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Michael Götte und der Unirat

«Ich musste wirklich die Hosen runterlassen»

Michael Götte, Fraktionspräsident der St.Galler SVP im Kantonsrat, wird von seiner Partei ins Rennen um einen Sitz im Universitätsrat geschickt. Das passt SVP-intern nicht allen, weil Götte zunächst bei der Suche nach Kandidaten selbst federführend war. Götte sagt: Es ist alles sauber gelaufen.

Stefan Millius am 27. Mai 2020

Er ist langjähriger Kantonsrat und Präsident der SVP-Fraktion, nun will er in den St.Galler Universitätsrat: Der Tübacher Gemeindepräsident Michael Götte. Die SVP hat ihn zuhanden des Kantonsrats, der das Wahlgremium ist, nominiert. Es gab aber noch andere Interessenten. Und hinter vorgehaltener Hand taucht aus der SVP vereinzelt die Frage auf, ob der Universitätsrat eine Art Trostpflaster der Fraktion für ihren Chef für die verpasste Regierungsratswahl sein soll - und ob andere Kandidaten denn überhaupt eine Chance gehabt hätten.

Ausgangspunkt der Kritik ist die Tatsache, dass die SVP-Fraktion aufgrund einer Vorauswahl des Parteivorstands die Kandidaturen geprüft und schliesslich nominiert hat. Und Michael Götte präsidiert diesen Fraktionsvorstand. Hat er sich also gewissermassen selbst in die Pole Position geschoben?

Nein, sagt Götte. Man müsse zur korrekten Beurteilung der Sache den zeitlichen Ablauf kennen.

Nachdem Patrick Stach, der für die SVP im Universitätsrat sass, seinen Rücktritt verkündet hatte, habe man noch gar nicht gewusst, wie viele Sitze im Rat die SVP beanspruchen kann, da die kantonalen Wahlen noch anstanden. «Danach war klar, dass es nur noch drei Sitze sind», so Götte. Und erst dann habe man mit der Planung beginnen können. Das war Mitte März. Michael Götte informierte die Mitglieder der Fraktion über alle Vakanzen, die sich im Hinblick auf die neue Legislatur ergaben, ganz so wie immer. Auch der Universitätsrat gehörte dazu.

Gleichzeitig wurde auch aktiv gesucht. Die ersten Schritte sahen laut Götte so aus, dass man auf der Suche nach Unirats-Kandidaturen Kontakte von früheren Interessenten auffrischte. Auch neue Namen kamen ins Spiel. Wer Ambitionen auf das Amt hatte, musste ein Dossier beim Fraktionsvorstand einreichen. Götte gehörte nicht zu ihnen: «Für mich war das damals kein Thema, ich stand mitten im Regierungswahlkampf.» Deshalb war er in dieser Phase auch weiterhin involviert in die Universitätsrats-Frage.

Erst nach geschlagener - und verlorener - Schlacht sei er dann von mehreren Seiten angegangen worden mit der Frage, ob denn der Universitätsrat nichts für ihn sei.

Damals habe er sich erstmals damit auseinandergesetzt. Als Götte zum Schluss kam, dass er tatsächlich ins Rennen steigen will, habe er aber sofort innerhalb des Vorstands klargemacht, dass er sich als Fraktionspräsident in dieser Angelegenheit zurückziehe. Sein Vize Christoph Gull übernahm das Dossier «Universitätsrat». Danach habe er, Götte, «nie wieder ein Dossier eines Kandidaten gesehen und keinerlei Gespräche mehr geführt.» Dafür reichte er selbst beim Fraktionsvorstand seine Bewerbung ein. «Es ist also alles absolut sauber gelaufen.»

Der Fraktionsvorstand lud vier Aspiranten ein, einer stieg kurzfristig aus, drei wurden zu einem Hearing eingeladen. Götte gehörte zu ihnen. Im Nominationsgremium befand er sich im Ausstand, weil er sich natürlich schlecht selbst anhören konnte. In geheimer Abstimmung entschied sich der Fraktionsvorstand nach den Hearings dann für Götte. Das Resultat sei «klar, aber nicht etwa haushoch» ausgefallen, stellt er fest. Die Fraktion ist inzwischen der Empfehlung des Vorstands gefolgt, der Tübacher ist der offizielle Kandidat der SVP.

