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Studie zum Wohnstandort

Standort St.Gallen: Verbände setzen der Stadt Druck auf

Die Stadt St.Gallen verliert Jobs und Einwohner. Die Wirtschaftsverbände fordern seit langem Massnahmen. Um diese Forderung zu untermauern, haben sie diverse Studien in Auftrag gegeben. Die erste liegt nun vor - mit zum Teil alarmierenden Resultaten.

Stefan Millius am 14. August 2018

Einiges ist bekannt. Zum Beispiel, dass die Einwohnerzahlen in der Stadt St.Gallen stagnierend bis rückläufig sind. Und dass der Bestand an Leerwohnungen vergleichsweise hoch ist. Werte wie diese können leicht aus den statistischen Daten der Stadtverwaltung herausgefischt werden. Doch die entscheidende Frage ist: Woran liegts - und wie kann die Entwicklung aufgehalten oder gar gedreht werden?

Der Hauseigentümerverband (HEV) der Stadt St.Gallen wollte dem auf den Grund gehen. Das auf solche Themen spezialisierte Büro Fahrländer Partner Raumentwicklung hat in seinem Auftrag eine Studie zum Wohnstandort St.Gallen erstellt. Das Ergebnis: Ein dickes, in die Detail gehendes Papier.

Weitere Studien geplant

Der HEV agiert nicht allein. Weitere Studien sind geplant, in Auftrag gegeben vom jeweils «richtigen» Verband. «Wirtschaft St.Gallen» (WISG) wird nächstes Jahr ein Papier zur Entwicklung der Branchen und Sektoren und der Arbeitsplatzentwicklung vorlegen, im darauf folgenden Jahr ist die Reihe am städtischen Gewerbeverband mit einer Studie zum Thema Finanzen und Steuern.

Gesucht habe man diese Aufgabe nicht, stellte Christoph Solenthaler, Präsident des St.Galler HEV, bei der Präsentation der Studie vor den Medien klar. «Das ist eigentlich nicht die Aufgabe der Wirtschaftsverbände, aber es wurde sonst ja keiner aktiv.» Das Ziel der Studie zum Wohnstandort sei es, endlich klare Zahlen als Diskussionsgrundlage zu haben. Der HEV und andere Verbände kritisieren die Entwicklung der Stadt St.Gallen seit langem. «Aber wir wurden nicht ernstgenommen und als Miesmacher betitelt», so Solenthaler. Selbstkritisch fügt er an, dass das Parlament die bürgerliche Mehrheit der Vergangenheit aber auch nicht genutzt habe, um Gegensteuer zu geben.

Vergleich unter Zentren

Aber wo liegen sie genau, die Probleme, die nach Massnahmen rufen? Die Raumplanexperten untersuchten St.Gallen im Vergleich zu anderen Zentren der Schweiz. St.Gallen liegt auf Platz 8, was die Grösse angeht, und diverse Werte wurden mit den anderen Top-10-Städten abgeglichen. Wie Dominik Matter von Fahrländer Partner ausführte, zeigte sich in einer ersten Phase die überdurchschnittliche Leerwohnungsquote. Sie ist entgegen dem schweizweiten Trend in St.Gallen gestiegen.

«Das kann an einem Überschuss von neuen Bauten liegen», so Matter - doch in St.Gallen sei das kaum der Fall. Denn was die Bautätigkeit angeht, liegt St.Gallen unter dem Schnitt. Deshalb, so Matter, müsse das Problem am anderen Ende liegen: An einer zu tiefen Nachfrage. Die Bevölkerungsentwicklung stützt diese These.

In den vergangenen Jahren ist beispielsweise Zürich um 70'000 Personen gewachsen, St.Gallen um 6000, «vergleichsweise schwach», wie Matter bilanziert. Seit 2015 ist vor allem der Binnenwalderungssaldo negativ, also die Zahl der Leute, die innerhalb von der Schweiz nach St.Gallen oder von hier weg ziehen.

Jobs verloren

Die Stadt scheint also immer unattraktiver zu werden. Einen Zusammenhang ortet der HEV mit der Beschäftigungslage. Auch wenn die Menschen immer mobiler werden, gilt nach wie vor: Wo keine Jobs, da keine Bürger. Und was die Jobs angeht, hat die Ostschweiz und mit ihr St.Gallen in der jüngeren Vergangenheit Federn gelassen.

Auffällig dabei laut Studie: Sogar in Wachstumssektoren wie den Unternehmensdienstleistungen gingen in der Stadt Jobs verloren. Matter dazu: «Das sind wertschöpfungsstarke Branchen, die man haben möchte, weil die Unternehmen und ihre Angestellten viel Steuern zahlen.» Im IT-Bereich hat St.Gallen verglichen mit anderen Zentren eine gute Position. Aber in absoluten Zahlen sind einige Prozente Zugewinn punkto Jobs hier kein «Reisser».

Wohnstandort

HEV-Präsident Christoph Solenthaler (vorne) und HEV-Geschäftsführer Remo Daguati bei der Präsentation der Studie.

Auch die vergleichsweise hohen Immobilienpreise könnten Leute abschrecken. Ein Einfamilienhaus derselben Grösse kostet beispielsweise in Wittenbach im Schnitt 300'000 Franken weniger als in St.Gallen - gerade für Familien auf der Suche nach einem Eigenheim ein stichhaltiger Faktor. Kritisiert wurde auch die ÖV-Erschliessung. In St.Gallen verkehren zwar haufenweise Busse, aber nur wenige in einem attraktiven Takt, diverse Haltestellen sind schlecht genutzt. Remo Daguati, Geschäftsführer des HEV, erinnerte an die «erodierenden Fahrgastzahlen bei der VBSG, 2 Millionen Fahrgäste weniger innerhalb eines Jahres.» Es sei augenfällig, dass der ÖV attraktiver gemacht werden müsse, um wieder zu ziehen.

Neun Handlungsfelder

Insgesamt neun Handlungsfelder weist die Studie auf, verbunden mit Massnahmenvorschlägen und Hinweisen auf bereits eingeleitete Vorstösse. Bereits aktiv sind diverse Seiten bei der Weiterentwicklung des Gebiets St.Fiden. Denn auch in der Stärkung bestimmter Standorte sieht der HEV eine Chance, die Stadt St.Gallen wieder attraktiver zu machen. «Wir sitzen auf vielen nicht entwickelten Gebieten, seit 10 oder 15 Jahren wird geredet, aber es geht nichts», so Daguati.

Gestreift werden ferner auch Themen wie der Steuerfuss, wobei sich in zwei Jahren die Studie des Gewerbeverbandes intensiver damit auseinandersetzen wird.

Gemessen an der Tatsache, dass einige Probleme von St.Gallen schon lange bekannt sind, drängt sich die Frage auf: Was soll die umfangreiche Studie bringen? Man werde sie nun allen zur Verfügung stellen und darauf drängen, dass Massnahmen folgen, so Christoph Solenthaler. Denn: «Erstmals liegen klare Zahlen und Fakten vor, die habe ich bisher vergeblich gesucht, und nun kann niemand mehr sagen, es gebe sie nicht.»

Die gesamte Studie ist hier zu finden.

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Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist freier Mitarbeiter von «Die Ostschweiz». Seine Stationen führten über das «Neue Wiler Tagblatt», Radio aktuell, die ehemalige Tageszeitung «Die Ostschweiz» zum «Blick».

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