logo

Fortsetzungsroman

Der Tod ist ein Kommunist - Teil 5/13

Nach dem Beststeller «Der letzte Feind» (2020) präsentiert Giuseppe Gracia mit «Der Tod ist ein Kommunist» ein Buch, das sich liest wie ein vergnügter Fiebertraum. Die Antwort auf den Wahnsinn unserer Corona-Zeit. «Die Ostschweiz» publiziert das gesamte Buch in mehreren Teilen – inklusive Audiofile.

Giuseppe Gracia am 09. Januar 2022
00:00
00:00

Das Buch kann über den Verlag oder Orell Füssli bestellt werden.

Sämtliche Kapitel werden auf unserer Seite im Menüpunkt «Journal» unter der Rubrik «Fortsetzungsroman» aufgeschaltet.

WERBUNG
Bergbahnen Malbun

Kapitel 5

Als Hofstetter wieder zu sich kam, lag er abermals in einem Bett, wenn auch diesmal in einem einfachen, kleinen Zimmer. Was ihn nicht störte, denn er fühlte sich – gut. Ja. Sein Körper fühlte sich – weich an. Weich und kuschelig.

Dieses Wort, kuschelig, brachte Hofstetter zum Schmunzeln, weil es doch in keiner Weise zu seinem Körper passte, kuschelig zu sein. Es passte nicht einmal zum alten Sofa im Fernsehzimmer, das er schon lange ersetzen wollte.

Leider wurde Hofstetter aus seiner Wohligkeit aufgeschreckt, als zwei Männer den Raum betraten. Sie hatten den wortkargen Charme von Gorillas und drängten ihn nach draussen, durch einen dunklen Korridor. Sie brachten ihn in einen neuen Raum, der aussah wie ein Sitzungszimmer, in der Mitte ein mahagonifarbener Tisch.

Hinter dem Tisch sassen zwei Männer. Einer davon war Waldenroder, der Verlagschef. Dieser schickte die Gorillas raus, vor die Tür. Dann bat er Hofstetter, auf dem Stuhl vor dem Tisch Platz zu nehmen, ein wenig wie bei einem Vorstellungsgespräch.

«Mein lieber Hofstetter,» begann Waldenroder. «Wir haben Ihnen etwas gegeben, damit Sie sich entspannen.»

«Danke.» Hofstetter spürte eine grosse Ruhe. «Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie entspannend es ist, so entspannt zu sein.»

«Sie haben auch ein Wahrheitsserum bekommen.»

«Habe ich?»

«Es sollte rund eine Stunde lang wirken.» Waldenroder faltete die Hände über dem Tisch. «Wir wollen doch nicht, dass Sie lügen, nicht wahr?»

«Auf keinen Fall, wir sind Journalisten.»

«Und Sie werden uns die Wahrheit sagen.»

Hofstetter blickte die beiden Männer an. «Sie sind so freundlich, meine Herren. Ich sehe, wenn ich sie sehe, führungserfahrene, reife Gesichter der Macht und Intransparenz. Bitte fragen Sie, was immer Sie auf dem Herzen haben.»

Der Mann neben Waldenroder hatte einen brennenden Blick, die Stimme klang streng. «Erzählen Sie, was bisher geschehen ist.»

«Ja,» bestätigte Waldenroder freundlich. «Erzählen Sie bitte, wie es zu Ihrer Entführung kam.»

Hofstetter erzählte alles: der Besuch in der Klinik Hobelberg. Die Entführung mit dem Mercedes. Die Begegnung mit Brenner und den Verrückten aus der Zukunft. Das Hotel mit Nathalie im lachsfarbenen Höschen. Die misslungene Komödie des Professors. Der eifersüchtige Freund mit dem Maschinengewehr. Die Schiesserei in der Tiefgarage. Die Flucht in den Zeitungsverlag.

«Das ist alles?» fragte der Mann mit dem brennenden Blick.

Hofstetter war ehrlich. «Mehr wäre wirklich zu viel gewesen.»

«Und die Frau, diese Nathalie?»

«Ich hätte sie gern geschwängert.»

«Wie?»

«Auch gerne mehrmals.»

«Herr Hofstetter, das interessiert nicht. Wissen Sie, wo sich die Frau aufhält? Wo ihre Freunde sich verstecken?»

Hofstetter überlegte.

«Noch nie,» sagte er, «habe ich einen so warmen, kuscheligen Körper gehabt.»

