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Zeyer zur Action-Jugend

Endlich. Die tun was Aufmüpfiges

Krawall, Randale, Rabatz. Action, wie man heute so schön sagt. Polizei auf der Strasse, St. Gallen im Ausnahmezustand, 500 Wegweisungen. Haben die Jungen nichts Besseres zu tun?

René Zeyer am 05. April 2021

Marc Brupacher weiss es ganz genau: «Wer denkt, in St. Gallen randalierte die «CH-Jugend», welche gegen die Corona-Massnahmen rebelliert, ist ziemlich dumm.»

Wer ist Brupacher? Nun, ein leitender Redaktor des «Tages-Anzeiger», der auch schon den Bundesrat als «komplett übergeschnappt» anrempelte. Also ein nicht ziemlich, sondern herausragend dummer Mensch.

Schon 1968 gingen auch in der Schweiz Jugendliche auf die Strasse und machten Randale. Was damals als die Zürcher Globuskrawalle in die Geschichte einging. Auch Anfang der 1980er-Jahre gab’s Rabatz, der vor dem Zürcher Opernhaus anfing und bald einmal weite Teile der Schweiz überzog.

Die Reaktion der Nicht-Jugendlichen war und ist immer die gleiche. Haben wohl nichts Besseres zu tun. Sollen lieber was arbeiten, als herumzukrakeelen. Sinnlose Zerstörungswut, wer muss das nun bezahlen? Vom Polizeieinsatz ganz zu schweigen.

Oder wie das der bekannte Amok Réda el Arbi (eigentlich Stocker) so unnachahmlich in Worte zu fassen weiss: «Die meisten Jugendlichen halten die Chaoten von St. Gallen für Arschlöcher.» Im Gegensatz zu diesen beiden Vollpfosten habe ich keine Ahnung, was die «meisten Jugendlichen» über die Ausschreitungen in St. Gallen denken.

Im Gegensatz zu diesen Flachköpfen weiss ich aber, dass eine Reaktion auf Jugendrebellion immer die gleiche ist. Nur die Begrifflichkeit ändert sich. 1968, da war es der Abscheu vor Langhaarigen, vor unvorstellbaren sexuellen Ausschweifungen – und vor dem roten Bazillus, der sich über diese Rebellen verbreiten könnte.

Mit rotem Bazillus meinte man die Gefahr aus dem Osten, aus dem kommunistischen Lager, das die Weltherrschaft erobern wollte. Und immer begierig war, sich nützlicher Idioten zu bedienen, um die westliche Gesellschaft zu unterwandern. Diese Gefahr löste wahre Panikattacken bei vielen gestandenen Repräsentanten des herrschenden Systems aus. Auch in der Schweiz.

Es wurde die Schreckfigur eines Willy Wühler erfunden, der unablässig wühlt, unterwandert, Dummköpfe ausnützt und nichts weniger als einen Umsturz, einen Staatsstreich, eine Revolution in der Schweiz plant.

Auch bei der Jugendbewegung der 80er-Jahre erschrak das Bürgertum gewaltig, dass schon wieder Horden von Jugendlichen durch die Strassen zogen, freie Sicht aufs Mittelmeer forderten und «macht aus dem Staat Gurkensalat». Aber auch mit diesen Aufständischen und Aufmüpfigen wurde das System fertig. Dann war ziemlich lange Ruhe im Karton, die Jugend machte ihre üblichen Dummheiten, blieb aber ansonsten politisch unauffällig. Dann kam die kurze Blütezeit der Klimabewegung; Schuleschwänzen am Freitag für eine bessere Welt. Aber diese Manifestationen erledigten sich dann mit der Pandemie.

Nun wird’s aber unaufhaltsam Frühling, und viele Jugendliche haben verständlicherweise die Schnauze voll davon, dass der Wochenendspass nur daraus besteht, sich irgendwo draussen gemeinsam den Hintern abzufrieren. Kein Club, kein Kino, kein Restaurant, keine Bar, nicht einmal Fitnessclubs zum Loswerden überschüssiger Energie.

Erste Welle, zweite Welle, dritte Welle, ewige Welle, die Folgen widersprechen einem ewigen jugendlichen Grundbedürfnis. Dass wenigstens am Wochenende was läuft, man gemeinsam ein Fass aufmachen kann (oder zwei), sich furchtbar wichtig verabreden, gemeinsam durch die Nacht streifen, da und dort bei einer Tränke oder einer Beschallungsanstalt einen Stopp einlegen.

Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und wenn man sich dann noch dank der modernen Kommunikationsmittel zu einem grösseren Haufen vereinigen kann, dann gerät das etwas ausser Kontrolle. Gibt es neue Formen von Ehrenabzeichen, wie bspw. die auf die Hand geschriebene Nummer, mit der man stolz beweisen kann, von den Bullen reingenommen worden zu sein.

Alles soweit im grünen Normalbereich (natürlich distanzieren wir uns hier ausdrücklich von Gewalt). Aber schon wieder wird ein Bazillus gefürchtet. Und dazu noch ein Virus. Der Bazillus ist aber nicht mehr rot, sondern braun. Rechtsradikale, Libertäre, Corona-Lügner und anderes finsteres Gelichter will die Spassjugend für böse Zwecke missbrauchen.

Erschwerend kommt noch hinzu, dass sich die jugendlichen Demonstranten kaum an die heiligen Corona-Regeln halten. Zusammenballungen verboten, Mundschutz obligatorisch, usw. Damit verwandeln sich diese Krawallabende zudem noch zu Superspreader-Events, die ganz alleine eine neue Welle von Infektionen auslösen können.

Also letztlich zur Überlastung des Gesundheitssystems führen, zu Todesfällen, möglicherweise sogar zum Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung. Daher muss wieder einmal alles unternommen werden, um eine Wiederholung zu verhindern.

Aber wie 1968, wie 1980 machen all diese «Law and Order»-Schreihälse den gleichen Fehler auch 2021. Probleme verschwinden nur, wenn etwas gegen ihre Ursachen getan wird. Nicht gegen ihre Manifestationen.

Stölzle /  Brányik
Autor/in
René Zeyer

René Zeyer (1955)  ist Publizist, Bestsellerautor («Bank, Banker, Bankrott») und Kommunikationsberater. Er lebt in Zürich und Havanna.

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