So weit, so gut. Die Frage bleibt aber: Hatte der amtierende Fraktionspräsident nicht doch einen uneinholbaren Vorteil vor seinem «eigenen» Gremium, dem Fraktionsvorstand? Blieb seinen teils langjährigen Kollegen vielleicht gar nichts anderes übrig, als ihn zu portieren?

«Eher im Gegenteil», so Götte. Es habe Leute gegeben, die fanden, er solle besser Fraktionspräsident bleiben, ein Amt, das er voraussichtlich Ende Jahr weitergeben wird. Andere wünschten sich eher eine Kandidatur von ausserhalb der Politik. «Ich habe dem Vorstand immer klar gesagt, dass ich kein Problem damit habe, wenn die Wahl nicht auf mich fällt», so Götte. Persönlich wäre es ihm lieber gewesen, der Universitätsrat wäre ein halbes oder ein Jahr später ein Thema gewesen, «aber die Wahl ist nun mal jetzt, und damit auch die Gelegenheit.»

Im Hearing, so sein Eindruck, sei er jedenfalls nicht geschont geworden. «Man hat mich minutiös befragt, auch wenn die meisten mich natürlich gut kennen.» Er habe den Eindruck, man habe ihn aufgrund seiner Rolle sogar eher härter angefasst als die anderen Kandidaten. Einen Vorteil habe er nicht gehabt, «ich musste wirklich die Hosen runterlassen.» Götte weiter: «Auf das Resultat des Hearings habe ich eine Stunde gewartet, es wurde also offenbar lebhaft diskutiert.»

Michael Götte im Interview:

Sie wollen für die SVP in den Universitätsrat. Ist das eine Art Ersatzhandlung für die verpasste Wahl in den Regierungsrat?

Es handelt sich definitiv nicht um eine Ersatzhandlung. Meine früheren und aktuellen Aktivitäten in der Wirtschaft und als Gemeindepräsident, meine Funktion als Leiter kantonale Politik bei der IHK und meine langjährige Arbeit als Kantonsrat und Fraktionspräsident sind aus meiner Sicht optimale Voraussetzungen für einen Sitz im Universitätsrat.

War der Universitätsrat demnach ein Gremium, das Sie schon immer interessiert hat?

Ich habe die Universität als nationalen Leuchtturm immer mit grossem Interessen von aussen betrachtet. In der Vergangenheit habe ich mich mehr auf die politischen Funktionen fokussiert.

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zur HSG ganz allgemein beschreiben?

Persönlich habe ich mich für den dualen Bildungsweg mit einer Berufslehre entschieden und mit einem EMBA an der FHO abgerundet. Als Leiter der kantonalen Politik der IHK St.Gallen-Appenzell und als Mitinitiant der IT-Bildungsoffensive habe ich bereits in den vergangenen Jahren mein Interesse an der Bildungspolitik im Allgemeinen und an der Weiterentwicklung der Universität St.Gallen im Besonderen zum Ausdruck gebracht.

Sie haben in der Vergangenheit beim Spesenskandal an der Universität in der Funktion als Fraktionspräsident auch schon deutliche und kritische Worte gewählt. Was denken Sie: Ist man angesichts dessen an der Uni begeistert von einem möglichen Universitätsrat Götte?

Mit dem ehemaligen wie auch dem heutigen Rektor pflege ich einen guten Austausch. Ich habe grundsätzlich nicht für Begeisterung zu sorgen, sondern bin zusammen mit der operativen Führung mitverantwortlich, dass die Universität im Bereich der Lehre und der Forschung dem raschen Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft mithalten kann.

Sie sind Gemeindepräsident, Fraktionspräsident im Kantonsrat und arbeiten bei der IHK. Das sind alles Teilmandate, aber anspruchsvolle. Wie passt da das Amt des Universitätsrats noch rein? Und bitte sagen Sie nun nicht, das sei alles nur eine Frage der richtigen Organisation…

Wie bereits früher erwähnt, werde ich meine heutigen politischen Funktionen reduzieren. Dies gibt mir den nötigen Freiraum für die Aufgabe als Universitätsrats.

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Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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