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Bröckelnde Fassade

Die Schweiz im Kippzustand

Die veröffentlichte Meinung ist nicht dasselbe wie die öffentliche Meinung. Es ist nur noch die die Macht der Lautsprecher, die den Kippzustand übertüncht, in dem unser Land steht. Die Coronapolitik des Bundesrats bröckelt stärker, als man meinen könnte.

Stefan Millius am 24. Februar 2021

Derzeit gleicht eine persönliche Begegnung der anderen. Ob im privaten oder beruflichen Bereich. Man umtänzelt sich beim Thema Corona zunächst kurz, weil man nicht weiss, wo das Gegenüber steht. Meist reicht dann ein flüchtig hingeworfenes Wort oder die Frage, ob man die Maske hier allenfalls abnehmen kann. Und schon öffnen sich die Schleusen. Unverständnis, Unbehagen, Bedenken, manchmal Wut. Das alles entlädt sich über den Bundesrat und seiner evidenzlosen Politik der präventiven Panik. Jedenfalls hinter verschlossenen Türen.

Diese Erfahrung machen derzeit viele Leute. Viel mehr, als es uns die Schlagzeilen glauben lassen. Dass man sich innerhalb einer bestimmten Blase in sozialen Medien auf die Schulter klopft, ist klar. Das ist kein Gradmesser. Doch es passiert verstärkt ausserhalb dieser Runde von Gleichgesinnten. An Orten und bei Leuten, wo man nicht damit gerechnet hätte.

Warum aber wird im persönlichen Rahmen sichtbar, was sich so gegen aussen nicht präsentiert?

Weil es sich nach wie vor viele Menschen nicht leisten können, ihre Ansicht ausserhalb eines geschützten Bereichs zu äussern. Sehr viele Unternehmer, Führungskräfte, sogar Politiker sind nach einem Jahr der Desinformation fest davon überzeugt, dass es ihnen schaden würde, wenn sie nicht einfach bestätigen, was ihnen täglich als Wahrheit verkündet wird. Wenn sie den offiziellen Kurs der Schweiz hinterfragen. Und damit haben sie vielleicht sogar recht. Denn sie müssen damit rechnen, dass ihre Zuhörer unter dem gleichen Phänomen leiden: Auch sie dürfen nicht klatschen, wenn Kritik laut wird, weil sie ihrerseits dasselbe befürchten.

Es ist ein bisschen wie Domino. Ein Unternehmer, der Angst hat, einige Kunden zu vergraulen, die wiederum Angst haben, einige Kunden zu verlieren, wenn sie zur ihrer Meinung stehen: Das ist die Schweiz im Jahr 2021. Bestätigt in täglichen Gesprächen. Bei denen man sich zuerst verbal abtastet, bis man sich ein wenig aus der Deckung wagt.

Signale aus einzelnen Gesprächen: Kann man aus solchen eigenen Erfahrungen eine Stimmung ableiten? Oder gar eine Tendenz hin zu einem Wechsel? Ist das fahrlässig? Sind das keine zu «weichen» Parameter?

Die Frage ist, welche denn härter wären. Umfragen beispielsweise? Die sind nach einem Jahr Corona völlig wertlos. Nehmen wir die Frage nach der Impfbereitschaft. Natürlich wächst diese, wenn der Bundesrat laufend im hohen Stakkato einschneidende Massnahmen verkündet und dann wie nebenbei sagt: «Sobald möglichst viele geimpft sind, können wir über Lockerungen nachdenken.»

Umfrageinstitute rennen da offene Türen ein. Eine solche Politik aus Zuckerbrot und Peitsche schafft Pragmatiker, die sich in ihr Schicksal fügen in der Hoffnung auf Besserung. Sie wollen nicht darüber nachdenken, was wirklich Sinn macht, sondern einfach das vollziehen, was Linderung verspricht. Wenn der Kopf pochend schmerzt, mag man ja auch nicht lange den Beipackzettel eines Medikaments lesen. Rein mit dem Ding.

«Schön» zu sehen ist das anhand der Gastronomie. Bereitwillig verkünden immer mehr Betriebe via dienstfertige Medien, dass sie die bedenkliche bis beängstigende Idee «Bedienung nur für Geimpfte» mittragen werden, falls es soweit kommen sollte. Einfach, um endlich wieder Gäste empfangen zu können. Dabei vergessen sie, wer ihnen in den letzten Monaten den Rücken gestärkt hat: Es waren die Leute auf der «anderen Seite», die Massnahmenkritiker der ersten Stunde. Und mit Sicherheit nicht die Vertreter des offiziellen Kurses.

Es werden, wenn es so weit kommt, in Zukunft sehr viele Leute ihren Kaffee oder ihr Menü bestellen dürfen, denen vernichtete Existenzen in der Gastronomie monatelang völlig egal waren. Die sich sogar für einen harten Kurs ausgesprochen haben. Während Leute, die mit Transparenten für die Gastrobetriebe demonstriert und vielleicht auch mal eine Busse kassiert haben, draussen bleiben müssen. Eine seltsame Vorstellung.

