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Kultur mit Müller

Filigraner Wohlklang, slappender Jazzfunk und drei Perpektiven auf Einen

Eine weitere Ausgabe mit Tipps für gute Musik von Andreas B. Müller, vielen noch bekannt als früherer Geschäftsleiter des Openair St.Gallen.

Andreas B. Müller am 10. Mai 2021

Seelentiefes und warmes Sopransaxophon

So klingt es, wenn eine Sternschnuppe in einer lauen Sommernacht mit einem warmen Windhauch tanzt: Der Saxophonist Rain Sultanov aus Aserbeidschan entführt auf dem Album «Cycle» zusammen mit dem Pianisten und Nicht-Organisten Isfar Sarabski, ebenfalls aus dem 10 Millionen-Staat zwischen dem kaspischen Meer und dem kaukasischen Hochgebirge (bis über 5'600 Meter über Meer…) stammend, in Stratosphären, die ich in dieser Intensität nur von Jan Garberek, einem meiner Überjazzer aus Norwegen, kenne. Die wunderbare Mélange zwischen Weltmusik und Jazz wirkt zeitlos. Sarabski malt an der Kirchenorgel die Klangsäulen und perlt auf dem Flügel behutsam Melodiefragmente und bereitet so den Raum für Sultanovs seelentiefes, warmes und mit der richtigen Prise Hall versetztes Sopransaxophonspiel. «Elegant unprätentiöse Melodik» schrieb das Fono Forum zum letztjährigen Album «Influence», das klanglich von «Cycle» aus dem Jahre 2018 beeinflusst scheint. Und auch «filigraner Wohlklang» würde ich den neun Kompositionen mit so verheissungsvollen Titeln wie «Embryo», «Symbiosis», «Reinkarnation» oder «Silence» zuschreiben: Wenn Stille klingen würde, dann wohl am ehesten wie diese sanft-intensive Begegnung from Outer Space.

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Cycle

Rain Sultanov & Isfar Sarabski, «Cycle» (Ozella)

Gute-Laune-Musik für hardgesottene Jazzfunker

So lässig groovig und funkig habe ich schon lange nach Mark King von Level 42 nicht mehr den Bass spielen und slappen gehört! Und das Erstaunliche dabei ist, dass gar nicht der Bandleader Mark Lettieri die dicken Saiten auf Teufel komm raus zum Schwingen bringt, sondern sein Kumpel Daric Bennett, und das auf äusserst präzise einerseits und perkussive Art andererseits. Für LiebhaberInnen von härterem Jazz-Funk ein gefundenes Fressen: «Deep – The Baritone Sessions, Vol. 2» taktet gnadenlos und trotzdem mit viel Melodie drauflos, Synthieschwaden vernebeln nur kurzfristig das Gehör, bevor Lettieri, der Meister auf dem tiefergelegten Baritonguitar-Boliden, das Klangspektrum hyperdynamisch ausreizt. Gute-Laune-Musik für Hardgesottene, die beispielsweise auch auf «Heavy Metal Bebop» der Brecker Brothers abfahren. Einfach etwas moderner und meist ohne Bläser, was hier (und nur hier) entschuldigt ist. Es könnte aber auch eine Schwermetall-Scheibe von «Snarky Puppy» sein, wo Lettieri und der Keyboarder Justin Stanton stilbildend mitwirken.

Lettieri

Mark Lettieri, «Deep – The Baritone Sessions, Vol. 2» (GroundUP Music)

