für Tier und Insekten (und Menschen) beurteilt und nicht etwa umgekehrt. Warum das so ist? Vielleicht weil der Mensch auch ein Tier ist?

Nun aber zu den Essvorlieben von Tieren und Insekten: Warum isst die Kuh Mais und wir Tomaten und Kartoffeln? Weil Tiere (und übrigens auch Insekten) Opportunisten sind, sie nehmen das, was da ist und was ihnen in den Speiseplan passt, auf die Herkunft (ausländisch/inländisch) schauen sie nicht. Verpflichtende Herkunftsnachweise werden von den Pflanzen normalerweise nicht mitgeliefert.

Die Dynamik bei den Insekten und Tieren verhält sich ähnlich wie bei den Pflanzen: Wem es nicht mehr passt, geht; und es kommt, was erfolgreich ist und sich wohlfühlt. Die Umweltbedingungen, die dafür verantwortlich sind, bestimmen im Wesentlichen wir Menschen. Nur ist die Dynamik bei den Insekten und Tieren eher noch intensiver und schneller als bei den Pflanzen, da sie sich bewegen können…jedenfalls schneller und autonomer als die Pflanzen. Einwandernde erfolgreiche Insekten lernen wir dann meist als neue Schädlinge kennen, vor denen gewarnt wird (wie vor den invasiven Neophyten). Aber ich kenne keinen Fall, wo es langfristig gelungen ist, solche Wanderungsbewegungen aufzuhalten. Glücklicherweise zeigt sich fast immer, dass sich irgendwann ein neues Gleichgewicht einstellt. Fast immer, aber nicht immer – auch damit müssen wir leben, auch das ist Natur. Notabene sind auch die einwandernden Schädlinge immer auch früher oder später Nützlinge.

Ökosysteme sind eben keine fix definierten und historisch stabilen Gefüge, sondern stellen sich immer wieder neu zusammen. Studien zeigen, dass sich dabei überraschend schnell neue Fits ergeben. Auch in der Natur ist Opportunismus, das Ergreifen von Chancen, eine Pflicht. Nur so können Tiere, Insekten und Pflanzen überleben. Ideologie ist eine späte Erfindung des Menschen: Nur ein Ideologe kann darauf kommen, dass das Alte besser ist als das Neue, und das Einheimische wertvoller als das Fremde.

So und jetzt zur Wechselwirkung von Pflanzen und Insekten: Insekten brauchen Pflanzen als Nahrung (und übrigens auch als Droge, als Stimulans), Pflanzen brauchen Insekten für die Bestäubung, Tiere für die Verbreitung ihrer Samen. Aber auch hier stellen sich neue Gleichgewichte ein, der Nahrungsplan der Insekten ist ziemlich offen… Es zeigt sich, dass Insekten ihren Nahrungsplan teilweise sogar dann umstellen und umstellen können, wenn sie sehr spezialisiert waren und sich in Koevolution zu einer Pflanze entwickelt haben, die aus was für Gründen auch immer verschwindet. Und selbstverständlich ist es auch möglich, dass einem so spezialisierten Insekt irgendwann doch die Nahrung ausgeht, wenn die Pflanze auswandert. Dies würde aber nur dann gegen neue Pflanzen sprechen, wenn sie systematisch der Grund wären, dass alte Pflanzen ‘verdrängt’ werden. Dies ist aber nicht der Fall, auch wenn es häufig behauptet wird.

Ein gutes Beispiel für den neuen Fit zwischen neuen Pflanzen und Insekten sind die Buddleja, immer voll von Insekten und Schmetterlingen. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wird dann argumentiert:

A Es würden sich nur die verbreitetsten und nicht die seltensten Insekten auf Buddleja wiederfinden

B Die Buddleja würden die Schmetterlinge sozusagen besoffen machen, wirkten als Droge

Zu A: Das ist eine statistische Binsenwahrheit, natürlich sind die häufigen Insekten auch häufig auf Buddleja

Zu B: Natürlich ‘besaufen’ sich Insekten und Schmetterlinge teilweise auf ihren Futterpflanzen, das ist ja eben auch Teil der Anziehungskraft, die Pflanzen auf Insekten haben. Wollen wir ihnen die Freude nicht gönnen?

So, jetzt habe ich aber ein Editorial-Bier verdient! Übrigens: Die Hopfenblüte ist nur für die Bierherstellung geeignet, wenn wir verhindern, dass sie von Insekten befruchtet wird. Entsprechend wäre also das Bier zutiefst bienen- und insektenunfreundlich.

Wollen wir jetzt konsequenterweise aufs Bier verzichten?

Zum Wohl!

