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Bundesplatzbesetzung

«Verschwörungstheoretiker» Marcel Dobler dürfte recht behalten

Die Berner Stadtbehörden wussten, dass auf dem Bundesplatz etwas auf sie zukommt: Das hatten wir im Nachgang mit Berufung auf mehrere Quellen geschrieben. Eine davon, der St.Galler Nationalrat Marcel Dobler, wurde danach als «Verschwörungstheoretiker» bezeichnet. Wohl zu Unrecht.

Stefan Millius am 27. September 2020

Unser Artikel, wonach man in Bern längst wusste, was auf das Bundeshaus zurollt, hat über die Ostschweiz hinaus Verbreitung gefunden. Es ging um die Frage, wie ahnungslos die Stadtväter wirklich waren, als der Bundeshausplatz besetzt wurde. Der St.Galler FDP-Nationalrat Marcel Dobler hatte auf unsere Anfrage bestätigt, dass in Bundesbern seit mehreren Wochen bekannt gewesen sei, dass in der Sessionswoche eine Aktion geplant sei. Zwei weitere Parlamentarier, die nicht genannt werden wollten, taten dasselbe.

Zunächst schien die Meldung in politischen Kreisen nicht sehr zu interessieren. Die Zeitung «Der Bund»meldete sich nach mehreren Tagen bei unserer Redaktion, um mehr in Erfahrung zu bringen. Denn falls es stimme, müsste der Berner Stadtpräsident zurücktreten. Bereits im Gespräch wurde aber deutlich, dass der «Bund»-Journalist die Wortmeldung von Marcel Dobler als «reine Behauptung» qualifizierte.

Immerhin konfrontierte die Zeitung den St.Galler Nationalrat dann noch direkt. Nur um ihn dann in einem Artikel als «Verschwörungstheoretiker» zu titulieren; ein Wort, das heute inflationär für fast alles herhalten muss. Die These: Dobler behaupte einfach irgendetwas ohne Hintergrund. «Die Ostschweiz» wird ebenfalls erwähnt mit der süffisanten Bemerkung, wir hätten für unsere Behauptungen keine Quellen nennen können. Die Wahrheit ist, dass unsere Redaktion gegenüber dem «Bund» klar festhielt, neben Marcel Dobler weitere Quellen zu haben, die aber ungenannt bleiben wollen - was wir respektieren.

Aber nun erhält der «Verschwörungstheoretiker» Dobler Auftrieb. Wie «Tagesanzeiger» und «20 Minuten» enthüllen, wies ein Sicherheitsbericht des Bundesamts für Polizei Fedpol im Hinblick auf die Herbstsession auf «spontane Kundgebungen» auf dem Bundesplatz hin; diese seien «möglich». Der Berner Sicherheitsdirektor streitet es ab, Vorinformationen gehabt zu haben, ansonsten hätte er den Bundeshausplatz sperren lassen, wie er sagt.

Doch selbst Aktivisten werden zitiert in dem Sinn, dass sie sich nicht vorstellen können, dass niemand vorab gemerkt habe, was geplant sei. Zum Teil wurde das Vorhaben offenbar relativ offen in den sozialen Medien diskutiert, wie sie sagen. Zwar war dort natürlich nicht vom Bundeshausplatz die Rede. Aber wenn in der bewussten Woche im Bundeshaus das CO2-Gesetz debattiert wird, braucht es keinen Einstein, um Schlüsse zu ziehen. Wenn es Vorinformationen zu einer grossangelegten Aktion gab, konnte diese buchstäblich nur dort stattfinden.

Die Berner Stadtführung hat, als die ersten Vorwürfe aufkamen, explizit erklärt, aus keiner Quelle irgendwelche Anzeichen für eine geplante Aktion erhalten zu haben. Wie das mit dem Sicherheitsbericht des Fedpol übereinstimmt, der der direktbetroffenen Stadt zwingend hätte weitergeleitet werden müssen, ist ein Rätsel. Im Moment aber konzentrieren sich die Berner Medien lieber auf einen «Verschwörungstheoretiker» aus der Ostschweiz, statt dieser Frage vor der eigenen Haustür nachzugehen.

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Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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