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Was die Schutzmassnahmen auslösen

Die vergessenen Opfer: Was ist eigentlich mit den Kindern?

Ein österreichischer Virologe und Mikrobiologe nennt das, was derzeit geschieht, «ein Verbrechen an unseren Kindern». Er meint nicht das Virus, sondern die Schutzmassnahmen dagegen. Nur: Von den Kindern spricht fast keiner.

Stefan Millius am 16. September 2020

Tipp für den Feierabend: Googeln Sie mal rein aus Spass die Begriffe «Kinder» und «Corona» in Kombination. Sie erfahren dort viel über die Übertragung von Covid-19 auf und von Kindern, jedenfalls, das was bekannt ist oder was man zu wissen glaubt. Es gibt die unausweichliche Tippliste des Bundesamts für Gesundheit. Die Symptome des Virus bei Kindern werden aufgezählt. Ein Arzt sagt uns, dass wir in dieser Zeit das Kind beim Besuch doch bitte zuhause lassen sollen. Und eine Virologin warnt davor, die Kinder als «Zielgruppe» des Virus zu verharmlosen - Tests auch für sie bitte!

Im Grunde ist es komödiantisch, im Zusammenhang mit dem Coronavirus das Wort «Verharmlosung» in den Mund zu nehmen, wenn uns jeden Tag signalisiert wird, wie schlimm alles ist.

Was wir bei Google nicht oder nur sehr spät finden: Informationen darüber, was die Art und Weise, wie wir unser Zusammenleben verändert haben, mit unseren Kindern getan hat. Und auf unabsehbare Zeit tun wird. Es gibt aber durchaus Leute, die darauf hinweisen. Zum Beispiel hier:

«Ich glaube, das wird noch viel zu wenig gesehen. Wir als Erwachsene sind in der Lage, das noch einigermassen zu abstrahieren. (…) Ich meine, das psychische Verbrechen, das derzeit an unseren Kindern begangen wird, das ist durch nichts – durch nichts – zu entschuldigen. (…) Was im Moment passiert, schlägt sich ja in der Psyche und im Verhalten der Kinder und Jugendlichen nachhaltig nieder. Dieses Trauma muss man mitberücksichtigen, wenn ich heute solche Massnahmen setze. Wissen Sie, wenn ich jetzt sage, ich habe wirklich ein Killervirus, die Infektionsrate ist 50 Prozent während eines Menschenlebens (…), dann kann es schon einmal nötig sein, dass ich eine Güterabwägung mache, dass ich sage: Es ist nötig, dass ich auch mal einen Grossteil der Bevölkerung traumatisiere, es ist damit gerechtfertigt, dass ich das Überleben auf irgendeine Weise sicherstellen kann. Aber da sind wir ja nicht.»

Gesagt hat das der österreichische Professor Martin Haditsch, Facharzt für Mikrobiologie, Virologie, Infektionsepidemologie und Tropenmedizin, in einem Interview auf Youtube. Würde er vor Corona warnen, wäre er aufgrund seines Lebenslaufs und seiner Erfahrung der Starzeuge des BAG. Leider sagt er das Gegenteil und ist damit für viele wohl ein Coronaleugner oder ein «Covidiot». Denn es zählt nicht, was einer weiss und kann, es zählt mittlerweile nur noch, ob er das sagt, was man hören will. Dasselbe Diplom ist wertvoll oder wertlos, je nachdem, wer es besitzt.

Was meint Haditsch damit? Während des Lockdowns waren die Kinder nicht nur zuhause (das haben wir alle überlebt), sondern wurden in vielen Fällen dank der permanenten Warnrufe auch von ihren Eltern abgeschottet. Quartiere und Spielstrassen waren menschenleer, Kindergeburtstage fielen aus. Na und, daran stirbt keiner, und es waren wenige Wochen: Das kann man natürlich sagen. Aber es ist ja nicht vorbei, die Hysterie greift nach wie vor um sich, so dass zahlreiche Familien noch heute auf eine Art «Gschpänli-Isolation» schwören, selbst wenn sich dieselben Kinder ein Schulzimmer teilen. Immer mehr Standardhandlungen des Alltags finden «coronamodifiziert» statt. Alles wird zuerst abgeklärt, bevor man es tun kann: Sind da, wo du hin willst, auch andere Kinder? Oder, Gott bewahre, gar Erwachsene?

Und zum anderen sind weitere Massnahmen dazugekommen. Die Schutzmaske, von der viele sagen, sie sei unproblematisch, weil wir sie ja nur in bestimmten Fällen kurz aufsetzen müssen, ist im Vormarsch. Der öffentliche Verkehr war der Anfang, einige Kantone haben die Pflicht auf Läden ausgedehnt, andere werden nachziehen. Warum? Weil «die Fallzahlen steigen.» Also die Zahl der positiven Tests mit ihrer – Vorsicht, Ironie – umwerfenden Aussagekraft.

