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Standortpolitik

Zeit für neue Wege

Die besten Tage des Standorts Ostschweiz liegen einige Jahre zurück. Der Region fehlen wichtige volkswirtschaftliche Impulse – von innen wie von aussen.

Remo Daguati am 20. April 2018

Wenn in der Ostschweiz das Wort «Ansiedlung» fällt, so betrifft es meist Wildtiere wie Wolf, Luchs oder Bartgeier. Dagegen warten andere Metropolitanregionen regelmässig mit Erfolgsmeldungen von angesiedelten Hightechfirmen auf. Und kommen so in den Genuss von Arbeitsplätzen, Steuersubstrat und neuen Technologien. Die Ostschweiz plagen nicht nur fehlende Ansiedlungen, sondern auch eine ausgeprägte Ressourcenschwäche.

Angesiedelte Firmen sind bei näherer Betrachtung eine Art «Frischzellenkur» für jeden Wirtschaftsraum. Und für politisch Verantwortliche wären sie ein wertvoller Indikator, wie kompetitiv der Standort im Wettbewerb um Direktinvestitionen und Talente ist. Die Ansiedlung eines ausländischen Unternehmens hat wiederkehrende Steuereinnahmen durch die Firma selbst und vor allem deren Mitarbeitende zur Folge – eigentlich ein lohnendes Geschäft. Und auch wenn die Ansiedlungszahlen seit der Jahrtausendwende gesamtschweizerisch zurückgegangen sind und sich seit 2015 wieder nach oben bewegen: die Ostschweiz hat überdurchschnittlich Marktanteile an andere Landesteile verloren. Die Ansiedlungszahlen und die damit verbundenen Arbeitsplätze sind in den letzten Jahren geradezu erodiert. Auch haben sich kaum mehr renommierte Firmen für eine Ansiedlung in der Ostschweiz entschieden. Steuersubstrat, Technologien, Talente und damit auch neue volkswirtschaftliche Impulse ziehen an der Ostschweiz vorbei. Eine Fehlentwicklung, die in den Analysen vieler volkswirtschaftlicher Auguren schlicht ausgeblendet wird.

Verzettelte Promotion

Zählt man die Anzahl Organisationen, die sich für die Standortförderung in der Ostschweiz einsetzen, so müsste es auch vor lauter neuen Firmen nur so boomen. Denn mit der St.GallenBodenseeArea und vier kantonalen Standortförderungen wäre die Begleitung von Ansiedlungen zumindest mit ausreichend Personal sichergestellt. Doch keine der Organisationen besitzt für sich alleine die kritische Grösse, die entsprechende Erfahrung und internationale Netzwerke, um beim hohen Tempo des internationalen Ansiedlungsgeschäfts wirksam mitzumischen. Andere Regionen haben dafür ihre Hausaufgaben längst gemacht: Die Greater Zurich Area und die Greater Geneva Berne Area teilen den Schweizer Ansiedlungskuchen praktisch untereinander auf. Dies, nachdem sie schon vor Jahren ihre Kräfte in der Auslandpromotion gebündelt und eigene Repräsentanten in den wichtigsten Herkunftsländern für Firmenansiedlungen aufgebaut haben.

So greifen diese Landesteile weltweit identifizierten Projekte ab, welche von der Nationalen Standortpromotion (Switzerland Global Enterprise) an die Kantone übermittelt werden. Kantone wie Luzern oder Schaffhausen gliederten ihre Promotionsorganisationen vor Jahren aus der Verwaltung aus. Die Arbeit wurde per Leistungsvereinbarung an private und äusserst agile Organisationen übertragen, die nach erfolgreichem Aufbau auch aus Mitteln der Wirtschaft und Verbände alimentiert werden. An erfolgreicheren Alternativen zum Ostschweizer Modell mangelt es also kaum.

NFA versüsst das Wundenlecken

Die Ostschweizer Politik scheint diese negative Entwicklung kaum zu beunruhigen. Denn Transferzahlungen aus dem nationalen Finanzausgleich (NFA) kompensieren auch fehlenden Erfolg. Der NFA beinhaltet sogar einen erheblichen Fehlanreiz: wenn ein finanzschwacher Kanton Unternehmen anzieht, verliert er aus dem Finanzausgleich mehr Geld, als er über die Besteuerung der zusätzlichen Unternehmensgewinne einnimmt. So überrascht es auch nicht, dass die Regierungskonferenz der Ostschweizer Kantone mit einer aufwändigen Studie nachweist, wieso diese üppigen Ausgleichszahlungen aus erfolgreicheren Regionen auch in Zukunft in die Ostschweiz fliessen sollen. Die Politik setzt lieber auf stetige Transferzahlungen, anstatt sich dem Wettbewerb zu stellen und für das eigene Wohl zu sorgen. Dabei gibt gerade der Kanton Waadt ein gutes Anschauungsbeispiel, wie man sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht. Noch vor zehn Jahren steckte diese Perle am Lac Léman in einer ähnlichen Stagnation, in der heute die zerklüftete Ostschweiz darbt. Die Waadt setzte auf eine aggressive Ansiedlungs-, Steuer- und Innovationspolitik und verzeichnete in den letzten Jahren überdurchschnittlich oft den Zugang von weltweit bekannten Firmen wie Schlüsselpersonen und erreichte damit einen merklichen Bevölkerungszuwachs. Heute ist die Waadt in Wirtschaftsfragen ein wichtiges Zugpferd unseres Landes.

