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«Corona-Splitter» (17)

Die Impfung

In meiner Einführung habe ich mich als Impfbefürworter geoutet. Eine überzeugte Impfgegnerin hat in einem Diskussionsforum gemeint, wenn ich mich als Impf-guru erweise, würde sie der Zeitung «Die Ostschweiz» ihre Liebe kündigen. 

Rainer Fischbacher am 06. Mai 2021

Ich möchte «Die Ostschweiz» in Schutz nehmen: sie lässt mir freie Hand. Sie möchte , dass alle ihre Meinung äussern können. Und das finde ich echt stark, und ich glaube, auch diese Leserin findet das eigentlich gut.

Impfen ist für mich wie jede medizinische Massnahme. Sie sollte bitte mehr nützen als schaden.

Dazu braucht es wissenschaftliche Studien. Und darum ist es auch ein gutes Zeichen , dass die Entwicklung eines Impfstoffes im Westen länger gedauert hat als in China, Russland und Indien. Und vielleicht ist es auch ein gutes Zeichen, dass in der Schweiz der Impfstoff von Astra Zeneca nicht zugelassen wurde, der nun in Österreich wieder vom Markt genommen werden musste nach einem tragischenTodesfall. Es ist manchmal gut, wenn die Mühlen langsam mahlen. Es ist manchmal gut, wenn man demokratische Prozesse nicht einfach mit Notrecht aushebelt, weil es gerade ein wenig eilt. Tempo ist nicht nur auf der Strasse gefährlich, nein auch in der Medizin und in der Politik.

Wenn nun also ein 80-Jähriger zu mir kommt und fragt, ob er impfen soll und wenn ein 20-jähriger Gesunder zu mir kommt, und das Gleiche fragt, kann es unmöglich dieselbe Antwort geben: Der 80-Jährige hat 15% Gefahr, an Corona zu sterben. Der 20-Jährige hat 0 % Gefahr, wenn er keine schweren sonstigen Krankheiten hat. Das galt zumindest, bis die gefährlicheren Mutanten auftraten. Ich werde individuell nach bestem Wissen beraten. Wenn ein Impfstoff 100% sicher und gut verträglich ist, dann kann ein 20-Jähriger sich auch impfen lassen, um andere zu schützen, ohne eigenen Nutzen. Wenn ein Impfstoff wie der von Astra Zeneca gesunde Menschen töten kann, dann muss ich meinen Patienten fragen, ob er bereit ist, das zu riskieren, nur um andere zu schützen.

Es gibt Menschen, die prinzipiell gegen das Impfen sind. Woher nehmen sie ihre Überzeugung? Wissen sie es besser? Nun, ihr Wissen stammt aus Internetquellen von fraglicher Qualität. Da ist zum Beispiel zu lesen, dass nach Impfung gegen Hepatitis B multiple Sklerose (MS) aufgetreten sei. Und schwupps, heisst es: MS kommt von der Hepatitis-B-Impfung.

Die Hepatitis-B-Studie hat eigentlich genau das Gegenteil gezeigt: In der mit Hepatitis B geimpften Gruppe gab es zwei MS-Fälle . In der Placebo- Gruppe ohne Hepatitis-B-Impfung aber drei MS-Fälle. Das war also einfach Zufall.

Aber das hat die Impfgegner nicht interessiert. Sie haben gesehen: nach Impfung gab es zwei Fälle mit MS, und der Rest (dass es ohne Impfung auch MS gegeben hat) hat sie nicht interessiert. Damit argumentieren sie leider wissenschaftlich genauso schlecht wie unsere wissenschaftliche Taskforce.

Die Impfbeteiligung ist ein Spiegel der Gesellschaft: Wenn wir durch gute Argumente für das Impfen überzeugt werden, werden wir uns impfen lassen. Ein paar Impfgegner können uns dann nicht gefährden.

Wenn ich als Stimmbürger geimpft bin und dennoch verlange, dass alle, die ans gleiche Fussballspiel wollen wie ich, auch geimpft sein müssen: was soll das? Hab ich denn kein Vertrauen, dass mich der Impfstoff schützt? Schützt mich der Impfstoff nur, wenn der andere auch geimpft ist?

Oder müssen alle geimpft werden, damit mein 100-jähriger Vater auch an den Fussballmatch gehen kann?

Bitte liebe Leser, lassen Sie sich impfen, aber seien wir alle verständnisvoll für Menschen, die das nicht möchten.

Impfen oder nicht impfen: Noch wichtiger als die Antwort auf diese Frage ist die Freiheit, sie selber beantworten zu dürfen.

Wie kann ich das behaupten? Wenn alle geimpft sind, ist Corona doch vorbei? 

Leider nein- Dazu mehr im «Corona-Splitter» 18.

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Stölzle /  Brányik
Autor/in
Rainer Fischbacher

Rainer Fischbacher ist Arzt in Herisau und ehemaliger Ausserrhoder Kantonsarzt.

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