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Wer sagt, es sei egal, ob wir die untere Gesichtshälfte abriegeln oder nicht, geht ziemlich unaufmerksam durchs Leben. Eine Maske im Gesicht verhindert nonverbale Kommunikation, die genau besehen noch wichtiger ist als das gesprochene Wort. Sagen können wir viel, unser Gesicht verrät uns immer. Es tut aber auch viel Gutes: Es sendet Zuneigung, Liebe, Bestätigung, Aufmunterung aus. Wir lernen als Kinder auch an Gesichtern. Nicht nur an denen in unserem Umfeld, auch bei anderen, auf der Strasse, im Bus. Jedes Kind studiert die Mimik wildfremder Leute. Die aktuelle Generation an Kindern erhält davon sehr viel weniger. Man mag dieses Argument belächeln, aber diese Reaktion zeigt nur, wie weit wir uns von unseren Ursprüngen als Gemeinschaft entfernt haben. Wie wir nicht mehr kapieren, was uns als Menschen ausmacht. Wie wir nach und nach nur noch aus Schutzmassnahmen bestehen.

Vergnügungspärke, in denen es nicht mehr darum geht, Spass zu haben, sondern nur um die permanente Frage, ob die Maske sitzt und die Distanz stimmt. Eine Zugfahrt, in dem sich im Abteil nebenan Leute anschreien, weil einer ohne Maske unterwegs ist. Kinos, in denen die Familien wie auf Eiern tanzen, um sich im Foyer nicht zu nahe zu kommen. Das mögen alles Banalitäten sein, aber nehmen Kinder das auch so wahr? Ja, andere Generationen sind in der Kriegszeit aufgewachsen oder haben Versorgungsengpässe erlebt. Ja, man kann stets von «First World Problems» sprechen. Aber entbindet uns die Tatsache, dass es uns heute besser geht, von der Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass es gut bleibt?

Drei Fragen sind entscheidend: Wissen wir, was das nachhaltig macht mit Kindern? Gibt es ein «Ablaufdatum»? Und vor allem: Bringt das alles wenigstens etwas?

Zu Frage 1: Angesichts der Tatsache, dass viele Erwachsenen nach den letzten Monaten im roten Bereich laufen, nervlich am Ende sind, ein einziges Thema den Alltag bestimmt und wir nicht mehr wissen, wem wir glauben können, wäre es naiv, zu denken, dass das, was geschieht, bei Kindern wirkungslos bleibt. Man hat ihnen zuerst ein gehöriges Mass an Panik eingeimpft, passiert ist danach nichts, aber man hat ihnen nicht erlaubt durchzuatmen – schliesslich kommt die zweite Welle, und dass die Horrorszenarien nicht eingetreten sind, heisst nur, dass vielleicht alles noch schlimmer wird. Die Kinder befinden sich genau wie wir seit Monaten im Ausnahmezustand, aber sie haben nicht unser Instrumentarium, die Lebenserfahrung, um damit umzugehen.

Zu Frage 2: Der ehemalige «Mister Corona» Daniel Koch grinst uns von der Titelseite der «Schweizer Illustrierten» an und verkündet, im Sommer 2022 sei alles vorbei. Dann ist ja gut. Mal abgesehen davon, dass schon heute einiges von dem «vorbei» ist, was laut Prognosen kommen sollte (oder gar nicht erst stattgefunden hat): Worauf gründet diese Zahl? Und wieso sollen wir glauben, «vorbei» bedeute auch, dass es für diejenigen vorbei ist, die uns derzeit wie eine Kuhherde durch die Strassen treiben? Nein, es gibt kein Ablaufdatum. Es gibt nur den immer seltsamer anmutenden Versuch, uns ausser Atem zu halten mit immer neuen, immer weniger nachvollziehbaren Zahlen. Wollen BAG und Kantone denn eigentlich, dass es vorbei ist?

Und schliesslich Frage 3: Das BAG oder wahlweise die Kantone behaupten, Distanz und Schutzmasken und die Schliessung von Clubs usw. bewahren uns vor einer Katastrophe. Immer mehr Ärzte kommen zum gegenteiligen Schluss. Der oben zitierte Virologe Haditsch weist genüsslich darauf hin: Wenn diese Massnahmen wirklich entscheidend wären, müsste angesichts der Öffnungen nach dem Lockdown unmittelbar das reine Ansteckungschaos eingetreten sein. Damals, als viele es genossen, sich wieder näher zu kommen, unbeschwert zu sein. Hätte die berühmt zweite Welle nicht da kommen müssen? Oder zur Ferienzeit? Oder nach den Ferien, mit den Rückkehrern? Als viele Arbeitgeber wieder vom Homeoffice abrückten? Wir müssten derzeit etwa in der sechsten Welle stecken.

Fazit: Wir laden unseren Kindern eine enorme Hypothek auf, deren Folgen sich wohl erst in einigen Jahren richtig zeigen werden. Mit Massnahmen, deren Sinn immer mehr Experten bezweifeln. Und die sich gegen etwas richten, das ebenfalls immer mehr Experten zumindest für die breite Masse für viel harmloser halten, als vermittelt wird. In etwa so eben wie die ganz normale Grippe, die ihre Opfer ebenfalls bei bestimmten Zielgruppen sucht. Aber das ist ein Vergleich, das hat man uns früh beigebracht, den man sowieso nie machen darf.

Vermutlich hat auch das Gründe.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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