«Versuchen Sie sich zu konzentrieren. Sie haben keine Ahnung, wo sich Ihre Entführer aufhalten?»

«Nicht den blassesten – wie sagt man?»

«Schimmer.»

«Genau.»

«Sie wissen nicht, wo man Sie gefangen gehalten hat?»

«Das lachsfarbene Höschen. Ich hätte gern daran geschnuppert.»

Der Mann mit dem brennenden Blick erhob die Stimme. «Weiss ihr Freund, der Professor, wo die Leute sich verstecken? Kann er uns sagen, wann sie zuschlagen wollen?»

«Kommen Sie,» erwiderte Hofstetter. «Befreien Sie sich von Ihrer Anspannung. Ich spüre, wie Sie leiden. Lassen Sie los, und Sie werden Ihre Seele lieben, die nur darauf wartet, frei zu sein.»

«Was?»

«Ich bin sehr sensibel, wissen Sie. Ich halte es nur versteckt. In der Redaktion darf man keine Schwäche zeigen. Ein anstrengender Ort voller Koffein und Kokain. Auch Sie sind gestresst, mein Herr – aber unter dem Stress sensibel, ich kann es fühlen.»

«Unter dem Stress?»

«Stehen Sie dazu. Seien Sie dankbar und suchen Sie nach einer guten, fruchtbaren Liebe. Das macht alles lebendiger und schöner, kuschelig, nicht wahr?»

«Es ist das Serum,» sagte Waldenroders Stimme. «Geben wir ihm ein paar Minuten.»

Die Männer gaben Hofstetter ein paar Minuten, sassen still am Tisch. Dann wiederholten sie ihre Fragen, und Hofstetter wiederholte seinen Bericht von der Entführung.

«Das ist die ganze Wahrheit, Herr Hofstetter?»

«So ganz wie noch nie.»

«Haben Sie nichts ausgelassen?»

«Zugegeben,» erwiderte Hofstetter, «da sind noch andere Dinge.»

«Andere Dinge?»

«Es ist wahr, mein Körper ist kuschelig, ich fühle eine warme Heimat in meinen Organen.» Hofstetter lächelte. «Zugleich ist es traurig. Eine schöne, tiefe Traurigkeit. Wie das Echo einer unstillbaren Sehnsucht, verstehen Sie?»

Schweigen am Mahagonitisch.

«Je wärmer das Herz, desto tiefer die Verbindung zum Dasein, desto trauriger der Blick auf den Alltag, dem man sonst folgt, verstehen Sie? Die leere Routine zwischen Kaffee, Computer und dem verbrauchten Sofa im Fernsehzimmer. Das Leben als Journalist: voller Buchstaben, Headlines, Deadlines. Die Zeitung voll, das Herz leer. Keine Kinder. Keine Liebe. Nur Kondome, die nicht zum Einsatz kommen. Meine Herren, die postmoderne Seele ist ein kalter, gebrochener Spiegel.»

«Können wir ihn nicht einfach erschiessen?» fragte eine Stimme am Tisch.

Hofstetter insistierte. «Geben Sie es zu! Das Leben, das wir führen, ist falsch. Alle wissen es, und alle schweigen, aus Angst, ausgestossen zu werden. Dabei ist es das einzige, das uns verbinden würde, in der Tiefe. Die Tatsache, dass wir enttäuscht sind, im Letzten einsam. Auch wenn wir mit der Routine weitermachen und versuchen, das falsche Leben richtig zu leben.» Sanft nickte Hofstetter über den Tisch. «Ich kann es sehen, meine Herren. Ich sehe ihre führungserfahrenen Gesichter der Macht und Intransparenz, und weiss, dass auch in ihnen die Sehnsucht brennt. Die Sehnsucht, die kein vergängliches Wesen stillen kann, kein Blume, keine Jahreszeit. Nur Gott, den es aber leider nicht gibt. Oder gibt es ihn doch?»

«Wir bitten Sie, Herr Hofstetter,» sagte Waldenroders Stimme. «Beruhigen Sie sich. Konzentrieren Sie sich auf ihre Entführung. Konzentrieren Sie sich auf die letzten 24 Stunden, auf mögliche Aufenthaltsorte.»

Hofstetter lehnte sich zurück. «Sie wollen nicht über die Liebe und das Leben sprechen, ich verstehe. Auch ich hatte Angst davor. Weil es so tief geht, nicht wahr?»

