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Neues Buch von Giuseppe Gracia

«Wir dürfen theoretisch alles sagen, aber keiner getraut sich»

«Das therapeutische Kalifat»: Das ist der Titel des neuen Buchs des St.Galler Autors Giuseppe Gracia. Es ist allerdings mehr als ein Buch, es ist ein flammender Appell für die Freiheit des Denkens und politische Korrektheit.

Stefan Millius am 29. September 2018

Giuseppe Gracia ist öffentlich bekannt als Kolumnist beim BLICK und als Mediensprecher von Vitus Huonder, dem Bischof des Bistums Chur. In diesen Aufgaben hat er sich immer wieder als kritischer Geist positioniert. Sein neues Buch wirkt wie eine Auslegeordnung seiner Positionen, die er immer wieder vertritt.

Das therapeutische Kalifat: Das ist nun nicht unbedingt ein reisserischer Titel. Wie kam es dazu?

Giuseppe Gracia: Er geht zurück auf den Philosophen Michael Rüegg. In seinem Buch «Krise der Freiheit» bringt er das Bild des therapeutischen Kalifats als moderne Gefahr für unsere individuellen Freiheitsräume, das hat mich inspiriert. Es gibt heute nicht nur religiösen Totalitarismus oder atheistische Regimes wie in China oder Nordkorea, sondern auch die Gefahr eines therapeutisch-pädagogischen Totalitarismus.

Ist das die Grundthese Ihres Buchs?

Ja, ich sage: ein Grossteil unserer Elite tritt mit dem moralischen Anspruch von Heilpädagogen auf, die sich für den sozialen Zusammenhalt zuständig fühlen. Sie versuchen alle öffentlichen Voten und Kräfte zu unterdrücken, die ihrer Meinung nach diesen Zusammenhalt gefährden und negative Emotionen im Volk wecken. Das führt dazu, dass der Wettbewerb der Ideen und politischen Überzeugungen ersetzt wird durch einen Wettbewerb der Moralapostel. Ein neuer Klassenkampf zwischen Therapeuten und Patienten.

Gab es ein Schlüsselereignis oder eine Entwicklung, die Sie zum Buch bewogen hat?

Ich mache seit Jahren die Erfahrung, dass Meinungen, die vom links-liberalen Mainstream abweichen, in die dubiose rechte Ecke gestellt werden. Diese Erfahrung machen viele, die ich kenne und die sich nicht mehr getrauen, etwas Abweichendes zu liken oder zu posten. Der Chef von Twitter hat kürzlich öffentlich zugegeben, dass viele seiner konservativen Mitarbeitenden ihre Ansichten unter dem Druck der politischen Korrektheit nicht mehr äussern. Warum sollte das bei Facebook oder Google anders sein? Warum in unseren Redaktionen, in denen mehrheitlich Linke sitzen?

Sie waren doch selber ein linker Journalist.

Sicher. Aber ich war immer auch für die volle Meinungsfreiheit und für einen Staat, der uns nicht bevormundet. Das ist leider keine linke Position.

Sie sagen, dass die politische Korrektheit einen Wettbewerb der Ideen verhindert. Gibt es dafür ein konkretes Beispiel?

Nehmen Sie die Migrationsdebatte: wenn Sie sich nicht zum Glaubensbekenntnis der offenen Grenzen und des Multikulturalismus bekennen, werden Sie aus dem Zirkel der guten, verantwortungsvollen öffentlichen Stimmen und politischen Ideengeber ausgeschlossen. Man diffamiert Sie als Rassist und Nationalist. Oder das Thema Islam: da müssen Sie die Meinung vertreten, diese Religion werde von Extremisten nur missbraucht, wenn man Passanten in die Luft jagt, Karikaturisten erschiesst oder Frauen steinigt. Sonst sind Sie ein böser Mensch, der Rechtspopulismus und Islamophobie schürt, und auf so einen darf man nicht hören.

Es ist ja inzwischen durchaus gängig, die politische Korrektheit zu kritisieren. In diesem Sinn rennen Sie doch offene Türen ein?

Klar, Sie dürfen theoretisch alles kritisieren, alles sagen, niemand bestreitet das. Aber Tatsache ist, dass sich die Leute immer weniger getrauen, dies auch wirklich öffentlich zu tun. Weil sie wissen, dass es berufliche und soziale Konsequenzen hat. Die Meisten benehmen sich wie brave Patienten des Mainstreams. Machen Sie selber den Test: posten oder liken Sie eine Kritik der offenen Grenzen, des Islams oder des dominierenden Genderfeminismus. Und Sie werden sehen, wie schnell Ihnen die bösen Worte der medialen Hexenverbrennung um die Ohren fliegen: Hate Speech, Islamhasser, Antifeminist.

Weitere Information zum Buch gibt es hier.

Vorankündigung:

«Die Ostschweiz» führt am Montag, 22. Oktober um 19 Uhr im Pfalzkeller in St.Gallen ein öffentliches Podium zum Thema «Wer hat Angst vor der politischen Korrektheit?» durch. Teilnehmen werden unter anderem Giuseppe Gracia, der Satiriker Andreas Thiel, die CVP-Politikerin Marianne Binder-Keller und der Publizist und Reallehrer Alain Pichard. Weitere Informationen folgen,

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Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist freier Mitarbeiter von «Die Ostschweiz». Seine Stationen führten über das «Neue Wiler Tagblatt», Radio aktuell, die ehemalige Tageszeitung «Die Ostschweiz» zum «Blick».

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