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Mitbewerber-Bashing statt Dienst am Leser

Wenn die Konkurrenz wichtiger ist als die eigene Leserschaft

Das St.Galler Tagblatt gibt es seit 182 Jahren. Ein kleiner Verlag hat die Onlineausgabe des Tagblatts nun nach gerade einmal dreieinhalb Jahren zahlenmässig überholt. Das macht den Platzhirsch offensichtlich nervös.

Stefan Millius am 22. September 2021

Zunächst: Wir haben Verständnis. Eine Regionalzeitung, die sechs Mal pro Woche eine gedruckte Zeitung in die Briefkästen der Abonnenten liefert und sich inhaltlich in einem nationalen Zeitungsverbund bewegt, hat gewisse Ansprüche. Sie will die Nummer 1 sein. Für immer.

In den Briefkästen ist sie das weiterhin. Denn da gibt es regional betrachtet keine Konkurrenz. Mit der Onlineausgabe ist sie es allerdings nicht mehr. Gemäss aktuellen Mediendaten begrüsst tagblatt.ch monatlich 991'000 einzelne Leser. Diesen Wert hat «Die Ostschweiz» bereits Mitte September locker übertroffen. Bis Ende des Monats werden es voraussichtlich knapp 1,5 Millionen Leserinnen und Leser sein, die uns besucht haben. Ohne gedruckte tägliche Ausgabe, ohne Förderung durch den Staat, ohne eine Hundertschaft von Redaktoren. Mit gerade mal einer knappen Handvoll Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und auf bescheidenen 90 Quadratmetern in der Innenstadt von St.Gallen. Grösse ist eben nicht alles.

Das macht die Tagblatt-Oberen offensichtlich nervös. Nicht zuletzt, weil sie immer davon ausgegangen sind, gar keine Mitbewerber zu haben. Das «St.Galler Tagblatt» ist in der Eigenwahrnehmung DIE Ostschweizer Zeitung, alles andere ist Beilage. Nun hat die Beilage das Filet überrundet. Das motiviert die selbsternannte führende Zeitung der Ostschweiz zu reichlich unsouveränen Handlungen.

Im August 2021 startete das «Tagblatt» eine Kampagne gegen «Die Ostschweiz» aufgrund eines einzelnen, wie von uns selbst klar deklarierten missglückten Beitrags eines Gastautoren. Die Publikation dieses Beitrags in dieser Form war ein Fehler, wie er im redaktionellen Alltag passieren kann – uns und anderen. Seither hat sich die Tagblatt-Führungsetage am Thema festgebissen. Es geht nicht mehr darum, der Leserschaft ein möglichst gutes Produkt vorzulegen. Es geht darum, einen ungeliebten und unerwartet schnell gewachsenen Mitbewerber schlecht zu machen.

Aktuell startet das «St.Galler Tagblatt» dem Vernehmen nach gerade wieder eine neue Offensive, um die Konkurrenz zu diffamieren. Deren Verbrechen besteht darin: Sie setzt auf die Meinungsfreiheit und will das gesamte Spektrum der Ansichten sichtbar machen. Das war einst die ureigene Aufgabe von Medien. Offenbar ist sie es nicht mehr.

Es scheint, als hätte die Tagblatt-Redaktion inzwischen nur noch eine Aufgabe: Zu überprüfen, woran man «die anderen» aufhängen könnte. Einem Leser, der weit über 500 Franken für ein Jahresabo hinblättert, dürfte diese Prioritätensetzung sauer aufstossen. Ein Beleg dafür sind die zahlreichen E-Mails und Anrufe, die uns täglich erreichen, in denen Medienkonsumenten verzweifelt nach einer Alternative zur bisherigen Tageszeitung suchen.

Anlass für das alles ist die Coronasituation. In dieser hat «Die Ostschweiz» stets eine klare Haltung vertreten. Wir sagen nicht, was richtig und falsch ist; wir fordern nur das Recht ein, dass sich jeder an der Debatte über richtig und falsch beteiligen kann. Um dem Bundesrat zu Diensten zu sein und vor allem um die erwarteten Mediensubventionen zu kassieren, überschlagen sich Tagblatt und Co. im Bestreben, es der Landesregierung recht zu machen, sprich: Sie um keinen Preis zu kritisieren, sondern ihre Entscheidungen unreflektiert weiterzugeben. «Die Ostschweiz» auf der anderen Seite räumt Menschen Platz ein, die kritische Gedanken publik machen wollen. Diese sind nötiger denn je, um eine Debatte zu ermöglichen. Wir gehen von mündigen Lesern aus, die aus der Vielzahl von Informationen ihre eigenen Schlüsse ziehen können und haben wenig Lust, ihnen eine von uns definierte Wahrheit vorzusetzen.

Auf der anderen Seite sieht es anders aus. Tagblatt-Chefredaktor Stefan Schmid mag geimpfte Leute. Das ist sein gutes Recht. Leider wird es aber auch publizistisch sichtbar. Wer der entsprechenden Kampagne des Bundes nicht folgt, wird von Schmid in einem Kommentar als «der Rest» bezeichnet, mit dem man tun kann, was man will, Diskriminierung und Entzug von Grundrechten inklusive. Mit dieser Haltung wähnt sich die Zeitung auf der Seite der Guten.

Zwar schlägt der Zeitung in den sozialen Medien auf diesem Kurs viel Widerspruch entgegen, aber diese Stimmen tut man ab als die von Verschwörungstheoretikern und Verirrten. Zur Erinnerung: 40 Prozent der Stimmbevölkerung lehnten im Juni 2021 das Covid-Gesetz ab, obwohl dieses direkt mit den Hilfsleistungen an Unternehmen verknüpft worden war. 40 Prozent des Stimmvolks wollten das, was aktuell passiert, explizit nicht mittragen. Diese 40 Prozent sind in den Augen des «Tagblatt» der «Rest», der gefälligst gefügig gemacht werden soll. Um jeden Preis. Und das wird von einer imaginären Jury als richtig definiert, wer das nicht akzeptiert, wird publizistisch verfolgt.

«Die Ostschweiz» wird vorgeworfen, nicht ausgewogen zu berichten, der massnahmenkritischen Seite zu viel Raum zu geben. Derweil erscheint im «St.Galler Tagblatt» kaum ein Artikel über die Massnahmen oder die Impfkampagne, in dem nicht absolut vermittelt wird, dass der Kurs der aktuellen Coronapolitik der einzig richtige sei, dass man sich gefälligst impfen lassen soll, dass nur so «Normalität» einkehren kann, dass aufmüpfige Gastronomen des Teufels seien und verfolgt werden müssten, dass die Teilnehmer von Demonstrationen nicht ernst zu nehmen seien. Das alles geschieht nicht einmal subtil, sondern in deutliche Worte gefasst. Allen voran der Begriff «Coronaskeptiker», den die Zeitung immer wieder verwendet und der völlig irreführend ist. Kaum jemand ist skeptisch, was die Existenz eines Virus angeht. Ebenso wenig wie jemand bezweifelt, dass es ein Klima gibt.

Man darf diese Haltung haben, man darf sie auch publizieren, die Frage ist nur: Warum darf man nicht auch zum gegenteiligen Schluss kommen? Warum traut eine grosse Zeitung den Menschen in diesem Land nicht zu, sich selbst ein Bild zu machen? Warum lässt man die Leserinnen und Leser nicht selbst denken – und entscheiden?

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Stölzle /  Brányik
Autor/in
Stefan Millius

Stefan Millius (*1972) ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz».

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