Minimalistisch bis bombastisch

Der Bruch von der ersten zur zweiten Besprechung ist etwas hart, aber manche Harmonie wird erst im Kontrast zum Gegenüberliegenden richtig geniessbar. So bleibe ich vorerst bei den härteren Klängen, wiewohl sich auch dies rasch relativieren wird. Die erste Auskopplung «Addicted» aus dem neuen Album «Fram» des deutschen Trios ELF würde ich als Techno-Jazz bezeichnen, und sie verwundert, verwirrt und überrascht dann, wie jede Komposition und Kompilation von einer der am meisten beachteten Jazzformationen unseres nördlichen Nachbarlandes. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich das Pianotrio um den Schlagzeuger Gerwin Eisenhauer, den Pianisten Walter Lang jun. und den Bassisten Sebastian Gieck (leider) nicht auf dem Radar hatte und so jahrelang deren einmaliges Zusammenspiel, abgespacete Rhythmen (Eisenhower ist exakter als ein Schweizer Uhrwerk) und alle Spektralfarben abdeckende Kompositionen von minimalistisch bis bombastisch, verpasst habe. Umso faszinierter bin ich von deren Gesamtwerk und der neuesten Veröffentlichung «Fram», die Überraschung an Überraschung bereithält. Ich bin ja schon einer, der auch überbordend begeistert sein kann, und das genau passiert mir beim Trio ELF: Sehr selten hat mich ein Pianotrio so in seinen Bann gezogen. Ein «Meisterwerk!», meint nicht nur das Magazin «Filter». Hier sei auch gerne erwähnt, dass die Ausnahmekönner, deren Stil mit einer Begegnung von «Grooves der Clubkultur mit pianistischer Lyrik» bezeichnet wird, am Freitag, 25. Juni, in St. Gallen im Kultbau sein neues Album präsentiert (www.gambrinus.ch).

Trio Elf

Trio ELF, «Fram» (Yellowbird, enja)

Wenn nun dem Trio ELF Bass und Schlagzeug entzogen werden, bleibt Walter Lang jun. übrig, und dann gibt es mindestens zwei weitere Möglichkeiten, sich dem Pianisten und seiner «wohlklingenden» Version zu nähern: Einerseits über sein Walter Lang Trio, mit der er letztes Jahr das 12 Titel umfassende, über einstündige Album «Tens» veröffentlicht hat. Hätte ich es in Vinyl gekauft, wären die Rillen vom vielen Abspielen längst ausgespurt. Lang lässt das Klavier singen und jubilieren und den Hörer in Traumwelten eintauchen, lockt mit Melodiebögen und schillernden Kaskaden und tirilierendem Tirila, präsent, subtil, rund. Unterstützt wird Lang durch ein im besten Sinne sachdienliches Bass-/Schlagzeugduo mit Thomas Markusson und Magnus Öström (!) mit eingestreuten solistischen Miniaturen. «Lyrisch und expressiv, höchst virtuos und voll melodiösem Reichtum», wie die Badische Zeitung schreibt.

Und rund ist andererseits auch sein neuestes Werk im Duo mit dem jungen Gitarristen Philipp Schiepeck, der gemäss Deutschlandfunk «mit vergleichsweise wenigen Tönen eine grosse Spannung» erzielt und «Klangschönheit und Klangsinnlichkeit» zelebriert. Wenn wir schon dabei sind: «Klangmeditation» ist der dritte Begriff, der zu «Cathedral» gehört und die melismischen (kling gut, nicht?) Weisen andeutungsweise zu charakterisieren vermag. Wohltemperierte akustische Gitarre vermählt sich mit ebensolchem Klavier. Wunderbar.

Hörtipp Walter Lang Trio:
Hörtipp Schiepek & Lang
Schiepek

Philip Schiepek & Walter Lang: «Cathedral»

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Autor/in
Andreas B. Müller

Andreas B. Müller (*1960) liebt gute Musik, Literatur und Wein (alles, was Seele hat), wirkt(e) unter weiterem als Konzert- und Festivalorganisator, Marketing- und Kommunikationsfachmann, rasender Reporter, Kurdirektor, Kellner, Coach und Supervisor, Projektentwickler und Ideeologe und zuletzt als Teamleiter Major Donor Fundraising für ein international tätiges Kinderhilfswerk. Er ist Projekt- und Programmleiter der Eventlocation INDUSTRIE36 in Rorschach (www.industrie36.events), Präsident des St. Galler Jazzvereins «gambrinus jazz plus» (www.gambrinus.ch) und bewegt mit seiner Wirkstatt Müller (www.wirkstattmueller.ch) Menschen und Projekte.

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