Und ein Bumerang. Nichts gegen einen Schuss Überlebensinstinkt, natürlich wollen viele Beizer nun einfach öffnen, koste es, was es wolle. Aber besonders langfristig gedacht sind solche Äusserungen nicht. Je länger die Coronasituation andauert, desto länger werden sich die Menschen danach auch daran erinnern, wer wo stand in dieser Zeit. Gastronomen, die ihre Gäste in Gut und Böse einteilen und einige von ihnen fallen lassen wie eine heisse Kartoffel, werden kaum mit viel Solidarität rechnen dürfen, wenn es ihnen später mal nicht mehr laufen sollte.

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Ein weiteres sanftes Indiz für ein leichtes Kippen sind übrigens die Medien.

Derzeit funktioniert die gut geölte Maschinerie zwar noch. Der Bundesrat sagt, an welchem Termin er etwas verkünden will, einige Zeitungen, vor allem der stets gut informierte «Blick», lassen in den Tagen davor Stück für Stück durchsickern, was auf uns zukommen könnte, um dann kurz vor der Stunde X sogar ziemlich punktgenau durchzugeben, was der Bundesrat sagen wird.

Man kann dank diesem Service gewissermassen schon mal vorverdauen, was danach kommt. Das dämpft die Aufregung. Wenn das nicht reicht, greift man tiefer in die Trickkiste: Eine Zeitung baut in die Vorberichterstattung einige mögliche Szenarien ein, die noch schlimmer klingen, und schon erscheinen die Beschlüsse des Bundesrats im Vergleich dazu wie ein Wellnessaufenthalt.

Aber vermehrt gibt es neben den Zeitungen, die sich offenbar als Wegbereiter für den Bundesrat verstehen, andere Stimmen. Die verfälschende Zählweise bei Massentests – verfälschend ist eine freundliche Untertreibung – wäre vermutlich noch vor wenigen Wochen nicht einmal thematisiert worden. Nun brauchte es mit nau.ch ein einziges Medium, das seinen Job erledigte, und überraschenderweise brachten es andere Titel über sich, die Story zu übernehmen. Das ist Neuland.

Was jetzt noch fehlt, ist eine breite Masse, die das liest und aufschreit, wenn sie hört, auf welcher völlig unhaltbaren Basis künftige Massnahmen stehen sollen. Die einen Skandal erkennt, wenn sie ihn sieht. Aber vielleicht braucht das nach Monaten der gelenkten Information einfach mehr Zeit.

Zeit, die das Land ja eigentlich nicht hat. Man kann dem Schuldenberg beim Wachsen und vielen Betrieben beim Niedergang zusehen. Man darf beobachten, wie sich die (Kinder-)Psychiatrien füllen, aber ihre Lobby scheint weniger stark zu sein als die der Intensivstationen. Man kann erleben, wie Dinge, die früher als ungeheuerlich betrachtet worden wären, nun als mögliche langfristige Zukunft deklariert werden.

Wer die aktuelle Coronapolitik nicht mag, dem sei zum Abschluss mit einer aktuellen Schlagzeile geholfen. Einer, die zeigt, dass vielleicht wirklich das letzte Aufbäumen derer begonnen hat, welche die Unverhältnismässigkeit zum Regierungsprogramm gemacht haben.

Allen Ernstes werden in diesen Tagen von mehreren Zeitungen antisemitische Vorfälle in Zusammenhang mit der Corona-Massnahmenkritik gebracht. Die These: Dass nicht alle Hurra schreien, wenn Bundesrat Alain Berset vor die Kamera tritt, hat irgendwas zu tun mit judenfeindlichen Taten. Was genau? Keine Ahnung. Aber das ist doch quasi logisch. «Krisen führen immer wieder zur Suche nach Sündenböcken, wobei diese dann oft bei Minderheiten wie Juden oder Ausländern ‘gefunden’ werden», schreibt beispielsweise die Zeitung «Der Bund».

Belege dafür, dass aktuelle Schändungen von Synagogen irgendetwas mit den Menschen zu tun haben, die Kritik an der Politik des Bundesrats beim Thema Corona üben, gibt es natürlich nicht. Populärpsychologie muss deshalb reichen. Im bewussten Artikel klingt das so: «Dieser (der Lockdown, Anm. d. V.) lässt nicht nur die Emotionen über alle Parteigrenzen hinweg hochkochen, sondern erhöht auch das Risiko, dass Extremisten oder psychisch instabile Personen Grenzen überschreiten.»

Und weil das alles so denkbar schwammig ist und man genau so gut behaupten könnte, Bonsaizüchter seien antisemitisch, setzt man einfach einen Titel, der alles, was folgt, wie eine Tatsache aussehen lässt: «Was Antisemitismus mit Corona-Rebellen zu tun hat.» Das erfährt man danach im Artikel zwar nicht, weil es einfach nicht so ist, aber das spielt keine Rolle. Denn in Zukunft darf immer, wenn Leute gegen Massnahmen demonstrieren, einer hinstehen und sagen: «Das sind sowieso alles Judenhasser.» Es stand ja schliesslich irgendwie in der Zeitung.

Wenn Medien, die den Bundesrat stützen, mittlerweile solche Kunstgriffe nötig haben, um die andere Seite zu diskreditieren, kann man wohl sagen: Denen geht das echte Pulver aus.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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