«Ihre Entführer, Herr Hofstetter, denken Sie nach. Wo könnten sie sein? Selbst der kleinste Hinweis kann helfen.»

Hofstetter wurde misstrauisch. «Warum sind Sie eigentlich so darauf versessen? Es war doch meine Entführung, nicht Ihre.»

«Wir müssen Brenner und sein Team finden, noch heute.»

«Wieso?»

Jetzt erhob sich Valentin F. Waldenroder von seinem Platz. Er kam, mit dem ganzen Gewicht seiner Autorität, um den Tisch herum, im dunklen Anzug mit der kardinalsroten Krawatte.

«Was ist das für ein Rasierwasser?» Hofstetter schloss die Augen. «Es ist männlich und zugleich – vornehm, frisch.»

Waldenroder blieb vor Hofstetter stehen, bis dieser seine Augen wieder öffnete. Dann bedeutete er ihm, sich zu erheben. Hofstetter gehorchte und folgte dem Verlagschef zum Panoramafenster gegenüber dem Konferenztisch.

«Sehen Sie nach draussen, Herr Hofstetter. Betrachten Sie das Panorama unserer Stadt. Betrachten Sie die Strassen, die Häuser, die Menschen.»

«Wunderbare Aussicht. In meinem Büro ist das Fenster klein und verschmutzt. Es zeigt nur den Hinterhof.»

«Sehr schön,» erwiderte Waldenroder. «Für alle diese Menschen dort draussen in der Stadt, für alle Menschen in Ihrem Büro mit dem kleinen Fenster, überhaupt für alle Menschen sorgen wir uns – verstehen Sie?»

«Sie wollen, dass es uns gut geht. Dass es allen Menschen gut geht.»

«So ist es. Es geht um die Zukunft der Menschheit, nicht wahr?»

«Wenn Sie es sagen.»

Neben ihm am Fenster stehend, legte Waldenroder einen Arm um Hofstetter. «Haben Sie schon von der Bruderschaft der Schlange gehört, junger Mann?»

«Nein, aber von den Kinderschlangen.»

«Herr Hofstetter,» fuhr Waldenroder fort. «Ich verrate Ihnen ein Geheimnis. Ich bin Meister der Loge, hier in Zürich.»

«Meister der Loge?»

«Eine Geheimgesellschaft,» erklärte Waldenroder. «Die Bruderschaft der Schlange existiert seit Jahrtausenden, auf der ganzen Welt. Die älteste Geheimgesellschaft der Geschichte. Grosse Teile unseres atlantischen Geheimwissens überlebten die Wechselfälle der Zeit in den Händen von Bruderschaften in Ägypten, Indien und Tibet. In der Neuzeit entwickelten sich daraus die Freimaurer, die Templer, die Illuminati.»

«Donnerwetter.»

«Unsere Weisheit stammt aus Atlantis und wurde erleuchtet von der altorientalischen Gnosis, von Rom, Athen, von der aztekischen Götterwelt.»

«Nicht übel.»

Waldenroder schien ein wenig entrückt. «Eine ehrwürdige Tradition, in der Tat. Auch wenn sich die Bruderschaft in den letzten Jahrzehnten natürlich verändert hat, sich modernisieren musste. Ich persönlich sorgte dafür, dass wir mehr Frauen in der Loge haben, dass wir uns nicht mehr Bruderschaft nennen, sondern Kinder der Schlange, um keinerlei Geschlechtsidentitäten zu diskriminieren.»

«Damit niemand denkt, Ihre Loge bestehe nur aus weissen, alten, wohlhabenden Männern mit Havanna-Zigarre,» mutmasste Hofstetter.

Waldenroder nickte. «Viele von uns setzen sich heute für vegane Logen-Mahlzeiten ein, für Klimaschutz und Diversity. Es ist wunderbar.»

«Wunderbar.»

«Wäre da nicht diese Dunkelheit am Horizont, Herr Hofstetter. Die Dunkelheit, die sich schnell ausbreitet und auf die Menschheit zukommt.»

Hofstetter blickte durchs Panoramafenster nach draussen, in den Himmel über Zürich, konnte aber nirgends eine Dunkelheit erkennen. «Der Himmel ist blau, Herr Waldenroder, die Wolken zartrosa.»

