logo

Kommentar

Fridays for smart jobs

Kanton und Stadt St.Gallen gestalten ein funktionierendes Bürogebäude an zentralster Lage in ein Verwaltungsgebäude um. Jedoch fehlen jegliche Pläne, gleichwertigen Raum auch den kreativen, wissensbasierten Unternehmensdienstleistungen zurückkommen zu lassen. Ein Streik ist angesagt.

Remo Daguati am 25. Juni 2021
  • Die Zahl ist raus: 137 Mio. Franken soll die Neue Bibliothek die Steuerzahler von Stadt und im Kanton kosten. Ein Bürogebäude (Union) mit privatwirtschaftlich wertvollen Arbeitsplätzen an bester Lage soll für das geplante Bibliotheksgebäude einer staatlichen Dauernutzung weichen.

  • Das soll die Innenstadt beleben.

  • Überlegungen, wie man den Rückgang von Unternehmensdienstleistungen stoppt, fehlen.

Gegen Bibliotheken kann man kaum argumentieren – man wird vom politischen Gegner als dumm und unbelesen gebrandmarkt. Dennoch wird ein politischer Diskurs auf uns zukommen, ob und wie unsere Stadt die Sanierung von Museen und Hallenbädern, ein überdimensioniertes Busdepot sowie eine Neue Bibliothek finanziell stemmen kann.

Sie wird sich mit der neuen Bibliothek nochmals annähernd CHF 50 Mio. Investitionen aufhalsen. Die Mehrheiten hierfür sind in der Stadt aber auf sicher.

Ob der Gesamtkanton der stagnierenden, links-grün dominierten Kantonshauptstadt eine neue Bibliothek als kantonale Entwicklungshilfe zur Belebung ihrer Innenstadt gönnt, wird die heissere politische Frage sein.

Denn es könnte sich rächen, dass unser stagnierender Kantonshauptort kaum wirtschaftliche Impulse für sein Umland generiert und die Erreichbarkeit wo immer nur möglich verringert. Sein Umland ist weder dumm, noch unbelesen.

Von Pflugscharen zu Schwertern – von Wirtschaftsgebäuden zum Verwaltungs-Cluster?

Die Kantonshauptstadt wird schon bald das Schlusslicht bei der Entwicklung von Bevölkerung und Haushalten in der Ostschweiz übernehmen.

WERBUNG
Referendum Medien

Chart 1

Auch wenn in der Schweiz die Jobs im öffentlichen Sektor zwar zunehmen (v.a. Gesundheitssektor), gelingt es erfolgreichen Städten, parallel zum Staatswachstum ihre wissensbasierten Jobs in den Unternehmensdienstleistungen auszubauen.

Die daraus resultierende Wertschöpfung und Steuerkraft helfen, neue und zusätzliche öffentlichen Aufgaben (oder eben Prestige-Bauten wie einen Neue Bibliothek) zu finanzieren.

Die Stadt St.Gallen verweigert sich dieser Entwicklung.

Chart 2

Wir haben sogar eine rückläufige Entwicklung bei den Unternehmensdienstleistungen. Trotz HSG und OST vor Ort, wo die Talente für ebensolche Funktionen ausgebildet werden.

Anstatt Raum für wissensbasierte Jobs zu schaffen, verdrängt St.Gallen Unternehmensfunktionen, um noch mehr Raum für öffentliche, staatliche Nutzungen zu schaffen. Begründet wird dies, man schaffe so Impulse für die Stadtentwicklung.

Sinnbild für Fehlentwicklung

Die Neue Bibliothek ist nicht Ursache, aber ein Sinnbild für eine fatale Entwicklung in unserer Stadt. Staatlich genutzte Gebäude fressen sich immer tiefer in unsere Stadt. An besten Lagen verdrängen sie damit Raum für Wertschöpfung. Es gelingt St.Gallen nicht, an zentralen Lagen Mischnutzungen zu konzipieren, die ein Miteinander von Wirtschaft und öffentlichen Funktionen ermöglichen.

Es gelingt auch nicht, als Kompensation für diese einseitige Entwicklung aktiv Räume für die Wirtschaft mit attraktiven Raum- und Arbeitsplatzkonzepten an bahnhofnahen Lagen anzubieten. Die Wirtschaftsflächen werden an den Stadtrand verdrängt. Dafür wächst der staatliche und staatsnahe Sektor in St.Gallen im Kern unserer Stadt ungebremst. Job um Job, Haus um Haus. Ein Teufelskreis.

«Fridays for smart jobs»: Streik für den Raum der Denkwirtschaft von morgen

Ab heute Freitag bis zur Sommerpause trete ich in den „Fridays-for-smart -jobs“-Streik – direkt vor dem Union-Gebäude. Nicht etwa, weil ich gegen Bibliotheken bin. Sondern weil es mich fuchst, dass wir keine Sorge tragen zur Entwicklung unseres Dienstleistungsstandorts St.Gallen – und damit ausgerechnet unsere Ressourcenkraft schmälern, die es für ein Stemmen von öffentlichen Aufgaben braucht.

Meine Forderungen: Wie und wo kompensieren Stadt und Kanton attraktive Büroflächen für smarte Jobs im Herzen unserer Stadt, wenn sie mit Staatsbauten die freie Wirtschaft verdrängen? Wo geben die Stadt wie Kanton als Realersatz bestehende Verwaltungsgebäude auf? Wie stoppen wir den Verlust unserer Unternehmensdienstleistungen?

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Remo Daguati

Remo Daguati (*1975) betreut als unabhängiger Berater Standortförderungen sowie Arealentwicklungen im In- wie Ausland. Daneben wirkt er als Geschäftsführer des HEV Kanton und Stadt St.Gallen. Er ist zudem Mitglied (FDP) des Stadtparlaments St.Gallen.

Hier klicken, um die Mobile App von «Die Ostschweiz» zu installieren.