Markus Kobelt

WERBUNG
Shopping Arena Ladestationen 2022

Talks

Video-Talk mit Ipek Demirtas

«Die Obsession des Gewinnens muss in einem Unternehmen spürbar sein»

am 12. Mai 2022
Video-Talk mit Marc Weber

Werden Rechtsfälle dereinst mit Algorithmen gelöst?

am 17. Mai 2022
Video-Talk mit Kurt von Suso

«Das kann ein Mann alleine gar nicht alles erlebt haben…»

am 10. Mai 2022
Video-Talk mit Martin Rutishauser

«Das ist eine riesige Kiste, ja»

am 05. Mai 2022
Video-Talk mit Eva Crottogini

«Jedes Kind sollte die Möglichkeit haben, sich auf diesem Wege auszudrücken»

am 04. Mai 2022
Video-Talk mit Sophia Sommer

Frau Sommers Trick, sich jünger oder älter zu machen

am 28. Apr 2022
Video-Talk mit Salomé Kora

«Es sind ja nur 12 Sekunden. Eigentlich müsste man gar nicht atmen»

am 21. Apr 2022
Video-Talk mit Marc Reinhardt

«Wer bist Du?» – «Ich bin Bryan Adams»

am 19. Mai 2022
Video-Talk mit Myriam Junod

«Immer mehr Menschen haben mentale Probleme»

am 14. Apr 2022
Video-Talk mit Marcel Baumer

«Ich habe meinen Bruder voll im Griff»

am 26. Apr 2022
Video-Talk mit Peter Roth

«Ein Klanghaus? Ich hatte ja keinen Plan!»

am 07. Apr 2022
Video-Talk mit Katharina Lehmann

«Wir exportieren das Ostschweizer Handwerk»

am 05. Apr 2022
Video-Talk mit Livia Fierz

«Zum Glück ist noch keine Kundin ein zweites Mal gekommen»

am 22. Mär 2022
Video-Talk mit Katrin Schatz

«Vielleicht ist es nur eine faule Ausrede, weil ich nichts weiss»

am 24. Mär 2022
Video-Talk mit Pablo Brägger

«Es war klar: Nach Tokio ist Schluss»

am 29. Mär 2022
Video-Talk

Geplant planlos: «Rexer & Millius» über Gott und die Welt

am 31. Mär 2022
Video-Talk mit Fabienne Kuratli-Suter

Ein Schicksalsschlag veränderte ihr Leben von heute auf morgen komplett

am 17. Mär 2022
Video-Talk mit Markus Bütler

Dieser Mann hat die Lakers von der grauen Maus zum hellen Stern geformt

am 15. Mär 2022
Video-Talk

Hier kommen die «alten weissen Männer»

am 10. Mär 2022
Video-Talk mit Max Lässer

«Es geht nicht um Sex. Es ist einfach scheisse allein im Bett»

am 08. Mär 2022
Video-Talk mit Luca Zimmermann

Rexer holt den «George Michael» aus diesem Manager

am 03. Mär 2022
Video-Talk mit Malin Altherr

Diese junge Frau ist ein Rohdiamant und wird es noch weit bringen

am 24. Feb 2022
Video-Talk mit Josip Sunic

Ein Studienabbrecher startet zum zweiten Mal durch

am 01. Mär 2022
Video-Talk mit Seraphine Benz

«Ein Model ist ein Kleiderständer»

am 22. Feb 2022
Video-Talk mit Hansruedi Felix

Rock’n’Roll trifft auf den christlichen Glauben

am 15. Feb 2022
Video-Talk «3x3»

EU, Verkehrskollaps und leere Büroflächen: Hier braucht es kreative Lösungen

am 17. Feb 2022
Video-Talk mit Sandra Graf

«Ich wusste, was das heisst. Aber ich wusste nicht, was auf mich zukommt.»

am 08. Feb 2022
Video-Talk mit Urs Neuhauser

Wo sich der Klimaschutz wirtschaftlich auszahlt

am 10. Feb 2022
Video-Talk mit Klaus Estermann

Wenn der Lauch zur Inspiration für den Song wird

am 03. Feb 2022
Video-Talk mit Roland Stieger

«Vielleicht ist St.Gallen die Insel, die es nicht gibt»

am 01. Feb 2022
Video-Talk mit Michèle Mégroz

Wohin entwickelt sich die gesamte IT-Welt?

am 28. Jan 2022
Video-Talk mit Stefan Bissegger

Dieser Thurgauer Radprofi will ganz an die Spitze – Ein Gespräch über Hoffnungen und Niederlagen

am 25. Jan 2022
Video-Talk zur Medienförderung

«Es werden Produkte subventioniert, die nicht auf eigenen Füssen stehen können»

am 21. Jan 2022
Video-Talk mit Barbara Bernhard

«Bist Du eine Hexe?»

am 20. Jan 2022
Gölä und Dänu Wisler

So haben Sie «Uf u dervo» garantiert noch nie gehört

am 29. Okt 2021
Video-Talk mit Gunnar Kaiser

«Man hat den Medien eingeredet, sie seien das Bollwerk gegen das Böse»

am 07. Sep 2021
Video-Talk mit Hugo Portmann

Ausbrecherkönig Hugo Portmann: 35 Jahre hinter Gittern

am 19. Dez 2020
Video-Talk mit Marco Rima

«Meine Karriere ist mir völlig egal»

am 16. Dez 2020
Stölzle /  Brányik
Autor/in
Markus Kobelt

Markus Kobelt ist Gründer und zusammen mit seiner Frau Magda Kobelt Besitzer von Lubera.

Hier klicken, um die Mobile App von «Die Ostschweiz» zu installieren.