«Die Dunkelheit kommt, vertrauen Sie mir. Bald wird die Menschheit, wie wir sie kennen, aufhören zu existieren. Auf uns liegt ein Fluch. Die Menschheit lässt sich nicht verbessern, bleibt immer gleich dumpf und gewalttätig, soviel Weisheit uns hier in der Loge auch geschenkt wird. Geschenkt von Atlantis, von der altorientalischen Gnosis und der aztekischen Götterwelt.»

«Und von Athen. Und Rom.»

«So ist es, mein Freund. Viel Weisheit hat unsere Geheimgesellschaft gesammelt im Laufe der Epochen, doch hat es wenig verändert! Das Schicksal der Menschheit ist besiegelt. Sie wird verschwinden, genau wie das Manuskript ihres Freundes, des Professors, es vorausgesehen hat.»

«Die misslungene Komödie?»

«Eine Prophezeiung, Herr Hofstetter. Der Professor ist ein Erleuchteter. In den heiligen aztekischen Schriften heisst es, am Ende der Zeit werde ein Erleuchteter im Irrenhaus die Wahrheit sehen, denn am Ende der Zeit werde es nur noch im Irrenhaus möglich sein, die Wahrheit zu sehen.»

«Verstehe.»

«Es heisst, niemand werde dem internierten Erleuchteten glauben, nur die Weisen, welche die Göttin Coatlicue anbeten.»

«Und Sie beten die Göttin an?»

«Alle Kinder der Schlange tun das. Sie ist die Mutter der Erde, der Fruchtbarkeit, der Sterne und der Artenvielfalt.»

«Und die Rachegöttin gegen alle Feinde des Lebens,» ergänzte eine Stimme hinter ihnen.

Es war der Mann mit dem brennenden Blick.

«Mein lieber Herr Hofstetter,» fuhr Waldenroder fort, «verstehen Sie nun, wie wichtig unsere Fragen sind? Verstehen Sie, in welch dramatischer Lage wir uns befinden?»

«Es dämmert mir.»

Inzwischen hatte sich der Mann mit dem brennenden Blick ebenfalls von seinem Platz erhoben. Er stellte sich neben Hofstetter vor das Panoramafenster.

«Sagen Sie uns, wo Brenner und seine Leute sind.»

Hofstetter zögerte. «Wer sind Sie eigentlich?»

«Vonnegut.»

«Vonnegut? Nathalie hat von Ihnen gesprochen. Moment mal! Sie waren in der Tiefgarage dabei, mit den Maschinenpistolen. Es war sehr laut.»

«Ja. Laserwaffen gehen nicht durch die Zeitmaschine. Ich verfolge Brenner und seine Leute seit der Reise aus dem Jahr 2075. Brenner und seine Leute, Herr Hofstetter, sind die Kinder des Lichts. Sie wollen das Ritual verhindern. Wir hingegen sind die Kinder der Schlange und wollen verhindern, dass das Ritual verhindert wird.»

«Sie kommen auch aus der Zukunft?»

«Lassen Sie sich nicht von zu vielen Informationen und dramaturgischen Nebensträngen verwirren,» erwiderte Vonnegut. «Das bringt am Ende immer mehr Fragen als Antworten. Konzentrieren Sie sich auf das Wesentliche. Das Wesentliche ist: wir müssen Brenners Leute finden, bevor es zu spät ist.»

«Sie wollen Nathalie und die Anderen – neutralisieren?»

«So ist es.»

«Und warum schon wieder?»

«Weil sie hierher in die Vergangenheit gekommen sind, um die Geschichte zu verändern. Sie wollen das Ritual verhindern.»

«Und Sie? Sie wollen sie daran hindern, das Ritual zu verhindern?» Hofstetter kratzte sich am Kopf. «Sie sind ihnen durch die Zeit gefolgt, um sicherzustellen, dass das Ritual stattfindet?»

«Morgen Abend, während der Sonnenfinsternis, Herr Hofstetter. Das Ritual wird zum Untergang der Menschheit führen. Genauer gesagt zum Untergang der Menschheit ausserhalb unserer Loge. Uns wird die Göttin verschonen, wenn wir ihr das richtige Herz schenken.»

«Wie? Daran glaubt ihr? Das ist hart. Gibt es hier keinen Champagner, oder Schnaps?»

Keine Antwort.

«Ihr wollt ein Herz opfern? Des Herz meines Freundes, des Professors?»