Fatale Positionierung als Tiefpreis-Standort

«120% of Switzerland for the price of 80%»: Mit diesem Verkaufsslogan preist sich die Ostschweiz im Ausland an: tiefe Löhne, tiefe Lebenshaltungskosten, moderate Steuern. Doch Tiefstpreise werden gerne einmal mit fehlender Nachfrage oder geringer Wettbewerbsfähigkeit verbunden. „Billig“ und „Schweiz“ – notabene das innovativste Land der Welt – scheint bei Investoren und Talenten nicht wirklich anzukommen. Im Gegensatz dazu positionieren sich andere Schweizer Standorte selbstbewusst über Sektor- und Technologiekompetenzen sowie die Verfügbarkeit von hochqualifizierten Fachkräften und Forschungseinrichtungen. Mit Ausnahme der Ostschweiz konnten alle Metropolitanregionen beim Nationalen Innovationspark ihre Teilstandorte erfolgreich einbringen. Dazu schaffen sie aufbereitete Arbeitsplatzstandorte mit erheblichen Freiflächen für Ausbauvorhaben von ansässigen Firmen sowie zur Gewinnung von ausländischen Ansiedlungen. Und bieten darüber hinaus auch im steuerlichen Bereich attraktive Lösungen für Unternehmen wie Privatpersonen.

In der Ostschweiz leistet man sich dafür kleinste Entwicklungsflächen, eine der tiefsten Maturaquoten und feiert die unbestrittenen Errungenschaften der dualen Berufsbildung. Gleichzeitig lässt man keine Gelegenheit aus, die Textil- oder Agrarwirtschaft als Identitätsträger vergangener Grösse ins Schaufenster zu stellen. Damit lassen sich die Talente für den Aufbruch aber weder anziehen, zurückgewinnen noch halten.

Wende möglich

Die Ostschweiz braucht für eine Wende mehr Arbeitsplätze in Sektoren mit hoher Arbeitsproduktivität und Wertschöpfung. Sie müsste dafür ihr Billig-Image ablegen und mit Innovationsthemen punkten. Die Zauberformel für erfolgreiche Wirtschaftsstandorte in Europa verlangt dabei eine gezielte Kombination von ICT, Life Sciences und MEM. Und genau da liegen die Chancen der Ostschweiz. Sie kann sich bereits heute über herausragende Technologiekompetenzen in der MEM- und Präzisionsindustrie positionieren. Und auch im ICT-Bereich holt die Ostschweiz nach und nach auf oder überholt andere Landesteile. Weitere Investitionen in die höhere Bildung bei Universitäten und Fachhochschulen sowie Vernetzungsprojekte sind jedoch unabdingbar. Neue Initiativen zur Schaffung von Forschungsinstituten an der Universität St.Gallen oder den Fachhochschulen in wesentlichen Zukunftsdisziplinen wie Medizin oder ICT sollten in der politischen Diskussion also besser nicht zerredet oder auf die lange Bank geschoben werden.

Drei Pfade für eine eigenständige Standortpromotion der Ostschweiz

Gerade ausländische Direktinvestitionen könnten einen erheblichen Beitrag dazu leisten, dass Sektoren mit hoher Arbeitsproduktivität und Wertschöpfung die Ostschweiz von aussen stärken – so wie dies andere Landesteile bereits erfolgreich vorzeigen. Wagt man also den Weg, die Ressourcenschwäche der Ostschweiz langfristig aus eigener Kraft zu überwinden, so sind für eine erfolgreiche Standortpromotion drei Pfade konsequent zu beschreiten:

  1. Die Ostschweiz muss ihr Billig-Image ablegen. Sie muss mit Innovationsthemen punkten und ihre bestehenden Technologiekompetenzen erweitern. Dazu sind Investitionen in die höhere Bildung bei Universitäten und Fachhochschulen zwingend. Lücken im Bereich Life Sciences und ICT sind zu schliessen und mit den bestehenden Stärken im MEM-Bereich zu kombinieren. Rasch umzusetzen sind Projekte wie «Medical Master» und «IT-Bildungsoffensive».

  2. Die Ostschweiz muss baureife, sofort verfügbare und bestens erschlossene Standorte mit konkurrenzfähigen Nutzungsreserven für Neuansiedlungen sowie Ausbauvorhaben bereits ansässiger Hightech-Unternehmen bereithalten. Ein «Innovationspark Ostschweiz» in unmittelbarer Nähe zum erweiterten Tagungs- und Messestandort OLMA sowie dem grössten medizinischen Zentrum des Bodenseeraums wäre ein Attraktionspunkt mit internationaler Ausstrahlungskraft.

  3. Kräfte in der Standortpromotion sind auch in der Ostschweiz zu bündeln. Es darf kein Tabu sein, Ressourcen aus Verwaltungsstrukturen zu lösen, um diese in eine schlagkräftige Vermarktungsorganisation mit klaren Leistungszielen auszulagern.

Will man diesen eigenständigen Weg nicht beschreiten, so ist als Plan B der Anschluss an die Greater Zurich Area immer noch zielführender, als am Status Quo festzuhalten.

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Autor/in
Remo Daguati

Remo Daguati (*1975) betreut als unabhängiger Berater Standortförderungen sowie Arealentwicklungen im In- wie Ausland. Daneben wirkt er als Geschäftsführer des HEV Kanton und Stadt St.Gallen. Er ist zudem Mitglied (FDP) des Stadtparlaments St.Gallen.

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