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Corona-Splitter (3)

So lässt sich die Qualität von Argumenten testen

Corona soll auch für junge Menschen gefährlich sein. Das mag stimmen. Aber es trifft auch für andere Gefahren im Alltag zu. Und von diesen spricht niemand. Wie sieht es beispielsweise mit dem Strassenverkehr aus? Die neuesten Corona-Splitter von Rainer Fischbacher.

Rainer Fischbacher am 24. März 2021

Nun bringe ich ein anderes Beispiel: Die Behauptung, Corona sei auch gefährlich für junge Menschen

Wir haben Berichte gehört von Intensivstationen, wo junge Menschen hart ums Überleben kämpfen mussten. Wir haben Berichte gehört, dass junge Menschen gestorben sind.

Die Antithese, Corona sei für junge Menschen nicht gefährlich, scheint also schwer haltbar zu sein. Nun, die Gesellschaft und ihre Politiker, sofern sie denn verantwortungsvoll handeln wollen, dürfen sich nicht nur um ein Problem kümmern, bei dem junge Menschen gefährdet sind. Die Gefährdung an Corona muss in Relation zu andern Gefahren gesetzt werden: Strassenverkehr, Alkohol, Rauchen. Hat unsere Regierung das alles verboten, weil es gefährlich für junge Menschen ist? Dazu braucht ein ernsthaft kritischer Mensch Beobachtung, Fleiss und Analyse, es reicht nicht, Schweizer Fernsehen zu schauen, das diese Fragen kategorisch ausblendet.

Exemplarisch möchte ich die Gefährdung von Menschen unter 50 Jahren an Corona in Relation zu ihrer Gefährdung im Strassenverkehr setzen.

Bis zum 12. März 2021 sind in der Schweiz 45 Menschen unter 50 Jahren an Corona gestorben (Quelle BAG). Rund 200 Menschen starben in dieser Zeit im Strassenverkehr, wovon bestimmt 90 unter 50 Jahren alt sind (heuristische Schätzung), nur dass diese unter 50-jährigen total gesund waren im Gegensatz zu den Corona-Opfern. Doch wieviel gefährlicher ist der Strassenverkehr als Corona? Pro Jahr ist der Verkehr für unter 50-jährige doppelt so gefährlich wie Corona, 90 Opfer statt 45. Wenn Corona vorbei ist, ist es vorbei. Die Gefahr im Straßenverkehr kommt jedoch jedes Jahr neu. Also ist der Straßenverkehr insgesamt deutlich gefährlicher: ein fünfjähriger der neu am Straßenverkehr teilnimmt hat 45 Jahre Straßenverkehr bis er 50 ist. Jedes Jahr ein neues Risiko das doppelt so groß ist wie Corona: 45 Jahre doppeltes Risiko gleich Faktor 90

Der Straßenverkehr ist also 90-mal gefährlicher für junge Menschen als Corona. Das ist eine heuristische Schätzung, und sie führt zu einer realitätsbasierten Betrachtung.

Also: Corona ist gefährlich für Menschen unter 50 Jahren, (aber das reicht eben nicht nach Daniel Kahnemann, es braucht einen realitätsbasierten Kontext: Corona ist genau 90 Mal weniger gefährlich als der Strassenverkehr)

Aus einer auf den ersten Blick wahren Behauptung wird eine unverständliche Übertreibung, sobald man sie in Bezug zu anderen Realitäten setzt : die Gefahr des Strassenverkehrs ist 90 Mal grösser: Wer will da noch ernsthaft betonen, dass Corona für Menschen unter 50 besonders gefährlich sei? Mit Einzelfällen lässt sich eben keine Wissenschaft betreiben. Ein Mensch , der eine solche Ausnahme am eigenen Leib erfährt, hat dafür kein Verständnis. Für ihn ist der Einzelfall eingetroffen. Das gilt für Opfer schwerer Coronaverläufe wie für Opfer des Strassenverkehrs.

Berichte von Betroffenen helfen wissenschaftlich gesehen leider nichts, auch wenn sie gut gemeint sind.

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Stölzle /  Brányik
Autor/in
Rainer Fischbacher

Rainer Fischbacher ist Arzt in Herisau und ehemaliger Ausserrhoder Kantonsarzt.

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