In Waldenroders Augen zeigte sich ein väterlich-mitfühlender Glanz. «Uns ist bewusst, dass es schwer für sie ist. Dennoch hoffen wir, dass Sie verstehen: nur ein wahres, treues Herz kann die Göttin besänftigen. Und nur wenn die Göttin besänftigt ist, wird sie nicht alle Menschen untergehen lassen, sondern unsere Loge verschonen.»

«Herr Waldenroder,» erwiderte Hofstetter. «Sie sind doch auch ganz treu und wahr. Warum nicht Ihr Herz opfern?»

Der Verlagschef lächelte. «Ich bin ein Sünder, mein Freund, auch wenn man das von aussen nicht sieht. Machthunger, globale Finanzintrigen, rituelle Orgien in geheimen, schlecht geheizten Burgen. Die Liste ist lang, die Zeit knapp, Herr Hofstetter. Sagen wir einfach: das Herz des Professors ist das, was die Göttin am meisten lieben wird, denn der Professor denkt genau wie die Göttin und ist frei von Machenschaften.»

«Und Orgien im Schloss.»

«Ganz frei.»

«Keine Finanzintrigen, um die Orgien zu finanzieren.»

«Keine.»

Hofstetter zögerte. «Ich weiss nicht, Herr Waldenroder.»

«Sie wissen nicht?»

«Für uns Angestellte in der Redaktion waren Sie stets ein Vorbild, Herr Waldenroder. Der oberste Chef. Erfolgreich, gut gekleidet, rücksichtslos. Stets haben wir uns auf Ihre grosse Geldgier verlassen. Auf Ihre Ruhmsucht, die als Nebeneffekt unsere Arbeitsplätze sicherte.»

«Natürlich,» nickte Waldenroder.

«Und nun das. Eine aztekische Göttin, Zeitmaschinen, Maschinenpistolen, psychisch gestörte Rituale. Das wird viel Geld kosten und keinerlei Gewinn abwerfen, die Aktionäre verärgern, vermutlich den Verlag ruinieren, vermutlich alle Verlage im näheren Umkreis.»

Wieder nickte der Chef.

«Es muss leider sein,» meinte er. «Morgen Abend wird es geschehen. Im Logen-Tempel unter der Münsterplatzkirche, Sie werden begeistert sein! Wir werden die Göttin um Erbarmen für die Sünden der Menschheit bitten. Wir werden sie darum bitten, uns nach dem Untergang der alten Zivilisationen junge Frauen zu schenken, damit wir die Erde neu bevölkern können.»

«Dieser Teil klingt gut.»

«Nicht wahr?»

Trotzdem zögerte Hofstetter. «Sie wollen beim Ritual das Herz meines Freundes herausreissen?»

Waldenroder antwortete nicht, und für einen Moment, vor dem Panoramafenster stehend, wurde Hofstetter melancholisch. Er dachte an Nathalie, an ihr Lächeln, an ihre Augen, an die Wärme ihrer Hingabe, die er – das wurde ihm erst jetzt klar – bei einer Frau noch gar nie erlebt hatte. Diese Frau, Nathalie, wollte einen Mann wie ihn, Hofstetter!

«Herr Waldenroder,» sagte er. «Ich muss Sie jetzt verlassen. Ich realisiere gerade, dass ich geliebt werde. Eine Liebe, die alle Erwartungen sprengt und die ich bisher nicht ernst genommen habe.»

«Wie?»

«Die leere Routine meiner Enttäuschungen hat mich unempfänglich gemacht. Die Ernüchterung des Lebens, die emotionale Austrocknung, genau wie im Buch des Leiters der Hobelberg-Klinik beschrieben.»

Waldenroder hob seine rechte Augenbraue: «Ein kolossaler Betrug? Der Verlag hat dieses Buch unserem Feuilleton zugestellt, mehrmals. Ich finde das Werk, ehrlich gesagt, etwas plump.»

Hofstetter, ohne hinzuhören, griff nach der Hand des Chefs, um sie zu schütteln. «Auf nimmer Wiedersehen, Herr Waldenroder. War schön, mit Ihnen den Untergang der Menschheit zu besprechen.»

Stölzle /  Brányik
Autor/in
Giuseppe Gracia

Giuseppe Gracia (*1967) ist freier Autor und für «Die Ostschweiz» als Publizist tätig. Er ist verheirateter Vater von zwei Kindern und lebt in St.Gallen.

Hier klicken, um die Mobile App von «Die Ostschweiz» zu installieren.